Die Betonburg aus Basel

Herzog & de Meuron haben ihren ersten Auftrag im Kanton Zürich abgeschlossen: ein Wohnhaus auf dem Zellweger-Areal in Uster. Das Gebäude ist auf den ersten Blick ein Monstrum.

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Sie sind unter all den bekannten Architekten, die auf dem Zellweger-Areal bauen, sicher die bekanntesten. Und bekamen doch nur das kleinste Grundstück zugeteilt. Herzog & de Meuron, kurz HdM, aus Basel, aufgefallen mit Werken wie dem Vogelnest in Peking, der Elbphilharmonie in Hamburg, einem Parkhaus in Miami Beach, dem Anbau der Tate Modern in London oder dem Roche-Turm in Basel.

Eingeklemmt zwischen zwei bestehenden Industriebauten, einem Bach und einem Weiher, haben HdM ein burgartiges Wohnhaus aus rohem Beton gebaut. Einen Würfel, 25 Meter Kantenlänge, 4 Treppentürme, 8 Geschosse, 32 Wohnungen, 18 Millionen teuer. Der Bau ist der «Schlussstein» auf der Südseite des Zellweger-Areals in Uster, hiess es gestern an der Begehung. Und es ist das erste fertiggestellte Gebäude von HdM im Kanton. Um Missverständnissen vorzubeugen: Über die Kleinheit des Grundstücks haben sich die Architekten nie beklagt. Im Gegenteil.

Alles vor Ort betoniert

Worte, die Christine Binswanger, Partnerin beim Basler Architekturbüro, immer wieder benutzt, um den Bau zu beschreiben: roh, schwer, grob, unfein, massiv, archaisch. Sie sagt: «Es ist, was es ist.» Auf den ersten Blick ein ordentlicher Klotz. Ein Monstrum, dessen Feinheiten entdeckt werden wollen/müssen. Denn: Bei aller Einfachheit und Reduktion ist der Bau nicht simpel. Er ist durchdacht – und das macht letztlich seine Qualität aus.

Die Burg, die leicht vom Boden abgehoben ist, setzt sich aus vier identischen Baukörpern zusammen, die zu einem Würfel zusammengeschoben wurden. Jeder stapelt einen der beiden Typen Mietwohnung (4½- und 5½-Zimmer, bis 3500 Franken) aufeinander. An jeder Ecke ist ein Treppenturm angebracht, zugleich Erschliessung und Balkon. Die Türme sind jeweils leicht abgedreht. Dadurch erscheinen die Kanten unterschiedlich lang, und – viel wichtiger – die Besonnung ist besser, und die Privatsphäre bleibt gewahrt. Von keinem Balkon sieht man auf einen anderen. Dafür erlauben die Balkone den Bewohnern, das eigene Haus zu betrachten. Ein nicht alltäglicher Ausblick.

Der Beton, vor Ort geschalt und gegossen, ist das bestimmende Material, aussen und innen. Damit das bezahlbar war, mussten die Architekten auf Beton der zweitgünstigsten Qualität setzen. Fehler wurden nur dort geflickt, wo es technisch notwendig war. So sieht man das Handwerk ganz deutlich, die Oberfläche Bau lebt dank Unebenheiten und Einschlüssen. Interessant: Die Maurer verbesserten sich stetig, von Geschoss zu Geschoss wird der Beton schöner.

Wohnlichkeit ohne Chichi

Auch im Innern ist alles reduziert. Betondecke, Stäbchenparkett, schlichte Badezimmer, einfache Küchen. Die Lampenanschlüsse in den Decken sind mit Korkzapfen verschlossen. Binswanger glaubt, es sei das Vertraute, das eine Wohnung wohnlich mache, nicht der übliche Chichi. Entstanden sind Wohnungen, die polarisieren. «Hier muss sich der Spiesser dem Bau anpassen, nicht umgekehrt», sagt Binswanger. Dafür erhalten sie eben auch etwas Ungewohntes: zum Beispiel Kunstinstallationen vor den Liften im EG. Oder Balkone mit einer Dusche und einem Geländer, das gleichzeitig ein Kunstwerk von Erik Steinbrecher ist. Oder eine Tiefgaragenbeleuchtung, die in ihrer Einfachheit ein Hingucker ist: Die Fassungen sind im Beton eingelassen, ein Neonlichtband zieht sich elegant durch die Garage.

Die Burg, übrigens, ist nicht so hart, wie sie auf den ersten Blick scheint: Ganz oben sieht man kleine Löcher in der Fassade. Nistplätze für Mauersegler und Zwergfledermäuse.

Bilder Der Bau von Herzog & de Meuron in Uster

uster.tagesanzeiger.ch

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 14.09.2015, 22:42 Uhr

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