Der Tag, als ihr Glück verschwand

Das Sängerpaar Al Bano & Romina Power zerbrach am Schicksal seiner Tochter. Nun könnte das Rätsel um die verschollene Ylenia endlich gelöst werden.

Ylenia Carrisi mit ihren Eltern Al Bano und Romina Power. Foto: PD

Ylenia Carrisi mit ihren Eltern Al Bano und Romina Power. Foto: PD

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Ihr grösster Hit handelt vom Glück, von der «Felicità», diesem flüchtigen Gefühl. Wenn die Welt ein einziges Lied vom Künstlerduo und ehemaligen Ehepaar Al Bano & Romina Power kennt und gar nachträllern könnte, dann ist es diese leichte Hymne auf die Freude am Leben. «Glück», heisst es in einer Zeile, «ist ein Glas Wein und ein Sandwich.»

Die beiden trugen das Lied auch noch vor, nachdem die Freude schon aus ihrem Leben gewichen war. 1994 war das. Damals verschwand auf mysteriöse und nie geklärte Weise ihre erstgeborene Tochter Ylenia, eine ­Literaturstudentin auf Weltreise, Tagebuch im Rucksack, 23 Jahre alt. Die Ehe zerbrach an diesem Verlust. Und am Streit über die unterschiedlichen Thesen, die er aufwarf.

Mörder mit Smiley

Die italienische Presse verfolgte das Familienunglück über all die Jahre hinweg mit einer Mischung aus Anteilnahme und drängendem Voyeurismus. Nun sieht es plötzlich so aus, als liesse sich der Fall doch noch lösen.

Die Polizei aus Palm Beach in Florida, die in einem alten Mordfall ermittelt, bat die Kollegen in Italien, Speichelproben einzuholen: bei Albano Carrisi, dem Bauernsohn aus Apulien, bei Romina Power, der Tochter des Hollywoodstars Tyrone Power, und bei deren drei Kindern. Deckt sich das Genmaterial mit jenem, das die Detektive an der Leiche einer Frau gefunden haben, dann wäre Ylenia Maria Sole Carrisi wohl von einem Serienmörder erdrosselt worden – dem Lastwagenfahrer Keith Hunter Jesperson, auch bekannt als «Happy Face Killer», weil er seine Briefe, mit denen er Fahnder und Medien neckte, jeweils mit einem Smiley versah.

Jesperson wurde 1995 festgenommen und wegen acht Morden zu drei lebenslänglichen Haftstrafen verurteilt. Er gestand unter anderem auch den Mord an einer Autostopperin, die er an einer Tankstelle in Tampa mitnahm und die offenbar nach Kalifornien oder Nevada wollte. Suzanne habe sie geheissen. Suzy oder Suzanne liess sich Ylenia rufen, als sie auf ihrer Reise für einige Monate in New Orleans hängen geblieben war und sich in einen Strassenmusiker verliebte. Die Polizei fertigte ein Phantombild an, und darauf erkennt man die Gesichtszüge von Ylenia.

Al Bano (72) ist skeptisch. «Wir werden sehen, was da herauskommt», sagte er, als er den Besuch der Polizei bestätigte. Instinktiv glaube er ja, dass auch diese Geschichte eine Ente sei. In seiner Autobiografie «È la mia vita» schreibt er, seine Tochter habe sich in den Mississippi ­gestürzt.

Al Bano war stets davon überzeugt, dass seine Tochter Suizid begangen habe. Es gibt einen Zeugen, der gesehen haben will, wie sie gesprungen ist. 2014 erwirkte er, dass ein italienisches Gericht seine Tochter für tot erklärte. Er wollte damit sein «langes Martyrium» beenden, wie er es nannte.

Der Sound des Südens

Romina Power hingegen, heute 64, mochte die Hoffnung nie aufgeben, dass Ylenia noch lebt. Untergetaucht womöglich. Versteckt in einem Kloster. Oder verschleppt, vielleicht sexuell versklavt von diesem Strassenmusiker aus New Orleans, einem Trompetenspieler, der den Reisepass Ylenias auf sich trug, als ihn die Polizei zum Verhör einberief, und von dem in der Folge viele wüste Geschichten bekannt werden sollten. Die Mutter war immer vom Lebensmut ihrer Tochter überzeugt. Dieser Glaube half ihr beim Leben.

1999 trennten sich Romina Power und Al Bano, künstlerisch und privat. Sie hatten Millionen Platten verkauft, waren durch die Welt getourt, gar vor Papst Johannes Paul II. aufgetreten, 1997 im riesigen Fussballstadion Maracanã in Rio de Janeiro. Vor Weltpublikum.

Romina Powers Stimme war immer etwas dünn, seine aber umso mächtiger. Zusammen trugen sie – recht schnulzig – zum Sound Italiens der 70er, 80er und 90er bei. Doch im nahen Ausland nährte dieser Sound die Sehnsucht nach dem Süden. Al Bano heiratete ein zweites Mal, ein Showgirl aus Apulien, hatte mit ihr zwei weitere Kinder, trat in der Sendung «L’isola dei famosi» auf, der italienischen Version des «Dschungelcamps», liess sich wieder scheiden. Keine glorreiche Zeit.

Vor zwei Jahren fanden Carrisi und Power wieder zueinander, wenigstens singend, eine Sensation. Ein russischer Impresario hatte sie dazu gedrängt. Wahrscheinlich wurde ihnen viel Geld geboten. Sie machten sich auf zu einer Tour im Ausland. Im vergangenen Mai bespielten sie dann die Arena von Verona – direkt übertragen von RAI Uno. Sie ganz in Weiss, mit blond wallendem Haar. Er mit unverwüstlichem Tremolo in der Stimme. Und als das Publikum danach rief, sangen die beiden auch wieder «Felicità». Live und nicht ganz frei von falschen Tönen, wie das Glück im wahren Leben.

Erstellt: 18.11.2015, 21:39 Uhr

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