Der Instinktpolitiker im ETH-Rat

Vom Bauernsohn zum mächtigsten Wissenschaftsfunktionär der Schweiz: Der Glarner Fritz Schiesser leitet seit zehn Jahren das oberste ETH-Gremium.

Als Student ein berüchtigter Leserbriefschreiber: Fritz Schiesser. Foto: Urs Jaudas

Als Student ein berüchtigter Leserbriefschreiber: Fritz Schiesser. Foto: Urs Jaudas

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«Ich habe den Job sicher nicht bekommen, weil ich ein Spezialist in Quantenphysik war», antwortet ETH-Ratspräsident Fritz Schiesser schalkhaft auf die Frage, wie ein Politiker und Jurist zu diesem Posten kommen konnte. Der ehemalige Glarner FDP-Ständerat bekleidete ab Januar 2008 plötzlich ein Amt, das in seiner über 150-jährigen Geschichte überwiegend arrivierte Akademiker und renommierte Professoren innehatten. Doch Schiesser hat sich durchgebissen, Ende Jahr ist er seit zehn Jahren im Amt.

Ein ETH-Ratspräsident ist zwar in der Öffentlichkeit kaum bekannt, aber er gehört zu den mächtigsten Wissenschaftsfunktionären des Landes. Der ETH-Rat ist sozusagen der vom Bundesrat eingesetzte Verwaltungsrat der beiden Eidgenössischen Technischen Hochschulen in Zürich und Lausanne sowie der vier bundeseigenen Forschungsinstitute PSI, Empa, WSL und Eawag. Er verteilt jedes Jahr 2,5 Milliarden Forschungs- und Bildungsfranken. Er ernennt die Professoren und schlägt dem Bundesrat die Schul- und Institutsleiter vor. Und er entscheidet, in welche Forschungsschwerpunkte in Zukunft investiert werden soll – und in welche nicht. «Diese strategischen Vorgaben entscheiden, wo die Schweiz in 20 bis 25 Jahren mithalten kann oder wo sie abgehängt wird», erklärt der 63-jährige Schiesser im Sitzungszimmer der Geschäftsstelle Zürich, eines stattlichen Hauses am Zürichberg.

Ein turbulenter Start

Fritz Schiessers Start vor zehn Jahren fiel in eine turbulente Zeit. Der ETH-Rat steckte damals tief in der Krise. Sogar die Abschaffung wurde offen diskutiert. Die ETH Zürich taumelte nach der gescheiterten Präsidentschaft des reformerischen Ernst Hafen. Dieser war 2005 von Schiessers Vorgänger Alexander Zehnder eingesetzt worden, um dem alten Flaggschiff schnittigere Strukturen nach amerikanischem Vorbild zu verpassen. Im Hintergrund schwelte der Streit zwischen der aufstrebenden ETH Lausanne und der ETH Zürich und erreichte 2007 ihren Höhepunkt. Schuld war aus Zürcher Sicht der ETH-Rat, weil er Lausanne überproportional viele Mittel zusprach, die der ETH Zürich dann fehlten. Prompt reichte Zürich beim damals zuständigen Walliser FDP-Bundesrat Pascal Couchepin eine offizielle Beschwerde gegen den ETH-Rat ein. Couchepin wies die Beschwerde zwar ab, doch ETH-Ratspräsident Zehnder trat trotzdem entnervt zurück.

Jetzt, das spürte Instinktpolitiker Pascal Couchepin, half nur noch ein Instinktpolitiker. Er rief seinen Parteikollegen aus dem Glarnerland an, der bereits als Mitglied der ständerätlichen Wissenschaftskommission und als Stiftungsratspräsident des Schweizerischen Nationalfonds Erfahrungen im Forschungsbereich gesammelt hatte.

Die Kuppel der ETH Zürich. Foto: Keystone

Schiesser brachte diejenigen Qualitäten mit, die Couchepin suchte: die politische Vernetzung in Bundesbern, ein sicheres Gespür für den Ausgleich und für Kompromisse. Natürlich stiess er anfänglich als Politiker und Jurist im Reich der Naturwissenschaftler und Ingenieure auf Widerstand, erinnert sich Schiesser. Aber wenn ihn ein Forscher fragte, was er denn von ihrer Welt verstehe, fragte er einfach zurück, was sie denn von Politik verstehen würden. Diese Gegenfrage habe das Eis gebrochen. Schiessers politische Karriere war schon damals lang. Zuerst Schulrat in seiner Heimatgemeinde Haslen, dann Schulpräsident, schliesslich Landrat (Kantonsparlament) und Richter im Kanton Glarus, dann Ständerat und 2003 sogar Ständeratspräsident. Ein Jasager oder Hinterbänkler war Schiesser jedoch nie. «In meiner Studentenzeit war ich im Glarnerland bekannt-berüchtigt als Leserbriefschreiber», sagt der ausgebildete Jurist, der noch immer eine Advokatur in Glarus betreibt und auch im Kanton wohnt. «Da nahm ich nie ein Blatt vor den Mund. Einmal deutete mir ein prominenter Glarner an, dass ich etwas bremsen sollte, wenn mir ein Job im Glarnerland wichtig sei. Das stachelte mich nur noch mehr an.» Für den Ständerat kandidierte er 1990 als wilder Kandidat gegen den Willen seiner Partei. Prompt schickte ihn das Glarnervolk nach Bern.

«Mach, was dir Freude macht»

Hinter dieser Laufbahn steht ein gewitzter Bauernsohn, der sich aus eigener Kraft hocharbeitete. Sein Vater hatte ein kleines Heimetli, das er aber schon verkaufte, als Fritz Schiesser noch in der Primarschule war. Vater Schiesser wurde Fabrikarbeiter und arbeitete sich zu einem angesehenen Maschinenspezialisten hoch. «Das Technische sagte ihm mehr zu», erinnert sich Fritz Schiesser, der selber einen Sohn hat. Sein Vater habe ihm schon gesagt: «Mach, was dir Freude macht, ich mische mich nicht ein.» Er wäre wohl stolz gewesen, wenn er miterlebt hätte, dass sein Sohn das Schicksal der wichtigsten technischen Hochschulen des Landes mitbestimmt.

Heute, sagt Fritz Schiesser, sei er altersmilde geworden. Er sei eher der ausgleichende Typ, nicht der Anheizer. «Im juristischen Umfeld würde man sagen, ich sei eher der Richter, der einen Vergleich sucht, der alle halb zufrieden sein lässt, als der Anwalt, der noch Öl ins Feuer giesst», charakterisiert sich der Advokat selber. Im Haifischbecken der Hochschulwelt kann ihm dies nur nützlich sein. So bewältigte er die Krise im ETH-Rat, überstand eine offizielle Untersuchung der parlamentarischen Geschäftsprüfungskommission und umschiffte so manchen Sturm der Entrüstung in den Medien. «Als mir neulich ein Kollege sagte, man hört nicht mehr viel von euch, war das mein grösstes Kompliment», schmunzelt Schiesser und nimmt leise lächelnd einen Schluck Mineralwasser.

Derzeit steht ihm wieder einmal eine heikle wissenschaftspolitische Gratwanderung bevor. Strikte Sparvorgaben des Bundes schmälern das Budget der ETHs. «2018 erhalten wir effektiv weniger als 2017, wenn das Parlament dem Bundesrat folgt», sagt Schiesser. Dies gefährde den Auftrag, wonach die ETHs mit den besten Forschungsuniversitäten der Welt mithalten sollten. «Ohne Grundlagenforschung haben Sie irgendwann keine angewandte Forschung mehr. Das ist den Politikern und der Wirtschaft manchmal schwierig zu erklären», sagt Schiesser, der als Bankenjurist und Mitglied beim liberalen Thinktank Avenir Suisse durchaus selber wirtschaftsnah ist.

Manchmal wünscht sich Fritz Schiesser schon, er würde selber mehr von der Quantenphysik verstehen. Auf seinem Nachttisch liegt ein Buch über Einstein und das Universum. Albert Einstein fasziniere ihn sowieso, sein Werdegang vom Gymnasiasten zum Genie, das an der ETH zuerst abgelehnt wurde; seine etwas schwierige Persönlichkeit; seine Erkenntnisse, ohne die es zum Beispiel das GPS nicht geben würde. «Ich würde mir wünschen, dass jemand Einsteins Theorien so erklären könnte, dass sie auch Nichtphysiker verstehen könnten», sagt Schiesser. «Dann würde der Sinn der Grundlagenforschung hoffentlich für viele klar.»

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 14.07.2017, 17:45 Uhr

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