Der Filmförderung droht eine radikale Umstellung

Ohne SRG müsste die Filmförderung in der Schweiz umgebaut werden. Für private Anbieter würden sich Investitionen kaum rechnen.

Der Schweizer Filmemacher Samir am Set zu seinem neuen Film «Baghdad in my Shadow». Foto: Martin Valentin Menke

Der Schweizer Filmemacher Samir am Set zu seinem neuen Film «Baghdad in my Shadow». Foto: Martin Valentin Menke

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Das Problem für den Schweizer Film nach einem Ja zu No Billag? Man müsste fürs Trottoir bezahlen. So dampft ein neuer Spot einer Gruppe von «Filmschaffenden gegen No Billag» die Debatte ein. Gemeint ist natürlich: Stellt man die Grundversorgung ab, müsste man alles einzeln berappen, sogar einen Spaziergang. Zwar würde man nicht von jedem Schweizer Film behaupten, dass man ihn so dringend braucht wie einen Gehsteig – aber das ist eine andere Diskussion. Die aktuelle dreht sich um die Gefährdung des nationalen Kulturguts Film. Die Solothurner Filmtage, die seit gestern laufen, haben zur Initiative bereits die Nein-Parole herausgegeben. Nächste Woche folgt eine «performative Aktion», unter anderem mit dem Schauspieler Stefan Gubser.

In acht von zehn der erfolgreichsten Schweizer Filme von 2017 steckt Geld der SRG. Dazu gehören «Die göttliche Ordnung» und «Ma vie de Courgette». Konzession und Gesetz verpflichten die SRG, sich für das hiesige Filmschaffen zu engagieren. Gelöst wird das seit 1996 durch den Vertrag mit der Filmbranche namens Pacte de l’audiovisuel. 27,5 Millionen Franken jährlich stellt die SRG in diesem Rahmen für Koproduktionen bereit, finanziert aus den Empfangs­gebühren. Weitere rund 10 Millionen Franken steckt SRF direkt in Serien wie den «Bestatter». Festivals wie die Filmtage werden insgesamt mit knapp 3 Millionen Franken unterstützt, inklusive Werbezeit im Fernsehen. Jeweils ungefähr eine halbe Million Franken kosten Beiträge an Stoffentwicklungen und der SRG-Anteil an der Verleihung des Schweizer Filmpreises.

40 Millionen Franken jährlich

Zusammen mit den Mitteln, die RTS und RSI investieren, kommt man auf einen jährlichen Beitrag von über 40 Millionen Franken, der von der SRG in den Schweizer Film fliesst. Das macht ungefähr ein Drittel des ganzen Fördervolumens in der Schweiz aus. Den anderen Teil pumpen das Bundesamt für Kultur (BAK) und die regionalen Förderstellen in die Branche. Auch wenn der Förderanteil der SRG bei Kinospielfilmen bei maximal 20 Prozent liegt, müsste die Filmförderung nach einem Ja radikal umgestellt werden.

«Wird die Initiative angenommen, stoppen wir am 5. März die Koproduktionen und schauen mit den Partnern des Pacte, wie wir aus dem Vertrag aussteigen können», sagt Sven Wälti, Leiter des Pacte de l’audiovisuel. Geklärt werden müsste dann auch, was mit den laufenden Verträgen zwischen SRG und Produktionsfirmen geschieht. Davon gibt es mehrere Hundert. Ausstehend sind etwa Zahlungen an Regisseur Samir, der kürzlich vom Dreh zu seinem neuen Spielfilm «Baghdad in my Shadow» zurückgekehrt ist. Ähnliche Fragen stellen sich bei anderen Kinofilmen, die sich in Arbeit befinden, und bei Fernseh­projekten.

So zerpflückte Leuthard die Billag-Initiative. Video: Tamedia

Laut Sven Wälti entstünde ohne oder mit einer massiv reduzierten SRG rund ein Drittel weniger Filme in der Schweiz. Wie bereitet sich das Bundesamt für Kultur auf dieses Szenario vor? «Je nach Volksentscheid gibt es ja noch eine gewisse Frist, bis sich die SRG neu ausgerichtet hat oder – schlimmstenfalls – stillgelegt wird», sagt Filmchef Ivo Kummer. «In dieser Zeit müsste das BAK, auch in Abstimmung mit anderen Filmförderern, Szenarien entwickeln.»

Derzeit sei das aber Spekulation. Sollte das BAK nicht nur in der Förderung von Kino-, sondern auch von Fernsehfilmen tätig werden, wäre das nur durch «deutliche Mehrmittel» zu erreichen. Bei der Frage, welche Spielfilme ­finanziert würden, werde man nach einem Ja ausserdem noch stärker als jetzt vom Ausland abhängig, um ambitionierte Stoffe überhaupt noch stemmen zu können.

Der dritte Pfeiler neben SRG und BAK sind die regionalen und kantonalen Stellen. Bei der Berner Filmförderung hat man «keinen Plan B» nach einem Ja zu No Billag. Für die Zürcher Filmstiftung stellt sich die Frage, wie man mit einer SRG umgehen würde, die sich in Liquidation befindet. «Wir müssten mit dem BAK und anderen regionalen Förderstellen Schwerpunkte setzen, welche Projekte noch abgeschlossen werden könnten», sagt Geschäftsleiter Daniel Waser. Offen sei auch, wie Filme wie «Schellen-Ursli» sichtbar bleiben könnten, die dank der Ausstrahlung auf SRF noch einmal viel mehr Leute erreichten. Heute treffen sich die regionalen Förderer in Solothurn zum Brunch – zum ersten Mal.

Normen des Gesetzes prüfen

Dass Private in der Filmfinanzierung viel ausrichten würden, glaubt Wälti nicht. «Wenn dieses Modell funktionieren würde, täte man es ja schon jetzt. Selbst bei einem Film wie ‹Schellen-Ursli› dauert es ewig, bis wieder Geld reinkommt.» Trotzdem fordern Branchenvertreter schon länger, dass sich TV-Anbieter wie Swisscom oder UPC stärker an der Filmwirtschaft beteiligen. Laut Radio- und Fernsehgesetz müssen bereits jetzt gewisse private TV-Veranstalter 4 Prozent ihrer Einnahmen in den Schweizer Film investieren. Das betrifft etwa Teleclub, ein Unternehmen der Swisscom. Laut Bundesamt für Kommunikation müsse man nach einem Ja alle Normen des Radio- und Fernsehgesetzes überprüfen – auch jene über die Förderpflicht privater Fernsehanbieter. Was diese zahlen, sei aber eh nur ein Bruchteil des SRG-Betrags. Kompensieren könne man das auch nicht, indem man zum Beispiel Teleclub verpflichte, mehr zu zahlen.

Und was, wenn es ein Nein gibt? Für Daniel Waser von der Zürcher Filmstiftung sollte man dann nicht so tun, als sei nichts gewesen. Bei der SRG will man nach der Ablehnung die Filmförderung im bisherigen Umfang weiterführen, so Sven Wälti. Oder eher: ausbauen. «Um eine funktionierende Industrie in der Schweiz aufzubauen, braucht es einfach mehr Produktionen.»

Erstellt: 25.01.2018, 23:14 Uhr

Was bringt es uns?

Die 53. Solothurner Filmtage wurden am Donnerstagabend mit ernsten Tönen eröffnet.

Kurz lief der Abend Gefahr, witzig zu werden. Der neue Filmtage-Präsident Felix Gutzwiller hielt zur Eröffnung in der Reithalle die erste Rede und machte gleich ein Trump-Spässchen: «Solothurn First!» Das war gerichtet an Bundespräsident Alain Berset, dessen Anwesenheit in Solothurn Gutzwiller und die ganzen Filmtage sehr zu schätzen wüssten. Das kam dann aber schon von Herzen, so wie Gutzwillers Sätze über die Filmtage als Seismograf und Identitätskitt zwischen den Regionen.

Bei der künstlerischen Direktorin Seraina Rohrer klang der Witz um einiges nachdenklicher. Sie fragte, was es ihr (und uns) bringen soll, wenn sie über die No-Billag-Initiative spräche, sie sei ja eh dagegen. Aber eben: Wenn sich jeder frage, was es ihm selber bringe, bringe es am Schluss keinem etwas, und das sei der Nachteil, wenn alle ihren Vorteil wollten. Sie traf dann auch den Sound der No-Billag-Befürworter genau, diese Mischung aus anarchokapitalistischem BWL-Student und dauerreklamierendem Spiessbürger: «Ein Film auf Französisch, mit behinderten Kindern, das interessiert mich nicht, das betrifft mich nicht, dafür zahle ich nicht.» Was sie in ihrer ernsthaften Ironie meinte, war der Eröffnungsfilm «À l’école des philosophes» von Fernand Mélgar («La forte­resse»), die anrührende Beobachtung von fünf Kindern mit Behinderung im ersten Jahr in einer Schule in Yverdon.

Es ging da um einen Alltag der winzigen Fortschritte. Um Momente von Schönheit und Verzweiflung und um die Tränen der Erleichterung, wenn so ein Kind einfach mal stillsitzt und malt, gemeinsam mit den anderen und ganz normal. Man sah und begriff, und das hatte Alain Berset gemeint, zuvor in seiner intellektuell aufrichtigen Rede.

Er war wieder mal aufgetreten als Systemdenker und Krisendiagnostiker, kam von der kreativen Kritik an den Verhältnissen zum lähmenden Zustand des Alles-Hinterfragens, selbst von gesicherten Tatsachen – und von da zu dem, was man die empathische Kraft des Faktischen nennen könnte: das Erleben des ganzen Reichtums der Realität, zum Beispiel in einem Film wie gestern Abend. Ernsthaft: Der Mann bringts echt immer.

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