Wer für das Grundeinkommen weibelt

Hinter der Initiative für ein Grundeinkommen stehen viele Prominente. Kein Thema ist die Nähe zum Esoteriker Rudolf Steiner.

Unterstützer der Volksinitiative: Regisseur Christoph Marthaler (oben links), Musiker Endo Anaconda (oben rechts), Kommunikationsexpertin Beatrice Tschanz und Kulturunternehmer Martin Heller. Bilder: Keystone

Unterstützer der Volksinitiative: Regisseur Christoph Marthaler (oben links), Musiker Endo Anaconda (oben rechts), Kommunikationsexpertin Beatrice Tschanz und Kulturunternehmer Martin Heller. Bilder: Keystone

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Abgesehen davon, ob die Idee eines ­bedingungslosen Grundeinkommens gut oder schlecht ist, stellt sich die Frage, wer daran Interesse hat, dass sich die Idee durchsetzt – und damit auch die Volksinitiative finanziert. Auf den ersten Blick ist die Trägerschaft transparent. So steht auf der Website der Initianten: «Die Volksinitiative wird getragen von ­einer freien Gruppe von Menschen, ist sowohl parteipolitisch wie konfessionell neutral und gehört keiner übergeordneten Institution an.» Anschliessend werden etliche «Freundinnen und Freunde der Volksinitiative» aufgeführt, die der breiten Öffentlichkeit ein Begriff sind: So zum Beispiel Endo Anaconda (Mu­siker), Martin Heller (Kulturunternehmer), Christoph Marthaler (Regisseur), Beatrice Tschanz (Kommunikations­expertin) oder Peter Ulrich (Prof. em. HSG). Doch bei den Mitgliedern des Ini­tiativkomitees stösst man mit Ausnahme des früheren Vizekanzlers und Bundesratssprechers Oswald Sigg auf weniger bekannte Personen. Einer, der sich im Zusammenhang mit der Initiative mittlerweile einen Namen gemacht hat, ist der Basler Daniel Häni. Er gibt fleissig Interviews, und kürzlich ist sein Buch zur Abstimmung «Was fehlt, wenn alles da ist?», das er mitverfasst hat, erschienen.

Häni ist auch Mitbegründer der Basler «Initiative Grundeinkommen» und betreibt zudem die Websites Grundeinkommen.ch sowie Grundeinkommen.tv. Bei all diesen Projekten engagieren sich weitere Basler – was auf der Website der Initianten erwähnt wird. Auf die Frage des «Tages-Anzeigers», wie sich die ­Initiative finanziere, antwortete Häni: «Durch bürgerschaftliches Engagement und Spenden.»

Brüderlichkeit statt Kapital

Überhaupt kein Thema auf der Website ist jedoch der anthroposophische Hintergrund der Initiative. Bei der Anthroposophie handelt es sich um eine vom Esoteriker Rudolf Steiner (1861–1925) ­begründete, weltweit vertretene spirituelle wie esoterische Weltanschauung. Für Steiner sollten im Wirtschaftsleben das «freie Geistesleben» und «Brüderlichkeit» vorherrschen. Um die Berührungspunkte der Initiative mit der Anthroposophie nachvollziehen zu können, muss man die einzelnen Namen der Trägerschaft googeln. So ist Häni auch Gesellschafter und Co-Geschäftsführer des «Unternehmen Mitte». Dabei handelt es sich um ein anthroposophisches Kultur- und Geschäftszentrum mit integriertem Kaffeehaus im Zentrum Basels. Ein wichtiger Geldgeber der Mitte ist die anthroposophisch orientierte Basler Edith-Maryon-Stiftung.

Vor zwei Jahren berichtete die «Schweiz am Sonntag» über die politische Bedeutung des «Unternehmen Mitte». Damals diskutierte Basel über die Bodeninitiative, die dem Kanton weitgehend verbieten wollte, Land zu verkaufen. Stattdessen sollte es im Baurecht an Wohngenossenschaften abgegeben werden. Die Idee entsprach ganz der Bodenphilosophie von Rudolf Steiner, der dagegen war, Boden im Wirtschaftsprozess als Produktionsmittel einzusetzen. Hinter dem Volksbegehren standen – wenn auch nicht namentlich – unter anderem die Edith-Maryon-Stiftung und die Stiftung Habitat, die ebenfalls Teil der anthroposophischen Bewegung ist. Letztere wird von Beatrice Oeri getragen, einer Erbin der Roche-Milliarden, die wiederum mit einer anderen Stiftung die Basler Zeitung «Tages­woche» finanziert. Deren Redaktion hat ihren Sitz im «Unternehmen Mitte».

Ein weiterer Hinweis auf die Nähe der anthroposophischen Bewegung zur ­Grundeinkommensinitiative ist Ursula Piffaretti, die wie Häni Mitglied des ­Komitees ist. Die Zugerin sass früher im Vorstand der Anthroposophischen Gesellschaft in der Schweiz (AGS) und ist heute in leitender Funktion im Verlag am Goetheanum, der in Dornach anthroposophisch orientierte Literatur vertreibt. Ausserdem ist Piffaretti im Verwaltungsrat der anthroposophischen Buchhandlung Beer in Zürich.

Ob und wie die genannten Stiftungen und Personen wie Beatrice Oeri mit der aktuellen Initiative zusammenhängen, wollte Häni nicht beantworten: «Zwischen Grundeinkommen und Anthroposophie gibt es keinen direkten Zusammenhang.» Ebenso wenig sei die Initiative marxistisch oder neoliberal.


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(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 24.09.2015, 13:05 Uhr

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