Die schwierige Müller-Nachfolge

Viele der Favoriten für das FDP-Präsidium sind am zeitintensiven Amt nicht interessiert. Bereitschaft zeigt der Berner Nationalrat Christian Wasserfallen.

Parteichef Philipp Müller hat den Freisinn weg            von der Elite und näher ans Volk geführt – ein Kurs, den sein Nachfolger halten soll. Foto: Alessandro della Valle (Keystone)

Parteichef Philipp Müller hat den Freisinn weg von der Elite und näher ans Volk geführt – ein Kurs, den sein Nachfolger halten soll. Foto: Alessandro della Valle (Keystone)

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Der Rücktritt von FDP-Präsident Philipp Müller kam auch für seine Parteikollegen überraschend. Nachdem Müller bei den Parlamentswahlen vom Oktober den Umschwung geschafft hatte, rechneten viele damit, dass er sich für weitere vier Jahre an der Parteispitze wiederwählen lassen würde. Denn ein Rücktritt nach nur einer Legislatur, ohne zuvor unter Druck geraten zu sein, ist eher unüblich. Entsprechend offen ist das Rennen um Müllers Nachfolge.

Hört man sich bei FDP-Parlamentariern um, dann ergibt sich allerdings ein relativ klares Bild des Wunschkandidaten. Die FDP müsse den von Müller eingeschlagenen Kurs weg von der Elite- und hin zur Volkspartei beibehalten, darin sind sich viele einig. «Die Bodenständigkeit und Volksnähe dürfen wir ja nicht verlieren», sagt etwa der Zürcher Nationalrat Hans-Peter Portmann. Der Neue müsse zudem National- oder Ständerat sein und Erfahrung auf dem nationalen Parkett haben, so der Tenor. Gleichzeitig soll er aber nicht zu alt sein. Verschiedene FDPler wünschen sich eine «Blutauffrischung». Und selbst Westschweizer Freisinnige fordern einen Deutschschweizer Parteipräsidenten, weil mit ­Ignazio Cassis bereits ein Lateiner die Bundeshausfraktion präsidiert.

Das Amt hat wenig Strahlkraft

In den Gesprächen fallen häufig dieselben Namen möglicher Müller-Nachfolger: der Berner Christian Wasserfallen, der Appenzell Ausserrhoder Andrea Caroni, die Zürcher Beat Walti und Ruedi Noser und der Bündner Martin Schmid etwa. Mit der St. Gallerin Karin Keller-Sutter und der Waadtländerin Isabelle Moret sind auch zwei Frauen im erweiterten Kandidatenfeld.

Doch etliche der Genannten wollen nicht an die FDP-Spitze aufsteigen. Caroni beispielsweise nimmt sich umgehend aus dem Rennen: «Ich stehe für das Amt nicht zur Verfügung.» Caroni sagt, er möchte sich vermehrt im Ständerat einbringen, seinen Anwaltsberuf nicht ganz aufgeben und weiterhin Zeit haben für seine junge Familie. Auch Keller-Sutter winkt ab. «Für mich kommt das Amt nicht infrage», sagt sie. Sie sei zwölf Jahre in der Kantonsregierung gewesen und deshalb sachpolitisch geprägt. «Ich will keine Parteipolitik machen. Das Amt wäre für mich eine unnötige Einschränkung als Ständerätin», sagt Keller-Sutter. Ebenfalls kein Interesse haben Isabelle Moret, weil der Präsident ein Deutschschweizer sein solle, und Ruedi Noser, der einen Generationenwechsel fordert. Der 47-jährige Nationalrat Beat Walti sieht «spontan nicht, wie das Parteipräsidium mit meiner mittelfristigen Lebensplanung vereinbar wäre». Als Präsident der Zürcher FDP wisse er auch, wie wenig planbar ein solches Amt manchmal sei. Man müsse permanent erreichbar sein. Auf die Frage, wie er reagieren würde, wenn seine Partei auf ihn zukäme, sagt Walti: «Auch dann wäre das zeitintensive Präsidentenamt wohl keine Option.» Walti geniesst einen starken Rückhalt in der Bundeshausfraktion und war bereits im Gespräch für das Amt des Fraktionschefs – sagte aber aus beruflichen Gründen ab.

Martin Schmid als «Glücksfall»?

Bleiben noch Wasserfallen und Schmid. Ersterer ist ernsthaft interessiert am Amt. «Ich schliesse mir keine Türen. Ich werde mir eine allfällige ­Kandidatur über die Weihnachtsferien gut überlegen», sagt Wasserfallen. Der 34-jährige Berner hätte vor Monatsfrist bereits Fraktionschef werden wollen, unterlag in der Wahl jedoch dem Tessiner Ignazio Cassis. In seine Abwägungen flössen nun verschiedene Aspekte mit ein, sagt Wasserfallen. «Meine Stellung in der Fraktion oder Privates beispielsweise.» Auch die Perspektive, allenfalls 2018 für den Berner Regierungsrat zu kandidieren, spiele eine Rolle, sagt Wasserfallen. «Da sind meine Prioritäten noch nicht klar.»

Martin Schmid war gestern nicht erreichbar. Für seinen Ständeratskollegen Joachim Eder wäre Schmid aber dank seiner Erfahrung unter anderem im Bündner Regierungsrat «ein absoluter Glücksfall».

Keine Richtungswahl

Vom Kandidatenfeld bleiben also nicht viele Namen übrig. Ständerätin Keller-Sutter sagt denn auch, es werde nicht einfach, einen Nachfolger zu finden. Denn der Aufwand und das Engagement für das Amt seien enorm. «Man muss dankbar sein, wenn jemand bereit ist, diese Rolle zu übernehmen», sagt die St. Gallerin. Philipp Müller war bekannt für seine intensive Kontaktpflege mit der Parteibasis – der Respekt dafür ist spürbar.

Die politische Positionierung der Kandidaten bei der Müller-Nachfolge ist kaum Thema. Ruedi Noser sagt, die Freisinnigen würden sehr kompakt politisieren: «Im Zusammenhang mit der Präsidentenwahl wird es nicht zu einer Richtungsdiskussion kommen.» Es ist eine kleine Spitze an eine andere Partei: Die CVP wählt im Frühling den Nachfolger von Parteipräsident Christophe Darbellay – und wird um ebendiese Diskussion nicht herumkommen.

Die Konferenz der kantonalen Parteipräsidenten der FDP wird demnächst über das Verfahren und die Zusammensetzung der Findungskommission entscheiden. Die Kantonalparteien können bis Ende Februar ihre Kandidaten melden. Die Delegierten wählen den Nachfolger von Philipp Müller im April. Die FDP-Frauen haben bereits klargemacht, dass sie lieber eine FDP-Bundesrätin als eine Parteipräsidentin hätten.

Erstellt: 15.12.2015, 22:08 Uhr

Christian Wasserfallen

Beat Walti

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