Warum ein Ueli-Steck-Berg der falsche Weg ist

Grindelwald überlegt, eines der Hörnli am Eiger zu Ehren von Ueli Steck zu benennen. Das ist keine gute Idee.

An der Eigernordwand hat Ueli Steck immer wieder Bestmarken gesetzt. Foto: Alamy

An der Eigernordwand hat Ueli Steck immer wieder Bestmarken gesetzt. Foto: Alamy

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Am 30. April ist Ueli Steck am Nuptse im Himalaja ums Leben gekommen. Er ist bei der Vorbereitung auf eine Tour, bei der er nacheinander und ohne Sauerstoff den Mount Everest und den Lhotse besteigen wollte, abgestürzt. Die Anteilnahme am Tod des 40-Jährigen war gross. Schnell kam auch die Idee auf, Ueli Steck mit einem neuen Namen für eines der Hörnli auf der Ostflanke des Eigers zu würdigen.

Doch soll man wirklich einen Berg in Grindelwald auf den Namen des tödlich verunglückten Sportlers taufen und dies auf lange Sicht amtlich festlegen und kartografieren? Das mutet fast wie eine Instant-Seligsprechung an. Es gibt andere Möglichkeiten, sein Andenken zu bewahren und ihn als Menschen und Bergsteiger in guter Erinnerung zu behalten. Die Betroffenheit droht den Blick auf die Argumente, die gegen eine Umbenennung sprechen, zu verstellen.

Vergängliche Namen

Stecks Tod im Himalaja war tragisch, seine Fähigkeiten als Kletterer waren herausragend. Das sind jedoch keine ausreichenden Gründe, um eines der Hörnli am Eiger umzutaufen. Auch kein Grund ist, dass er den Aufstieg zum Eiger in Rekordzeit geschafft hat. Oder dass der Eiger sein Lieblingsberg war. Es ist etwas anderes, eine Strasse nach einem Menschen zu benennen. Diese Möglichkeit wird rege und gerne genutzt. In Biel gibt es eine Roger-Federer-­Allee, in Kandersteg eine Bundesrat-Adolf-Ogi-Strasse. Kommt etwas Unvorteil­haftes ans Tageslicht – was ja bei keinem Menschen ausgeschlossen ist –, können die Schilder wieder abgeschraubt werden.

82 Viertausender in zwei Monaten: Die erfolgreichsten Momente des Tempo-Alpinisten Ueli Steck. Video: Tamedia mit Material von Facebook/Ueli Steck und Samcam.film

Es mag zynisch klingen, aber schon viele gute Bergsteiger sind verunglückt, und sie haben keinen eigenen Berg­gipfel erhalten, noch viele gute Bergsteiger werden abstürzen – und man wird keine Gipfel nach ihnen benennen. Es trifft zwar zu, dass eine Reihe von Bergspitzen in der Schweiz die Namen ihrer Erstbesteiger tragen, dies geschah aber in der Pionierzeit und in Ermangelung anderer Namen.

Es trifft auch zu, dass die Expeditionsteil­nehmer rund um den Forscher Louis Agassiz im 19. Jahrhundert im Berner Oberland die Gelegenheit, sich zu verewigen, beim Schopf packten. Mit diesen Namen, die fast unauslöschlich auf den Karten stehen, sind nicht alle glücklich: Man kann sogar sagen, es sei eigentlich eine Anmassung, einer seit Hunderttausenden von Jahren bestehenden Felsformation den Namen einer Person zu geben. Und heute würde Agassiz wegen seiner rassistischen Äusserungen auch kein eigenes Horn mehr erhalten.

Ausnahme Dunant

2014 wurde im Wallis die Ostspitze neben der Dufourspitze in Dunantspitze zu Ehren des Rot-Kreuz-Gründers Henry Dunant (1828–1910) um­getauft. Es geschah wohl auch wegen der Aussenwirkung der Schweiz als Hort der Humanität. Der damalige Bundespräsident Didier Burkhalter erwähnte den neuen Berg deshalb auch an der UNO-Vollversammlung im September 2014. Das sollte eine absolute Ausnahme bleiben. Dunant hat aber immerhin eine Organisation geschaffen, die seit über 150 Jahren Bestand hat, sich auf der ganzen Welt für das Wohl der Menschheit einsetzt und viel für das Ansehen der Schweiz getan hat.

Dunant war mehr als hundert Jahre tot, bevor man sich entschloss, eine Zacke im Monte-Rosa-Massiv auf seinen Namen zu taufen. Ueli Steck ist Ende April gestorben. Die Regung, ihn unbedingt und möglichst schnell zu ehren, mag menschlich sein, einen Berg neu zu benennen, ist aber der falsche Weg und keine gute Idee. Man kann den Bergsteiger auch auf eine andere Weise wür­digen, ohne dass dadurch seine Leistungen geschmälert würden.

Das Credo der Bergsteiger lautet zudem, den Berg möglichst unverändert zurückzulassen, Haken, Schrauben und Seile wieder einzupacken. Auch unter diesem Gesichtspunkt sollte das, was die Kräfte der Natur geschaffen haben, nicht mit dem Namen eines vergänglichen Menschen überschrieben werden.

Erstellt: 18.05.2017, 07:46 Uhr

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