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Die einzige Erwachsene

Englands Politiker fallen, die oberste Schottin steht.

Nicola Sturgeon steht seit zwei Jahren an der Spitze Schottlands. Foto: AP
Nicola Sturgeon steht seit zwei Jahren an der Spitze Schottlands. Foto: AP

Eine wie sie müsste man jetzt haben. «Ich will, dass Nicola Sturgeon regiert – bitte, erobere uns, Schottland», schreibt die Londoner Kinderbuchautorin Emma Kennedy via Twitter. Und sie ist nicht allein mit ihrer Sehnsucht: Sturgeon, die Regierungschefin Schottlands, sei gerade «die einzige Erwachsene im Saal», urteilt die BBC. Während die politische Führung des Vereinigten Königreichs abdankt oder flieht, beweist Sturgeon Führungsstärke. «Die Einzige mit einer Strategie nach dem Brexit», findet der «Independent».

Sturgeon steht seit zwei Jahren an der Spitze Schottlands. Ihr Vorgänger, der langjährige Nationalistenführer Alex Salmond, trat 2014 zurück, nachdem die Bevölkerung sich an der Urne gegen die Unabhängigkeit entschieden hatte. Sturgeon, Salmonds Stellvertreterin, rutschte nach.

Damit hätte das Thema schottische Unabhängigkeit für die nächsten 20 Jahre vom Tisch sein müssen. Doch nun kommt der Brexit. Schottland war dagegen, 62 Prozent stimmten für den Verbleib in der EU. «Das verpflichtet mich», sagte Sturgeon nach Bekanntwerden des Resultats. Sie werde alles tun, damit Schottland bleiben könne – notfalls als unabhängige Nation. Eine zweite Austrittsabstimmung sei jetzt eine Option.

In Brüssel stösst Sturgeon nicht auf Begeisterung. Spanien fürchtet alle Sezessionisten, und auch Frankreich will dem Zerfall des Vereinigten Königreichs nicht Vorschub leisten. Viele werfen Sturgeon vor, sie missbrauche das Brexit-Problem für ihr wahres Ziel: die Eigenstaatlichkeit.

Sturgeon ist Nationalistin seit ihrer Jugend. Sie ist 1970 geboren, der Vater war Elektriker, die Mutter Zahnarztgehilfin. Die Thatcher-Jahre politisierten sie: «Thatcher war die Motivation für meine ganze Karriere. Ich hasste alles, wofür sie stand.» Mit 16 trat sie der Scottish National Party bei, mit 29 wurde sie Abgeordnete im Regionalparlament. Ihren Mann lernte sie in einem Ferienlager der Partei kennen.

Sturgeon hat ihn mitaufgebaut, den eigentüm­lichen schottischen Nationalismus, dem es nicht um Blut und Boden geht, sondern um Gratisbusse und Altenpflege. Schottlands Nationalisten betreiben eine ziemlich üppige Sozialpolitik und sind dennoch betont entspannt, was Zuwanderung angeht: «Ihr seid willkommen hier», sagte Sturgeon den EU-Bürgern nach dem Brexit.

Sturgeon, von Beruf Juristin, galt lange als reserviert. Heute hat sie das umgemünzt in eine Stärke, ihr Ton ist der der Ruhe. Im Mai spielte sie sich in einem Radiohörspiel selbst, beruhigte nach einem Alienangriff das Land. Alles im Griff.

Sturgeon schwört, sie sei nicht zwingend auf Unabhängigkeit aus. Ihre Berater erinnern an Grönland, das die EU verliess und trotzdem ein Teil Dänemarks blieb. Ginge das auch rückwärts? Zudem verhandelt Sturgeon mit dem Bürgermeister Londons, Sadiq Khan, dessen Stadt ebenfalls fürs Bleiben gestimmt hat. Vielleicht kommt man ja als «ScotLond» weiter in Brüssel.

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