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Italiens Mächtige folgten ihm

Licio Gelli, der ehemalige Chef der verbotenen Freimaurerloge P2, ist 96-jährig gestorben.

Licio Gelli auf einer undatierten Aufnahme in Arezzo. Foto: AP, Keystone
Licio Gelli auf einer undatierten Aufnahme in Arezzo. Foto: AP, Keystone

Italiens skandalumwitterter Ex-Freimaurerchef Licio Gelli ist am Dienstagabend in seiner Villa nahe der toskanischen Stadt Arezzo gestorben. Der 96-Jährige war vor kurzem wegen Gesundheitsbeschwerden ins Spital eingeliefert worden. Gelli war Unternehmer und ehemaliger Chef der verbotenen Freimaurerloge «Propaganda Due» (P2). Er gilt als Schlüsselfigur mehrerer politischer Skandale, die Italien in der Nachkriegszeit erschütterten. Unter anderem wurde der Verdacht geäussert, er sei in die mutmassliche Ermordung des Mailänder Bankiers Roberto Calvi in den Achtzigerjahren verwickelt. Dieser war wegen des Zusammenbruchs seiner Banco Ambrosiano in Untersuchungshaft gesessen und wurde später dann erhängt an der Londoner Blackfriars Bridge gefunden.

Mit Schnurrbart getarnt

Gelli hatte vor dem Bankrott der Banco Ambrosiano auf Schweizer Konten 120 Millionen Franken hinterlegt. 1982 wurde der P2-Chef in den Räumen der Schweizerischen Bankgesellschaft in Genf festgenommen, nachdem er mit gefärbten Haaren, einem Schnurrbart und einem gefälschten argentinischen Pass versucht hatte, mehrere Millionen Franken von einem seiner Bankkonten abzuheben. Die Tessiner Staatsanwaltschaft hatte Gellis Konten im Vorfeld wegen des Zusammenbruchs der Banco Ambrosiano sperren lassen.

Die Schweiz erklärte sich schon 1983 bereit, Gelli an Italien auszuliefern. Mit der Hilfe eines bestochenen Gefängniswärters konnte er aber kurz vor seiner Auslieferung an Italien aus dem Genfer Gefängnis Champ-Dollon flüchten. Der Wärter hatte ihn in einem Lieferwagen aus dem Gefängnisgelände zu einem Helikopter gefahren, welcher den Flüchtigen nach Monaco brachte. Eine weitere Gehilfenschaft bei der Flucht konnte nie nachgewiesen werden. Im späteren Prozess entschuldigte sich Gelli in einem Brief für die «Unannehmlichkeiten» die seine Flucht den Behörden bereitet hatte.

Vier Jahre später stellte er sich in Genf völlig überraschend der Polizei. Vermutlich war ein Entscheid des Bundesgerichtes zu dem Auslieferungsgesuch der Grund dafür. Es besagte, dass die Schweiz ihn zwar für Wirtschaftsdelikte an Italien ausliefern werde, nicht aber für seine politischen Vergehen.

Mussolinis Milizionär

Licio Gelli wurde 1919 im toskanischen Pistoia geboren. Während des Faschismus meldete er sich für die «Schwarzhemden» – eine Miliz, die vom faschistischen Diktator Benito Mussolini nach Spanien geschickt wurde, um an der Seite Francos im Bürgerkrieg zu kämpfen. Später wurde er Verbindungsoffizier der Schwarzhemden-Leitung zu Nazi-Deutschland mit Kontakten zu Hermann Göring. Nach dem Zweiten Weltkrieg arbeitete Gelli vermutlich für die CIA.

Seine mutmassliche geheimdienstliche Aktivitäten brachten ihm den Vorwurf ein, eine einflussreiche Rolle im Gladio-Projekt gespielt zu haben. Hierbei handelte es sich um eine Art zivile Geheimarmee, aufgebaut von der CIA und der Nato. Sie sollte im Falle einer kommunistischen Regierungsteilnahme in Italien oder anderen europäischen Ländern zu Guerillamethoden greifen.

Die skandalöse Liste

Im Jahr 1981 entdeckte man bei einer Hausdurchsuchung von Gellis Villa eine Liste mit den Namen zahlreicher Militäroffiziere, Politiker und Personen des öffentlichen Lebens, die sich in der Geheimloge P2 engagierten. Darunter waren die Namen von über 900 Politikern und Industriellen, unter anderem der spätere Ministerpräsident Silvio Berlusconi, sowie führenden Bankiers wie Michele Sindona und Roberto Calvi. Die Liste war ein Skandal, weil zahlreiche Ämter der italienischen Republik mit Gefolgsleuten Gellis besetzt waren.

Unter anderem wurde Gelli wegen Irreführung der Untersuchungen über den Bombenanschlag auf dem Bahnhof in Bologna im Jahr 1980 verurteilt. Seine langjährigen Haftstrafen verbrachte er mehrheitlich unter Hausarrest in seiner Villa in Arezzo. In den letzten Jahren widmete sich Gelli, der an einer Herzschwäche litt, vermehrt der Schriftstellerei.

rsa/SDA

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