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Der Mittelfinger des Rebellen

Wie eine obszöne Geste der alten Griechen zum globalen Icon wurde: Der Stinkefinger ist in Kunst, Sport und Politik so normal geworden, dass wir schon bald eine neue Schmähform brauchen.

Zeige mir deinen Finger, und ich zeige dir, wen du hasst: Ein Riesenstinkefinger bei einer antiislamischen Demo in Berlin. Foto: Hannibal Hanschke (Reuters)
Zeige mir deinen Finger, und ich zeige dir, wen du hasst: Ein Riesenstinkefinger bei einer antiislamischen Demo in Berlin. Foto: Hannibal Hanschke (Reuters)

Im April 2015 wurde im indischen Shimla ein Teenager, der einem aufdringlichen Tempelaffen den Mittel­finger gezeigt hatte, vom Tier angesprungen und zu Boden geworfen. Der Stinkefinger ist zwar für Anthropologen «eine der ältesten Formen der Beleidigung» (Desmond Morris); aber dass jetzt offenbar auch Primaten seine Sprache verstehen, ist neu. Jede Kultur hat andere körpersprachliche Gesten, um Verachtung, Hass oder Ehrabschneidung auszudrücken. Im arabischen Raum ist es etwa das Schuhwerfen, in Griechenland die Handinnenfläche (Moutza) oder der ausgestreckte Unterarm, im Französischen auch als «bras d’honneur» ­bekannt. In manchen Weltgegenden ist der gereckte Daumen eine obszöne Pfui-Geste. Nur der Stinkefinger – Englisch: «flipping the bird», Spanisch: «corte de manga», Französisch: «doigt d’honneur» – ist ein globales Icon, ein weltweit verständliches Piktogramm.

Eine symbolische Waffe

Das stumme Fuck-off-Zeichen stammt aus dem mediterranen Raum und breitet sich seit etwa 50 Jahren unaufhaltsam aus. Reinhard Krüger, Gesten­forscher an der Stuttgarter Universität, hat gerade im ersten Buch zum Thema, «Der Stinkefinger – Kleine Geschichte einer wirkungsvollen Geste», gezeigt, wie der phallische Stinkefinger in der Antike den Feinden, bösen Geistern und weibischen Männern als «apotropäisches» Zeichen entgegengereckt wurde, also als Geste, die Unheil oder Dämonen abwehren soll. Er war das körpersprachliche Äquivalent zum erigierten Penis: Schutzzauber, symbolische Waffe, Sinnbild männlicher Potenz, aber auch eine plebejisch-vulgäre Geste, die sich dem Mann von Welt nicht geziemte.

In Aristophanes’ Komödie «Die Wolken» taucht der schlimme Finger im Jahr 423 vor Christus zum ersten Mal in der Literatur auf, später dann auch bei römischen Satirikern und in den von Goethe so geschätzten «Carmina Priapea». Diogenes, der philosophische Penner in der Tonne, zeigte dem Demagogen Demosthenes den ersten politischen Stinke­finger der Geschichte. Umgekehrt soll Kaiser Caligula Senatoren beim Handkuss mit seinem «digitus impudicus» (schamlosen Finger) verhöhnt haben.

Der Finger des Authentischen

Das Wort «Stinkefinger» führt übrigens auf eine falsche Fährte. Früher benutzten die Ärzte den Mittelfinger zum Auftragen übel riechender Salben und zum Abtasten des Anus. Im Berliner Gassenjargon um 1900 stand «den Stinke­finger machen» für eine Masturbationstechnik. Sexual- und Literaturwissenschaftler behaupten immer wieder, dass die Flüche und Schimpfwörter im Deutschen anal-exkrementell, in Südeuropa dagegen genital-sexuell seien. Es spricht daher einiges dafür, dass der griechisch-römische Stinkefinger von Emigranten nach Amerika geschmuggelt und von dort wieder nach Europa exportiert wurde. Der älteste dokumentierte «one-finger salute» findet sich auf einem Mannschaftsfoto der Boston Beaneaters von 1886.

US-Soldaten brachten den Stinke­finger im letzten Weltkrieg dann zurück nach Europa, aber seine grosse Zeit begann erst mit den Protestbewegungen der 60-Jahre. Black-Panther-Aktivisten wie Malcolm X, Bürgerrechtler, Studentenführer und Rock ’n’ Roller: Alle zeigten dem Establishment ihren Finger. Wo bis dahin der autoritäre Zeigefinger des Oberlehrers herrschte, erhob nun der Mittelfinger sein Haupt und erigierte zur mächtigsten Geste des Protests und der Verweigerung.

Die rigide Kontrolle der Affekte, das Korsett aus Körperdisziplin, Benimm- und Anstandsregeln, das den Prozess der abendländischen Zivilisation begleitet hatte, begann sich um 1968 zu lockern. Damit sank die Hemmschwelle für Stinkefingerzeige in der Öffentlichkeit. Man gab sich locker, spontan und ­authentisch, und dazu gehörte auch die Absage an Höflichkeit, Disziplin und diskursive Gesprächskultur. Der Stinkefinger, den der Countrysänger Johnny Cash 1969 im Gefängnis San Quentin zeigte, wurde zu einer Ikone der Protestkultur, so emblematisch wie das Che-Guevara-Poster oder Frank Zappa auf dem Klo.

Auch Frauen zeigen ihn

So wurde aus einer revolutionären Geste bald kalkulierte Provokation. Von Tennisflegeln wie Ilie Nastase und John McEnroe in die Sportwelt eingeführt, verbreitete sich der Stinkefinger in Boxarenen und Fussballstadien. Stefan Effenbergs Exemplar bei der Fussball-WM 1994 war ein Dammbruch; 1996 wurde das Wort in den Duden aufgenommen. Ihn heute zu zeigen, ist allenfalls noch in der Politik oder in autoritär regierten Ländern riskant. SPD-Kanzlerkandidat Peer Steinbrück verspielte 2013 seine letzten Chancen auf den Wahlsieg, als er seinen Finger auf dem Cover eines ­Magazins zeigte. Der griechische Finanz­minister Giannis Varoufakis verlor durch einen Stinkefinger sein Amt.

In der Popkultur gehört es heute quasi zum guten Ton, den Paparazzi, Spiessern und Banausen den Stinkefinger zu zeigen, gern auch als Instagram-Selfie, «Bravo»-Starschnitt oder PR-Inszenierung. Madonna, Lady Gaga, Britney Spears, selbst eher brave Stars wie Adele und Cameron Diaz haben es schon getan. Und nebenbei die Vermutung der feministischen Linguistik widerlegt, der «Stinkephallus» sei eine durch und durch männliche, homophobe und frauenfeindliche Geste, die nur in einer «sexua­lisierten Herrenkultur» funktioniere. Wie die Nietenarmbänder der Punks oder die Tattoos der Matrosen ist der Stinkefinger in der Mitte der Gesellschaft angekommen.

Man sieht ihn im Fernsehen, im Theater, in der Werbung, selbst im Kindergarten, und in der Kunst ist die ultimative Geste der Provokation so rebellisch wie Nasenbohren. Ai Weiwei benutzt ­seinen Finger inflationär für regime­kritische Statements und Selbstporträts. Ein italienischer Künstler errichtete einen 11 Meter hohen Marmor-Stinke­finger vor der Mailänder Börse, ein tschechischer Künstler einen 10 Meter grossen Stinkefinger-Obelisken auf der Prager Burg, und Nikolai Winters dekorativer «doigt d’honneur» bei St. Moritz protestiert auf «sexy-provokative, aber elegante Art» gegen das Böse. Inzwischen gibt es den Stinkefinger als Gartenzwergmodell und Scherzpostkarte, als Emoticon und Whatsapp-Emoji.

Eine neue Geste ist da

Der digitale Mittelfinger ist vielleicht nicht ganz so fröhlich affirmativ wie der Facebook-Daumen oder das Grinse-Smiley, aber nicht weniger eindeutig. Zumindest in der westlichen Welt hat der unzüchtige Finger nicht nur seine magische Kraft verloren, sondern überhaupt seinen aggressiven, obszönen Charakter. Er ist eine kleine Neckerei unter Freunden, eine sozial verträgliche, ja marktkonforme Geste der Provokation. Viele wissen nicht mehr, was er bedeutet und wie man ihn korrekt macht: Sind zwei Finger jetzt das Victoryzeichen oder schon der Doppel-Stinkefinger?

Johnny Cash zeigte bei seinem erstaunlichen Comeback Mitte der 90er-Jahre der Musikindustrie stilsicher seinen alten San-Quentin-Finger, und so ähnlich posten heute zahlreiche ältere Männer ihre Jugendsünden auf Facebook, T-Shirts oder Nachttischfotos: Schaut her, so jung, wütend und böse war ich auch mal. Gunter Gabriel, als «deutscher Johnny Cash» ein berüchtigter Fingerzeiger, sagt von sich: «Die richtigen Revoluzzer haben den Mittelfinger immer steif.» Der Stinkefinger heute: Das ist das Fuck-Zeichen des kleinen Mannes, das Logo des stets empörungsbereiten Wutbürgers.

Sein Vorläufer, der Autofahrervogel, ist derweil fast verschwunden. Sein Nachfolger aber steht, nach der aktuellen Körpersprache in Fussballstadien und Flüchtlingsheimen zu urteilen, schon bereit: Es ist die deutlich aggressivere Kopf-ab-Geste.

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