Bufalini, Ende einer Zürcher Ikone

Er gehörte zu den 100 weltbesten Schuhläden: Nach 24 Jahren schliessen Buena und Andreas Heiniger ihr Geschäft in der Altstadt.

Ihr Laden ist bald Geschichte: Buena Heiniger im Bufalini. Foto: Raisa Durandi

Ihr Laden ist bald Geschichte: Buena Heiniger im Bufalini. Foto: Raisa Durandi

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Es ist Zeit, Adieu zu sagen. «It’s time to say goodbye» steht seit einigen Wochen in grossen weissen Buchstaben am Schaufenster des Bufalini, des Schuh­geschäfts am Hechtplatz. Nach 24 Jahren schliessen Buena und Andreas Heiniger ihren Laden. Und dann? Das Lokal betreffend: irgendein (weiteres) internationales Label. Auf Heinigers bezogen: die grosse Leere. Das jedenfalls sagen Buena Heinigers Augen. Eine Antwort auf die Frage gibt sie bloss indirekt. «Eine Sache muss abgeschlossen sein, damit ich mich der nächsten widmen kann.» Die «Sache» Bufalini wird sie vielleicht noch bis Ende Jahr beschäftigen. So ein Geschäft abzuwickeln . . . Buena Heiniger wischt das Thema mit einer Handbewegung weg. Sie macht kein Geheimnis daraus, dass sie sich auf die Zeit danach nicht freut. Noch nicht.

Der Anfang

Andreas Heiniger war einer der Mitinhaber von Blondino. Als das Geschäft 1990 verkauft wurde, war es klar, dass er und seine Frau bei der Mode bleiben würden. Sie hatten nie etwas anderes gemacht – und sie wollten nichts anderes machen. Also eröffneten sie 1993 an der Schifflände den Bufalini. In die Quere, sagt Buena Heiniger, seien sie sich all die Jahre nie gekommen: Er kümmerte sich um die Zahlen, sie sich um die Kundinnen und Kunden. Gemeinsam waren sie für den Einkauf unterwegs, besuchten Fachmessen und Showrooms der grossen Designer. «Ich mochte es immer, unterwegs zu sein.»

Die Bundesordner

Wie sich die Zeiten doch geändert haben. Das zeigt ein Blick in die zwei Dutzend Bundesordner in nochmals so vielen Archivschachteln, die im Bufalini-Büro im Büchergestell stehen. 24 Jahre Modegeschichte! Jedes Modell, jedes Produkt, das bei Bufalini je im Regal gestanden ist, ist darin mit Bild dokumentiert. Pro Saison waren das immerhin rund 200 Damen- und 150 Herrenmodelle plus Accessoires. Rund 1800 Paar Schuhe hätten sie pro Saison im Schnitt verkauft.

Früher, erinnert sich Buena Heiniger, habe sie nach einer Einkaufsreise jeweils die Filmrollen ins Fachgeschäft gebracht, um die Fotos der neuen Produkte zu entwickeln. Die altmodische Filmrolle ist ein gutes Stichwort: Das Geschäft hat sich in den 24 Jahren grundlegend verändert. Der Markt sei viel härter geworden, sagt Buena Heiniger. Viele kauften heute im Internet. Der Bufalini hat da nie mitgemacht. Internetauftritt? Gibt es nicht. Dafür eine persönliche Beratung, eine persönliche Auswahl, «meine Auswahl».

Und eine Chefin, die eine Art Kundenkartei im Kopf gespeichert hat. Grösse, Stil, gekaufte Modelle. Die Kartei ist ziemlich umfassend – «wir haben eine treue Stammkundschaft».

Das Sortiment

Der Bufalini hatte immer wieder Marken eine Zeit lang exklusiv in seinem Sortiment. Miu Miu, Paul Smith, Free Lance, Camper. Wenn der Name Bufalini in den Zeitungen, Zeitschriften und den Modemagazinen auftauchte, dann unter den Bezugsquellen. Die Heinigers hätten einen «anderen, eigenen» Einkauf gepflegt, sagt Nathalie De Geyter, Mode­redaktorin bei der Zeitschrift «annabelle». Sie hätten eine eigene Auswahl getroffen. «Im Bufalini gab es Modelle, die man sonst in der Stadt nicht fand», und das auch dann, wenn Bufalini nicht über die «Markenhoheit» verfügte. De Geyter beschreibt den Stil des Ladens so: zugeschnitten auf die Schweizerin, urban, nicht allzu trendy oder abgehoben, wertige Marken.

Von einer aussergewöhnlichen Auswahl spricht auch der Zürcher Stylist Philipp Junker: «Bufalini beweist seit Jahren ein Gespür für Marken.» Das sei natürlich vor einigen Jahren noch ausgeprägter zur Geltung gekommen, bevor die Warenhäuser begonnen hätten, unter ihren Dächern «Marken zu sammeln», und es noch nicht alles im Internet zu kaufen gegeben habe.

In dieser Zeit lernten die Heinigers Miuccia Prada kennen – oder Paul Smith. Pardon: Sir Paul Smith. Der Buena Heiniger, noch während sie sich überlegte, wie sie den Adligen korrekt anreden sollte, die Hand reichte und sagte: «Hi, I’m Paul.»

Die Kunden

Was Buena Heiniger an der Mode mag, das internationale Flair, das mag sie auch an ihrer Kundschaft. Bufalini ist auch über Zürich hinaus ein Begriff: Für die deutsche Frauenzeitschrift «Petra» gehört das Geschäft zu den «hundert besten Schuhläden der Welt». Da heisst es: «Viele einheimische Aficionados schwören: Das ist der beste Schuhladen der Stadt.»

Blogs raten ebenfalls zum Besuch des Geschäfts. Und so kam es, dass Buena Heiniger den Brüdern Gallagher von Oasis den Schuhlöffel reichte. Oder dem Schauspieler Hugh Laurie, bekannt als Dr. House. Oder dem Startenor José Carreras. Der Lokalprominenz sowieso.

Der Name

Buena Heiniger heisst getauft Maria Heiniger, aufgewachsen ist sie in Zürich. Buena? Das war ein Wort, das sie oft gebrauchte, damals, als sie als 20-Jährige einige Zeit in Kolumbien lebte. Buena wurde ihr Übername. Einer, den sie offenbar mochte – und den sie zu ihrem Rufnamen machte.

Als es darum ging, einen Namen für das Geschäft zu finden, schrieben Buena und Andreas Heiniger zwei A4-Seiten voll, hinten und vorne mögliche Namen. «Am Ende entschieden wir uns für eine sentimentale Variante», sagt Buena Heiniger. Sentimental, weil Andreas Heinigers Grossvater in einem Dorf im Piemont aufgewachsen ist. Italienisch passt zudem bestens zu einem Schuhgeschäft: Die meisten Marken kommen aus Italien, die besten Schuhmacher ebenfalls.

Der Schuh

Was sagen Schuhe über ihre Träger aus, Buena Heiniger? «Viel. Und sie haben eine noch grössere Wirkung auf ihn. Nur wenn man sich im Schuh wohlfühlt, den man gerade trägt, kann man gut und selbstbewusst auftreten.» Wie viele Paar Schuhe besitzen Sie? «Nicht einmal hundert Paare – und jeder davon ist genau dann mein Lieblingsschuh, wenn ich ihn trage. Denn er passt dann zu meiner Stimmung.» Wie wichtig sind Schuhe, um gut auszusehen? «Der Schuh ist für ein Styling zentral, vielleicht sogar das wichtigste Teil. Man kann obenherum anziehen, was man will – ein toller Schuh holt alles raus. Auf der anderen Seite ist es wie bei einem Gemälde: Der falsche Rahmen macht auch das schönste Bild kaputt.»

Das Ende

Geht ein Geschäft wie der Bufalini zu, dann liegt die Vermutung nahe, dass es aus wirtschaftlichen Gründen geschieht. Auch wenn das Internet das Business verändert hat – «die romantische Vorstellung eines eigenen Lädeli gehört sicher der Vergangenheit an» –, ist es beim Bufalini anders. Das Geschäft war vielleicht schon mal «ringer» gelaufen, funktioniert hat es aber bis zum Schluss.

Der Bufalini geht zu, weil es die Gesundheit von Andreas Heiniger nicht mehr zulässt weiterzumachen. Die Heinigers leeren nun ihre beiden Lager, das hinter dem kleinen Laden ist schon ziemlich leer. «Sale» – wie zuwider Buena Heiniger dieser allerletzte Ausverkauf ist, kann sie nicht ganz verbergen. Im Gespräch ebenso wenig wie beim Fototermin. Sie wünscht sich für ihr Porträt einen neutralen Hintergrund. Man soll sie nicht mit einem Bild vor Regalen mit roten Preisen in Erinnerung behalten.

«It’s time to say goodbye.» Und wenn diese Zeit abgeschlossen ist, dann wird sich Buena Heiniger eine neue Heimat suchen müssen. Sie sagt von sich, sie sei so etwas wie heimatlos. Das Gespräch legt nahe: Ihr Laden war so etwas wie Heimat, 24 Jahre lang. Noch aber, sagt sie – wegwischende Handbewegung – möge sie keinen Gedanken an diese Zeit verschwenden.

Erstellt: 30.08.2017, 16:32 Uhr

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