Der Neonazi bricht sein Schweigen

Ralf Wohlleben ist wohl der am meisten unterschätzte An­geklagte im NSU-Prozess.

Ralf Wohlleben im Gespräch mit seiner Anwältin Nicole Schneiders. Foto: Keystone

Ralf Wohlleben im Gespräch mit seiner Anwältin Nicole Schneiders. Foto: Keystone

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Ralf Wohlleben, seit Ende 2011 in Haft, angeklagt als mutmasslicher Unterstützer des Nationalsozialistischen Untergrunds (NSU), jener deutschen Terrorgruppe, der zehn Morde vorgeworfen werden. Nach Jahren des Schweigens entschied er sich – nach der Hauptangeklagten Beate Zschäpe – ebenfalls auszusagen. Spätestens seit seinem Auftritt im Münchener Gerichtssaal diese Woche ist klar, dass Wohlleben alles andere als ein stiller ­Nebendarsteller ist.

Anders als Zschäpe verliest er seine Aussage selbst und belastet vor allem die, die sich nicht mehr wehren können: Uwe Böhnhardt und Uwe Mundlos, die die Morde verübten und sich selbst töteten, um der Verhaftung zu entgehen. Mit den beiden verbindet ihn der Einstieg in die rechte Szene Thüringens. Aber von den Gewalttaten seiner Freunde will er nichts gewusst haben. Mit seiner Hilfe soll die Ceska-Pistole, mit der die Morde verübt wurden, aus der Schweiz beschafft worden sein. Doch davon ist bei ihm keine Rede.

Star der rechten Szene

Wohlleben ist mittlerweile so etwas wie ein Star der rechten Szene. Seine Anhänger liessen schon T-Shirts mit dem Aufdruck «Freiheit für Wolle» drucken. Wenn er in den Gerichtssaal kommt, sind seine Unterstützer nicht weit. Mit seiner Aussage hat Wohlleben die Richter überrascht, aber jeder Schritt ist überlegt, strategisch ausgewählt. Wohlleben ist keiner, der etwas dem Zufall überlassen will. Schon gar nicht den Ausgang des Prozesses.

Sein Auftritt ist eine gut inszenierte Vor­stellung, detailliert schildert er seine Lebens­umstände. Er wuchs in Jena auf, bereits als ­Jugendlicher faszinierte ihn die rechte Szene. Nein, er sei nicht nur ein Skinhead gewesen, hat er sich mehrfach zitieren lassen. Sondern einer, der sich auch politisch engagieren wollte. Sogar Jobs habe er verloren, weil seine rechte Gesinnung seinen Arbeitgebern aufstiess.

Der politische Strippenzieher?

Tino Brandt, eine Schlüsselfigur der Thüringer Neonazi-Szene und ehemaliger Informant des Geheimdienstes, bringt ihn zur NPD, einer in Deutschland zugelassenen rechtsradikalen Partei. Erst als Pressesprecher, dann als stellvertretender Landesvorsitzender macht Wohlleben sogar lokale Politkarriere. Gewalt habe er immer ab­gelehnt. Aber Zustände, wie sie beispielsweise in Frankfurter Vierteln herrschten, in denen viele Zuwanderer lebten, würde er sich für Jena nicht wünschen, soll er einmal gesagt haben.

Der 40-Jährige weiss, dass der Prozess für ihn alles andere als gut ausgehen könnte. Zu stark wiegt der Verdacht, dass er von den NSU-Morden wusste. Seine Bewunderung für Zschäpe verbirgt er nicht. Vieles deutet darauf hin, dass Wohlleben einer der politischen Strippenzieher des NSU gewesen sein könnte. Doch er ist ein gewiefter Spieler, der es versteht, mehr Fragen aufzuwerfen, als Antworten zu liefern.

Erstellt: 17.12.2015, 23:44 Uhr

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