Die Banken setzen alles auf eine Karte

Bargeldlos zahlen Schweizer am liebsten per Maestro- oder Postfinance-Karte. Dennoch wurde zuletzt die Kreditkarte von den Banken aufgewertet. Dahinter steckt Kalkül.

Soll seinen Dienst weiter leisten: Speicherchip einer Kreditkarte. Foto: Getty Images

Soll seinen Dienst weiter leisten: Speicherchip einer Kreditkarte. Foto: Getty Images

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Die Schweizer ändern ihre Gewohnheiten nur langsam. Sie bezahlen ihre Einkäufe in bar, mit einigem Abstand folgen die Debitkarte von Maestro oder Postfinance und dann die Kreditkarte. Geht es nach den Kartenanbietern und Detailhändlern, soll sich diese Situation möglichst schnell ändern. Zahlreiche neue Zahlmethoden werden derzeit lanciert – als jüngstes Beispiel die neue Bellamy-Uhr von Swatch mit Bezahlfunktion.

Ausgedient hat die Kreditkarte dennoch nicht. Mit der Plastikkarte lassen sich seit einiger Zeit Transaktionen an der Kasse einfach durchwinken. Zudem funktionieren mit ihr neue Bezahl-Apps wie Paymit oder Masterpass am einfachsten. Mit diesen Apps können Kunden bald auch in Schweizer Onlineshops bezahlen. So klappt mit dem Masterpass in kürzester Zeit, was mit der viel beliebteren Maestro-Karte in der Schweiz seit Jahren nicht funktioniert: im Internet zu bezahlen.

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Die Kreditkarte wird damit gegenüber anderen Zahlungsmitteln attraktiver. Was für die Kunden gut ist, stört aber viele Händler. Sie müssen mehr Gebühren von ihrem Verkaufspreis abziehen, wenn der Kunde mit Kreditkarte bezahlt, als wenn er eine Debitkarte nutzt. Sie haben daher grosse Hoffnungen auf für sie günstigere Bezahl-Apps wie etwa Twint von Postfinance. Nur sind diese noch zu wenig verbreitet.

Industrie verliert Geld

Schweizer sind eigentlich Kreditkartenmuffel. An der Ladenkasse ist die Kreditkarte viel weniger beliebt als die Debitkarte. Laut der Statistik der Schweizerischen Nationalbank (SNB) zücken die Schweizer ihre Maestro-, Postfinance- oder Visa-V-Pay-Karte mehr als doppelt so häufig als ihre Kreditkarte. Auch der anfänglich kometenhafte Aufstieg des kontaktlosen Bezahlens per Kreditkarte hat sich laut der SNB-Statistik zuletzt verlangsamt. Dieses Alleinstellungsmerkmal hatte die Kreditkarte ohnehin nur kurz inne. Bald werden auch die Debitkarten von mehreren Banken kontaktlose Zahlungen erlauben. Besonders beim Einkauf in Schweizer Onlineshops bezahlen Kunden lieber auf altmodische Art. «84 Prozent der Handelseinkäufe in der Schweiz ­erfolgen im Internet per Rechnung», sagte Patrick Kessler, Präsident des Verbands des Schweizerischen Versandhandels, an einer Veranstaltung. Die Kreditkarte kommt auf einen Anteil von rund 12 Prozent.

Die Kreditkartenanbieter müssen daher einiges tun, um Marktanteile zu gewinnen. Benutzen die Kunden ihre Kreditkarte, können Banken von den Händlern eine Gebühr verlangen. Sie fällt nicht für jeden gleich aus, sondern wird jeweils zwischen Händler und Zahlungsdienstleister ausgehandelt. Grosse Detaillisten bezahlen pro Transaktion weniger als der Quartierladen, der wenige Zahlungen abwickelt. Diese Gebühr ist umstritten. Die Wettbewerbskommission (Weko) hat 2014 verordnet, dass die Gebühr, die ein Kreditkartenanbieter von Händlern verlangt, sinken muss. Aktuell liegt sie durchschnittlich bei 0,7 Prozent der Transaktionssumme. Im Sommer 2017 soll sie auf 0,44 Prozent sinken. Dadurch entgehen der Kartenindustrie Einnahmen von rund 50 Millionen Franken jährlich.

Sicherheitscode fällt weg

Die Kreditkartenanbieter haben daher ein grosses Interesse, ihre verbleibenden Einnahmen zu sichern. Einige Banken erhöhen derzeit die Gebühren, die Kunden für Papierrechnungen oder Mahnungen bezahlen müssen. Gleichzeitig unternimmt die Branche viel, um die Kreditkarte attraktiver zu machen. Der erwähnte Masterpass ist ein Beispiel dafür. Dabei handelt es sich um eine neue digitale Brieftasche, die auf einer Kreditkarte basiert. 1,3 Millionen Kreditkarteninhaber erhalten ihn in den kommenden Monaten automatisch und können ihn auch gleich bei Schweizer Onlineshops verwenden. Das System wird in der Schweiz vom Zahlungsdienstleister Aduno, der IT-Firma Netcetera und dem Kreditkartenanbieter Swisscard eingeführt. Credit Suisse, die ihre Kreditkarten via Swisscard anbietet, und die UBS dürften ihren Kunden den Masterpass bald anbieten. Für die Kunden hat das Vorteile: Es lässt sich im Ausland einsetzen, und beim Einkaufen im Internet fällt die umständliche Eingabe des 3-D-Secure-Code weg. Der Händler kann daher darauf hoffen, dass weniger Kunden den Bestellvorgang abbrechen, weil für sie das Bezahlen zu kompliziert ist. Es ist zudem davon auszugehen, dass der Masterpass nicht nur im Internetshop, sondern bald auch an der Ladenkasse verwendet werden kann.

Die Händler dagegen haben vor ­allem Interesse an einer Senkung der Kosten, die ihnen durch das Bezahlen ihrer Kunden entstehen – ob nun an der Kasse oder im Internet. Für die SBB wäre es beispielsweise günstiger, wenn die Kunden im Internet keine Kreditkarten verwendeten. «Es ist ein Wunsch der SBB, dass sich Debitkarten wie Maestro oder V-Pay auch im Internet nutzen lassen», so Beat Burkhalter, Leiter Unternehmensentwicklung Vertrieb und Services bei den SBB. Bislang werden dort die Tickets via Postfinance- oder der Kreditkarte bezahlt. Burkhalters Stimme hat Gewicht. Die SBB betreiben den grössten Onlineshop der Schweiz. Im letzten Jahr wurden 8,5 Millionen Billette via SBB-App abgesetzt – damit kommt die Bahn auf einen Onlineanteil am Billettverkauf von 19 Prozent. Je grösser ­dieser Anteil wird, umso stärker wird das Verlangen nach günstigeren Bezahlvarianten. Denn mit mehr Billettverkäufen via Internet steigen auch die Gebühren, welche die Bahn an die Kreditkarten­firmen abgibt.

Neue Verhandlungsmacht

Dennoch dürfte die Forderung der SBB unerhört bleiben. Denn die Maestro-Karte wird es in der Schweiz so schnell nicht ins Internet schaffen. Dies wäre zwar laut Mastercard technisch möglich, wird aber von Schweizer Banken nicht angeboten. Für die SBB und andere Händler dürfte das ein Grund sein, um als Alternative zur Kreditkarte auf neue Zahlungs-Apps zu setzen. Noch sei das Angebot in den Kinderschuhen, und es sei noch nicht klar, welche Anbieter sich durchsetzen würden, so Burkhalter. Es ist aber bekannt, dass die SBB neue Zahlungs-Apps, wie etwa Twint von Postfinance testen. Die Gebühren für Händler sind bei Twint vergleichsweise günstig. Auch in den Supermarktfilialen von Coop kommt neuerdings die Twint-App zum Zug. Das erspart den Händlern aber nur Kosten, wenn sie auch von den Konsumenten in grösserem Ausmass verwendet werden. Noch ist das aber nicht der Fall – Schweizer ändern ihre Gewohnheiten nur langsam.

Erstellt: 08.12.2015, 19:32 Uhr

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