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«Der Entscheid des Thurgauer Parlaments ist für uns eine Demütigung»

Der Westschweizer Journalist José Ribeaud erklärt die Sicht der Romands: Die Aversion der Deutschschweizer gegen das Hochdeutsch sei eines der grössten Probleme.

Der Journalist und Buchautor José Ribeaud ist 1935 in Pruntrut geboren. Er war Chefredaktor des «Téléjournals» von RTS und der Zeitung «La Liberté» in Freiburg. Heute wohnt er in Berlin.

Warum reagieren die Westschweizer so empfindlich auf die Frühfranzösisch-Debatte in der Deutschschweiz?

Die Romands sind nicht mehr und nicht weniger empfindlich auf Französisch als die Deutschschweizer mit ihren Mundarten. Der Entscheid des Thurgauer Parlaments ist für uns eine neue Demütigung.

Die Westschweizer kriegen offenbar nicht die ganze Debatte mit: Viele Deutschschweizer sind aus praktischen, ja pädagogischen Gründen gegen das Frühfranzösisch.

Die Deutschschweizer sollten wie die Romands und die Tessiner mit einer Landessprache in der Primarschule anfangen. Das verlangen die Staatsräson und die Verantwortung der Sprachmehrheit. Man sollte auch mit der schwereren Sprache zuerst anfangen. Englisch werden unsere Kinder sowieso lernen.

Das Problem ist eben: Hochdeutsch ist für viele Deutschschweizer eine zusätzliche Fremdsprache, die sie erst lernen müssen. Sie drücken sich lieber in Mundart aus.

Solange die Deutschschweizer ihre Aversion gegenüber Hochdeutsch nicht überwinden, werden wir keine befriedigende Lösung finden. Deshalb sollten sie ihren Kindern vom Kindergarten an Hochdeutsch beibringen, anstatt es zu verbieten! Man würde uns nicht mehr sagen können: In der Primarschule lernen wir Deutsch und Englisch, keine Zeit für Franz. Das ist respektlos.

Wieso?

Für die Romands ist es frustrierend: Sie lernen in der Schule Deutsch. Und dann erfahren Sie, dass Ihre Landsleute nur Schwizertüütsch oder Englisch sprechen. Da haben wir keine Chance, wenn einer Berndeutsch, einer Walliserdeutsch und einer Züritüütsch spricht. Das ist schlicht diskriminierend. Das ist auch der Grund, warum die Sprachaufenthalte für Lehrer und Schüler in der Deutschschweiz nicht nützlich sind. Um Deutsch zu lernen, müssen die Romands nach Deutschland. Das ist schade.

Glauben Sie ernsthaft, man könne eine Sprachgruppe zu einer anderen Sprache zwingen?

Ich bin gegen Zwang. Eine Volksabstimmung über den Fremdsprachenunterricht würde das gute Zusammenleben gefährden und den Sprachgraben noch vertiefen. Man kann aber die Schüler motivieren, eine Landessprache zu lernen. Schon 1988 hat Christoph Blocher, damals Nationalrat, in einer Motion festgestellt, dass «der rücksichtslose Gebrauch der Mundart den Sprachfrieden in der Schweiz gefährdet». Diese Feststellung ist heute noch richtiger als damals. Aber seine Partei kämpft jetzt gegen Deutsch in den Kindergärten und Franz in der Primarschule.

Überschätzen Sie nicht die Deutschkenntnisse der Romands? Meine Erfahrung zeigt: In Genf auf der Strasse kommen Sie mit Deutsch nicht sehr weit.

Die Kinder in der Romandie lernen immer früher und besser Deutsch. Englisch kommt später dazu. Wir wünschen uns, dass die Kinder der Deutschschweiz auch zuerst eine Landessprache, Französisch oder Italienisch, lernen. Anfangen in der Sekundarstufe ist zu spät. Mit drei der wichtigsten europäischen Sprachen verfügt die Schweiz über einen unglaublichen wirtschaftlichen und politischen Standortvorteil.

Das ist eine Illusion. Vielen Kindern macht schon eine Fremdsprache Mühe. Zudem wollen die Kantone nicht mehr Geld ausgeben.

Geld ist nirgendwo besser investiert als in die Bildung. Wenn die Deutschschweizer ihre Zurückhaltung gegenüber Deutsch überwinden, wird es leichter für ihre Kinder, zwei Fremdsprachen zu lernen. Wie in der lateinischen Schweiz.(Mit José Ribeaud sprach Anja Burri)

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