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Der härteste Tag

Der Giro feiert auf der Königsetappe am Stilfserjoch ein Radfest. Nibali gelingt ein grosser Sieg, Leader Dumoulin leidet aussergewöhnlich.

Aus der Ferne erleben die Zuschauer am Umbrail, wie Leader Dumoulin den Anschluss verliert, weil Nibali die Etappe gewann und Quintana ihm nun gefährlich nahe ist. Foto: Getty
Aus der Ferne erleben die Zuschauer am Umbrail, wie Leader Dumoulin den Anschluss verliert, weil Nibali die Etappe gewann und Quintana ihm nun gefährlich nahe ist. Foto: Getty

Wie viel sind 5500 Höhenmeter? Stellen Sie sich eines Morgens auf den Bürkliplatz, und marschieren Sie hoch zum Uetliberg. Oben rechtsumkehrt, zurück zum Start, wiederholen Sie das Prozedere weitere 11 Mal. Voilà: 5500 Höhenmeter. Radprofis haben es da einfacher. Um auf die monströse Zahl zu kommen, reichen ihnen drei grosse Alpenpässe.

Alltäglich ist das allerdings auch für sie nicht, bei weitem nicht. Aber dies ist die Königsetappe. Am 100. Giro d’Italia. Da wäre es doch merkwürdig, wenn die nicht auf ausserordentliche Weise begangen würde. Und ebenso merkwürdig, wenn nicht das Stilfserjoch im Zentrum stünde. Zweimal führt das Rennen an diesem Tag hier hoch. Erst von Bormio, dann über einen Abstecher ins Münstertal vom Kanton Graubünden her, über den Umbrailpass, der zwei Kilometer unterhalb des Stilfserjochs in ­dessen Strasse mündet. Davor klettern die Fahrer noch über den Mortirolo. Aber der ist trotz seiner fiesen Rampen an diesem Tag nur Nebendarsteller, ein Beine-müde-Macher, ehe der Auftritt des Hauptdarstellers folgt.

Keine Steigung ist so sehr mit dem Giro verbunden wie das Stilfserjoch, dessen Name auf Italienisch so viel poetischer klingt: Stelvio. Auf der Pass­tafel steht neben dem Namen ebenso gross «Cima Coppi», Coppis Gipfel, womit der Bogen zur Geschichte geschlagen wäre. 1953 kletterten sie erstmals hier hoch, Coppi gewann, der Über-Radheld der Italiener. 1965, fünf Jahre nach Coppis frühem Tod, wurde die Cima Coppi eingeführt, seither wird jährlich der höchstgelegene Giro-Anstieg mit dem Ehrentitel versehen.

Keine Spur von Aufgekratztheit

Stelvio. Cima Coppi. Die Erwähnung dieser Worte alleine lässt Radfahrerherzen höherschlagen. Am Renntag sind sie alle da. Bezwingen den 2758 Meter hohen Brocken, viele zum wiederholten Mal. Sie sind leicht zu erkennen. Nirgendwo wird ähnlich viel Umsatz mit touristischen Radtrikots gemacht, die schlicht den Namen des Bergs tragen – abge­sehen vom Mont Ventoux vielleicht.

Am Stelvio werden sie alle schwach. Im Wortsinn. Direkt ausserhalb des Städtchens Bormio beginnt sich die Strasse hochzuschlängeln. Anfangs noch durch Lärchen- und Föhrenwälder, weiter oben dann durch kargere Vegetation. Immer im Auge behalten die Hobbyfahrer dabei die Tafeln, die in den Serpentinen den Countdown zum Gipfel anzeigen. Auf der ersten, knapp ausserhalb des Dorfes, steht eine 40. 40! Andere Alpenpässe ­haben 15, 20, vielleicht 25 Serpentinen. Aber bei weitem keine 40.

Dann sitzen sie oben am Berg und sind froh, dass in dieser alpinen Höhe das Wetter mitspielt. Nicht wie vor zwei Jahren, als der Giro im Schneegestöber passierte. Die Sonne scheint, und wenn der Wind nicht bläst, ist es selbst kurzärmlig auszuhalten. Nach dem Souvenirshop-Besuch meldet sich bei ihnen der Hunger, die Wurstbrater machen den Umsatz des Jahres. In irrwitzigem Tempo erfüllen sie die Kundenwünsche – und sind doch zu langsam, die Schlangen wachsen und wachsen.

Unruhe bricht deswegen keine aus. Es gibt hier oben sonst nicht viel zu tun. Da ist keine Grossleinwand, kein Resultatservice, kein Liveradio. Und der Handyempfang ist angesichts der Velofahrermassen so bescheiden, dass selbst die vielen Internet-Liveticker nur unstet Neuigkeiten in die Höhe befördern. So ist die Stimmung weit entfernt von der Aufgekratztheit, die sich jeweils am Streckenrand der Tour de France einstellt. Als es mit dem Handyempfang dann doch einmal klappt, kündigt «Tuttobici», die italienische Fachsite, ihre Berichterstattung über die Königsetappe mit «Giro: der härteste Tag» an. Sie hat recht damit, der Tag wird hart. Besonders für Gesamtleader Tom Dumoulin.

Der hält sich eigentlich hervorragend, fährt gut versteckt in der Favoritengruppe mit. Bei der Stelvio-Passage bleibt er von vielen Fans unerkannt, sogleich kommt Unruhe auf, was wohl mit der Maglia rosa passiert sei. Die Lösung ist einfach: Das rosa Trikot war nicht zu sehen, weil der Holländer für die Abfahrt bereits eine Windweste in den Teamfarben angezogen hatte.

Des Leaders teures Geschäft

Die Unruhe kommt dann erneut auf, eine Stunde später, die Rennfahrer brausen unten im Münstertal Richtung ­Umbrailpass, die Fans bewegen sich ebenfalls dort hin, einfach von oben, von der Passhöhe her. Nun drucksen die Tickerer herum, verständlich, die TV-Bilder sind sehr explizit. Sie zeigen, wie Dumoulin hastig vom Rad springt, den Helm abzieht, das Trikot über den Kopf reisst und sich für ein dringendes Geschäft an der Strassenböschung hinkauert. Die übrigen Favoriten wissen nicht recht, was sie machen sollen. Erst nehmen sie Tempo raus, schauen sich an, warten auf den Leader, wie es das ungeschriebene Gesetz will. Bis wieder erste Angriffe folgen, und nun auch Vincenzo ­Nibali seine Teamkollegen nach vorne beordert. Dumoulin braucht nur eine gute Minute, doch das Loch kann er nicht mehr zufahren. Je länger der Umbrail wird, desto grösser wird es. Im Ziel in Bormio misst es 2:18 Minuten. Aus der komfortablen Führung ist eine knappe geworden. «Das ist, ähm, Scheisse», sagt Dumoulin im Ziel lakonisch, wird dann von Teamhelfern weggebracht.

Ausführlich spricht dafür Tagessieger Nibali. Der Titelverteidiger gewinnt im Sprint, distanziert gar Topfavorit Nairo Quintana um zwölf Sekunden. Hätten sie nicht auf Dumoulin warten sollen? «Nun, als wir hörten, dass er nicht gestürzt war, es ein physisches Problem war . . .», windet sich Nibali. «Blicken Sie zurück in der Radgeschichte. Wie oft profitierte einer vom Ungemach eines anderen?» Nibali glaubt dann auch zu wissen, woran Dumoulin litt: «Das war ein Problem mit der Ernährung, das kann passieren.» Wenngleich es ihm noch nie passiert sei. Dumoulin dagegen schon. An der Tour 2015 erleichterte er sich kurzerhand auf der Toilette eines Campers am Strassenrand. Nur war er damals nicht Leader einer Grand Tour.

Dann wirft Nibali ein, ob es vielleicht Schiedsrichter bräuchte, um solche Situationen einzuschätzen. «Aber ich habe nicht wirklich eine Meinung dazu.» ­Besser so, zumindest in dieser Hinsicht behauptet sich sein Sport ganz gut. Dafür reicht ein Blick in den Jury-Bericht: Drei Fahrer werden für «unziemliches Verhalten vor Publikum», wie Pinkeln vor Zuschauern genannt wird, mit je 100 Franken gebüsst. Bei Dumoulin drücken sie beide Augen zu, sein Schaden ist gross genug.

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