Eine Scheune für die Kunst

Die Basler Architekten Herzog & de Meuron haben den Zuschlag für das Museum der Moderne in Berlin erhalten.

Lagerhalle? Tempel? Bahnhofshalle? Der siegreiche Museumsentwurf aus Basel. Foto: Herzog & de Meuron Basel Ltd.

Lagerhalle? Tempel? Bahnhofshalle? Der siegreiche Museumsentwurf aus Basel. Foto: Herzog & de Meuron Basel Ltd.

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«Auf dieses Bauvorhaben schaut die ganze Welt», sagte die deutsche Kulturstaatsministerin Monika Grütters. Das geplante Museum des 20. Jahrhunderts, welches das Kulturforum in der Nähe des Potsdamer Platzes in Berlin komplettieren soll, versetzt die Branche in Aufregung: Der Bauplatz liegt am Nullpunkt dieser Kulturagora zwischen der Philharmonie und der Neuen Nationalgalerie, den beiden Diven der Nachkriegsmoderne.

Doch mit dem Ort ist das so eine Sache. Nachdem das Gebiet nach dem Zweiten Weltkrieg praktisch vollständig zerstört gewesen war, wurde es in den 60er-Jahren zum Brennpunkt der Architektur. Die St.-Matthäus-Kirche erstand wieder, und innert weniger Jahre wurden mehrere Aufträge vergeben, um einen kulturellen Anziehungspunkt zu schaffen. Hans Scharoun skizzierte dafür ein Gesamtkonzept und begann, die Philharmonie mit Nebenbauten und die neue Staatsbibliothek zu planen. Ludwig Mies van der Rohe entwarf die Neue Nationalgalerie, Rolf Gutbrod das Kunstgewerbemuseum.

Später kamen die Gemäldegalerie und weitere Gebäude hinzu, doch das Gästehaus, das Scharoun im Zentrum vorgesehen hatte, blieb auf dem Papier. Versuche, diese städtebauliche Wunde zu schliessen, scheiterten jahrzehntelang. Hans Holleins Vorschlag wurde verworfen, ein späteres landschaftliches Konzept nur in Teilen umgesetzt. Mit dem Mauerfall war der nahe Potsdamer Platz in den Fokus gerückt. Bis heute gähnt im Herzen des Kulturforums eine windige Brache.

200 Millionen sind zugesagt

Nun soll der Ort endlich eine Mitte erhalten – und zwar zügig. Ende 2014 stellte der Bundestag 200 Millionen Euro zur Verfügung für den Neubau, in dem ab 2021 die Kunst des 20. Jahrhunderts umfassend gezeigt werden soll, von Max Beckmann bis Jason Rhoades. Im Herbst 2015 lobte die Stiftung Preussischer Kulturbesitz einen Ideenwettbewerb aus. Gesucht war nicht einfach ein Architekt, sondern ein Wunderheiler, der mit einem einzigen Gebäude die Zerrissenheit überwinden würde.

Die Abmessung des Baugrundstücks Parzelle war bereits vorgegeben, was viele kritisierten. So glich der Ideenwettbewerb einer Alibiübung, um die Offenheit des Verfahrens zu suggerieren. 460 Teilnehmer aus aller Welt versuchten ihr Glück am bedeutendsten Bauplatz Berlins. 10 durften am Realisierungswettbewerb mitmachen, für den 30 Schwergewichte der Branche bereits gesetzt waren. Eine Zweiklassengesellschaft: Die kleinen Büros leisten die Vorarbeit, während sich die grossen erst im Hauptteil messen müssen.

Es überrascht darum weniger, dass mit Herzog & de Meuron ein Starbüro gewonnen hat, als vielmehr, womit. Die Basler Architekten schlagen zusammen mit Vogt Landschaftsarchitekten aus Zürich einen ausgedehnten Backsteinbau mit Satteldach vor, der sich zwischen der Neuen Nationalgalerie und der Philharmonie duckt. Der Entwurf sieht aus wie eine Kreuzung zweier Museen, die das Büro dieses Jahr eröffnet hat: Ein aufgelöstes Ziegelkleid prägt die Fassade – ähnlich wie bei der Erweiterung der Tate Modern in London; der überdimensionale Giebel erinnert derweil an das Vitra-Schaudepot in Weil am Rhein.

Neben Scharouns Schwung und Mies’ Geradlinigkeit gibt es eigentlich nur zwei Möglichkeiten, zu bestehen. Entweder man ersetzt das Vakuum dazwischen mit einem dritten Magneten, wie Rem Koolhaas mit seinem Vorschlag einer Pyramide, die eine Anerkennung erhielt. Oder man gräbt sich wie das japanische Büro Sanaa aus Ehrfurcht im Boden ein, was die Jury ebenfalls würdigte. Herzog & de Meuron tun weder das eine noch das andere. Sie lösen die Probleme des Ortes pragmatisch. Der niedrige Bau stösst niemanden vor den Kopf. Das kreuzförmige Atrium verbindet die Parzelle in zwei Richtungen, damit die Häuser zueinanderfinden. Die neutralen Räume lassen den Kuratoren viele Möglichkeiten, sie zu bespielen.

Trotziges Understatement

Der Entwurf ist ein Understatement, allerdings ein ziemlich trotziges. Herzog & de Meuron pflanzen dem grossstädtischen Kulturforum eine archaisch-rurale Architektur ein, die sich auf das Elementare, das Urtümliche zurückbesinnt. Was bei der Seilbahnstation auf dem Chäserrugg oder beim Parish Art Museum auf Long Island einleuchtet, wirkt in Berlin indes wie eine Negation des Ortes. Diese neue Einfachheit paaren die Architekten mit einem monumentalen Massstab und treffen damit den Nerv der Jury, die die Quadratur des Kreises verlangte: nur nicht zu stark auffallen, aber doch etwas ausstrahlen.

«Der Entwurf entzieht sich völlig den Standardvorstellungen, wie ein Museum an diesem Ort aussehen muss», sagte Jurypräsident Arno Lederer. Selbst die Architekten wissen nicht genau, was sie entworfen haben. «Ist es eine Lagerhalle? Oder eine Scheune? Oder vielleicht eine Bahnhofshalle?», fragen sie. «Ist es ein Tempel mit den exakt gleichen Giebelformen wie die Alte Nationalgalerie von August Stüler?» Monika Grütters spricht jedenfalls von einem «grandiosen Entwurf». Und Hermann Parzinger, Präsident der Stiftung Preussischer Kulturbesitz, ist sich sicher, dass die Basler damit Museumsarchitekturgeschichte schreiben werden.

«Der grösste Aldi von Berlin»

In den Feuilletons hält sich die Begeisterung in Grenzen. Der Entwurf sei ein autistischer Solitär, heisst es da, als wären Mies’ Kunsttempel und Scharouns Musikkathedrale dies nicht. Das Museum sehe aus «wie der grösste Aldi von Berlin», stichelte der Architekt Stephan Braunfels, der die Pinakothek der Moderne in München gebaut hat und nicht zum Wettbewerb in Berlin geladen war. Andere vergleichen es mit einem Festzelt, einer Reithalle, einer Baracke. «Eine Scheune für die Moderne?», fragt die FAZ ungläubig. Die «Welt» lobt den Pragmatismus, und der Rundfunk Berlin Brandenburg meint lapidar: «Es geht gar nicht anders.»

Zurückhaltende Urteile für ein derart prestigeträchtiges Bauprojekt. Doch Architektur alleine entscheidet nicht über deren Erfolg. Herzog & de Meuron beweisen Gespür für die Wünsche der Bauherrschaft und liefern einen Entwurf ab, der politisch baubar ist. Architektonisch nicht die aufregendste Lösung, aber in einer so verzwickten Situation wie auf dem Kulturforum vielleicht die einzig realistische.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 30.10.2016, 18:54 Uhr

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