Der Menschensüchtige

Der grosse Schweizer Theaterregisseur Luc Bondy ist 67-jährig gestorben. In seinen vielfach ausgezeichneten Inszenierungen hielt er Fühlen und Denken in einer magischen Schwebe.

«Gut jüdisch komme ich von überall und nirgends»: Luc Bondy in einer Aufnahme von 2014. Foto: Stefan Nimmesgern/Laif

«Gut jüdisch komme ich von überall und nirgends»: Luc Bondy in einer Aufnahme von 2014. Foto: Stefan Nimmesgern/Laif

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Sie standen umjubelt an der Rampe des Pfauen und strahlten einander an – der eine, der nie mehr Theater hatte spielen wollen und es für den anderen dann doch wieder tat; und der andere, der Regisseur, der einst in der turbulenten Marthaler-Zeit auf ebendieser Bühne vorgeschlagen hatte, sie doch zu schliessen und nur noch den Schiffbau zu bespielen. 2013 also verwandelten diese zwei grossen Theater-Zürcher und Regietheaterskeptiker, Bruno Ganz und Luc Bondy, die Pfauenbühne in jenen ganz besonderen Raum, in dem die Luft brennt und trotzdem so durchsichtig ist wie sonst nie. In Bondys Gastspiel aus Paris mit Harold Pinters «Le Retour» flirrte die Gier.

«Ich mag absolut nicht die Nähte der Herstellung zeigen. Fühlen und Denken im Gleichgewicht ist mein Gebot», formulierte Luc Bondy im Gespräch mit dem TA sein Theatercredo, nach dem er seine magisch schwebenden Abende schuf. Eine federleichte Illusion hinzutupfen, das sei keine angestaubte Scharlatanerie, sondern ein ganz und gar nicht einfaches, aus Beherrschung und Einfühlung geborenes Kunststück – Kunst.

Diese Kunst des Vernähens hatte Bondy seit seinem Regiedebüt 1971 in Göttingen mit Stanislaw Ignacy Witkiewicz’ Stück «Der Narr und die Nonne» immer wieder neu erfunden – während andere, Wegbegleiter, sich in ihrem Wüten über den ästhetischen Wandel verloren haben. «Gut jüdisch komme ich von überall und nirgends, und ich bin zutiefst eklektisch. Alles inspiriert mich», reflektierte der 1948 in Zürich geborene Sohn einer deutsch-jüdischen Mutter und des austro-ungarischen Publizisten François Bondy einmal. Von überall und nirgends kam auch sein Vater, der Homme de Lettres, den man als «Balzac des Journalismus» feierte: Er hatte Frankreich wegen seiner jüdischen Herkunft 1941 verlassen müssen. Und auch Luc Bondys Grossvater, der Journalist, Dramatiker, Übersetzer und Regisseur N. O. Scarpi (Fritz Bondy), in Prag geboren, emigrierte 1941 in die Schweiz; er starb 1980 in Zürich.

So nahe wie möglich

Kein Wunder, dass sich der kleine Luc bei so viel Kulturkönnern und Viellesern ringsherum etwas Eigenes aufbaute. Die andern lasen dicke Bücher, er schrieb Stücke, die er gleich mit sich selbst besetzte, und er liebte das Kino, wo er sich so weit nach vorn, so nah an die Leinwand setzte wie möglich. Näher dran ans Eingemachte – ans eigene Innenleben und an das der andern – ging nicht. Fürs Innenleben schlug auch das Theaterherz des grossen Luc; dahin ging seine Prosa, seine Lyrik.

«Menschensucht» nannte der verstorbene Theaterpublizist Ivan Nagel die bondysche Hingabe ans Humane, die vor keinem Abgrund zurückschreckt. «Menschen sind auch unmenschlich, tierisch, monströs und verhalten sich unerwartet», unterstrich Bondy mit Blick auf Harold Pinter. «Und darum hasse ich die Psychologie»; sie suggeriere Logik und Berechenbarkeit. Der Mensch sei anders. Gerhard Stadelmaier, Grosskritiker der «Frankfurter Allgemeinen Zeitung», hielt dazu 1998 in seiner Hommage im «Du»-Heft fest: «Luc Bondy vernichtet nicht. Er liebt.»

Schon in Bondys Lesart von Edward Bonds brutaler Vision «Die See», wo einer ersäuft, einer säuft und einer irre wird, war es vorhanden, dieses Menschelnde im Meer von Gewalt. Die Arbeit von 1973 bugsierte den Regisseur ans Berliner Theatertreffen. Es war damals, als Bondy zum ersten Mal an Krebs erkrankte – und der Kampf mit gesundheitlichen Problemen sollte ihn sein Leben lang begleiten. Aber er liess sich dadurch nicht bremsen: Theatermachen sei Therapie; «wir machen einiges, um unser Ende nicht zu sehen», sagte er 2012 dem «Tages-Anzeiger».

Der feingliedrige Mann jedenfalls tat unendlich viel. In den Siebzigerjahren war Bondy Hausregisseur in Frankfurt und holte seine zweite Einladung ans Theatertreffen mit einer Inszenierung, die eine Rokoko-Komödie von Pierre Marivaux ins Bittermenschliche bog. Insgesamt sollte der Zwischentönezauberer dreizehnmal zur Bestenschau des deutschsprachigen Theaters geladen und mit den höchsten Ehrungen gewürdigt werden – wie etwa dem Reinhart-Ring, dem Nestroy-Theaterpreis oder auch dem Zürcher Festspielpreis.

In den Achtzigern startete Bondy mit Strauss’ «Salome» bei den Salzburger Festspielen im Fach Opernregie, das er danach regelmässig bediente; und er begann, auch in Frankreich zu inszenieren. 1985 stieg der Regisseur, der seine Schauspieler ganz gegen den Trend zu Königen der Bretter machte – und seien es gestürzte Könige –, nach Peter Steins Rückzug ins Leitungsgremium der Berliner Schaubühne ein, wo er rund drei Jahre blieb. Man hat ihn für seine Flucht nach vorn, seine Produktionswut auch schon mal angegriffen. Aber Bondy spielte buchstäblich mit dem Tod um die Wette; befragte das Alte und das Neue, Peter Handke, Yasmina Reza, vernähte Gegenwart zu seinem Menschentheater, solange er konnte.

Gier, Angst, Gleichgültigkeit

Der Entdeckung Botho Strauss blieb er treu. Strauss’ «Die Schändung» nach Shakespeares «Titus Andronicus» soll 2005 den Pariser Premierenzuschauern den Magen umgedreht haben; die Zürcher Festspielgäste schlug das blutige Spiel um die vergewaltigte und verstümmelte Lavinia pulkweise in die Flucht. Da war es wieder, das Trio des Allzumenschlichen: die Gier und Angst und Gleichgültigkeit. Und dennoch auch hier: der Sinn fürs Feinstoffliche, fürs filigran eingewobene Bessere im Bösen. Mit «Die Schändung» highlightete Bondy, selbst Vater von Zwillingen, das Mütterliche, Elterliche (mit seiner Partnerin, der Winterthurer Librettistin, Dramaturgin und Regisseurin Marie-Louise Bischofberger, hat er oft auch zusammengearbeitet).

Bondy sah sich auch als eine Art Theatervater, als ein Ermöglicher: Er strebe danach, Regisseure für sein Haus zu gewinnen, die ihn eifersüchtig machten, sagte er einmal. Und sein Haus war gross: So wirkte er als Schauspieldirektor der Wiener Festwochen (1997–2001); als ihr Intendant (2002–2013); und zuletzt, seit 2012, als Leiter des Pariser Odéon-Théâtre de l’Europe, für das er just eine «Othello»-Inszenierung erarbeitete.

Die Premiere war verschoben worden, und der lange geplante neue Roman bleibt nun Projekt. Luc Bondy ist am 28. November 67-jährig in Zürich gestorben. Und diese Lücke kann keiner zunähen.

(Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 29.11.2015, 17:59 Uhr

Reaktionen

«Ein Liebender, ein Spieler, ein Weiser»

«Durch seine persönliche Geschichte und seine aussergewöhnliche Arbeit hat Luc Bondy das kulturelle Europa verkörpert.»
François Hollande, französischer Staatspräsident

«Diese Nachricht betrifft mich deshalb sehr, weil wir sehr lange Zeit zusammengearbeitet haben und sich so etwas wie eine Freundschaft entwickelte, was in unserem Gewerbe nicht so ganz einfach ist, weil diese Pseudo-Alphatiere sich immer als Konkurrenten betrachten, und das war bei uns überhaupt nicht der Fall. Das hat in der Tat einen ziemlichen Schock ausgelöst, weil ich damit nun in einer gewissen Weise völlig allein dastehe als ein Regisseur meiner Generation. Ich hatte den Luc Bondy immer als so einen Mitstreiter begreifen können, weil er bestimmte grundsätzliche Ideen, wie man seinen Beruf zu verstehen hat, verkörperte. Das ist nun hinfällig geworden, und ich weiss noch nicht so genau, wie ich mich emotional dazu stellen soll.»
Peter Stein, Regisseur

«Luc Bondys Romane und Erzählungen waren zum Lachen komisch, zum Weinen tragisch und so federleicht, dass die Leser nur nebenbei spürten, wie ernst die Geschichten waren, um die es darin ging. Und überall nisteten die Dibbuks, seine jüdischen Luftgeister.»
Herbert Ohrlinger, Verlagsleiter des Paul-Zsolnay-Verlags in Wien

«Luc Bondy war nicht nur ein grosser Regisseur, Kunst- und Literaturliebhaber, sondern auch ein feinsinniger und zugewandter Gesprächspartner. Er wird uns fehlen.»
Barbara Frey, Intendantin Zürcher Schauspielhaus

«Luc Bondy war ein verspielter und tiefer Mensch, ein Homme de Lettres und ein Mann des Lebens. Ein Liebender, ein Spieler, ein Weiser. Es kommt uns vor, als sei die Welt sich durch seinen Tod weniger gewahr. Luc Bondy war in der Lage, aus den kleinen Details an der Oberfläche eine Tiefe und Poesie zu generieren, wie es nur wenige Hellsichtige verstehen. Seine leichte Hand verdankte sich tiefer Einsicht. Wer seine Bücher gelesen hat, weiss, mit welcher Generosität, mit welchem Humor und mit welcher Selbstironie er die Welt und sich betrachtete.»
Helga Rabl-Stadler und Sven-Eric Bechtolf, Direktorium der Salzburger Festspiele

«Er war ein besonderer Weltbürger, der auf allen wichtigen Bühnen wirkte und der mit viel Weltoffenheit mehr als zehn Jahre die Wiener Festwochen leitete. Mit ihm verliert die Theaterwelt einen Avantgardisten und künstlerischen Freigeist.»
Josef Ostermayer, österreichischer Kulturminister

«Luc Bondy war ein Grossmeister seiner Kunst, ein Verführer, eine Instanz des Theaters.»
Michael Häupl, Bürgermeister von Wien

«Mit Luc Bondy verband mich eine sehr vertrauensvolle Freundschaft. Sowohl als Mensch als auch als Künstler und Kollege schätzte ich ihn sehr. Er war ein vielseitiger, universal gebildeter Theatermann mit einer ausgeprägten künstlerischen Bandbreite. Seine Inszenierung von «The Turn of the Screw», die wir 2005 als Koproduktion des Théâtre des Champs-Elysées und des Festivals von Aix-en-Provence herausgebracht haben, ist eine meiner schönsten beruflichen Erinnerungen.»
Dominique Meyer, Direktor der Wiener Staatsoper

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