«Ja, das Leiden hat etwas Nützliches»

Früher Radrennfahrerin, heute Philosophin: Im Interview spricht Heather Reid über den Sinn des Leidens.

Freiwilliger Effort für unnötige Hindernisse: Der Franzose Warren Barguil in der 9. Tour-Etappe. Foto: Dirk Waem (Belga, Imago)

Freiwilliger Effort für unnötige Hindernisse: Der Franzose Warren Barguil in der 9. Tour-Etappe. Foto: Dirk Waem (Belga, Imago)

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Wie banal ist Radfahren?
Wie meinen Sie das?

Es ist für einen Aussenstehenden ein simples Pedalen und Ins-Ziel-Kommen.
Na, kommen Sie! Was soll dann Fussball sein? Da versuchen elf Leute, einen Ball ins Netz zu setzen – was soll da ein Aussenstehender denken? Oder der 100- Meter-Lauf? Der ist im Prinzip so simpel, einfach laufen, kann im Detail aber enorm komplex werden.

Und das Radfahren?
Ebenso. Du musst zum Beispiel mit ­Leuten der gegnerischen Mannschaften zusammenarbeiten, die wenig später wieder zu Rivalen werden. Das verlangt Teamwork und Strategie. Aber ja, Sport ist an sich bedeutungslos. Einen Ball in ein Tor zu setzen, hat eigentlich keinen Wert – was wir daraus machen, gibt dem Sport erst seine Bedeutung. Wir bewundern, wie schnell die Fahrer den Berg hochkommen.

Und wir Zuschauer schauen ihnen stundenlang beim Leiden in ­brütender Sonne zu. Sind wir ­Sadisten?
Ich glaube, das ist kein sadistischer Gedanke. Es ist schlicht und einfach interessant, zu sehen, was der Mensch leisten kann, wie er den Berg hochfährt, wie die anderen darauf reagieren. Das ist etwas anderes, als einem Kind zuzuschauen, wie es zu wenig Essen hat. Der Fahrer setzt sich freiwillig dieser Situation aus.

Wenn die Tour de France jeweils die neue Strecke publiziert, hoffen wir, dass der Kurs möglichst hart wird, mit möglichst vielen Pässen.
Wir wollen, dass die Anstrengungen der Fahrer sichtbar werden. Wir wollen sehen, wie jemand etwas Grossartiges vollbringt – etwas, das wir selbst nicht können. Dafür eignen sich Pässe – aber nicht nur. Paris–Roubaix ist mehrheitlich flach und trotzdem sehr, sehr hart.

Weshalb fasziniert uns das Leiden dermassen?
Der Radsport umfasst Tugenden wie Mut und Durchhaltewillen, aber auch Kreativität. Der Radsport bringt diese Dinge zum Vorschein. Es wär viel einfacher, mit einem Motorrad über Berge zu fahren. Doch das ist nicht der Charakter des Sports. Es geht darum, es mit dem eigenen Körper zu tun.

Dann ist Radfahren auch ein gewaltsamer Sport?
Weshalb?

Der Fahrer versucht, beim Konkurrenten derart starke ­Schmerzen zu verursachen, dass der Gegner ihm nicht mehr folgen kann.
Es kommt drauf an, wie man Gewalt ­definiert. Eine Definition mag sein, dass man absichtlich Schmerzen verursachen will. Dann, ja, dann ist der Radsport nicht ganz unschuldig. Das ist aber immer noch etwas völlig anderes, als jemandem an den Kopf zu schlagen. Diese Aggression gibt es im Radsport nicht. ­Jemanden an seine Grenzen zu bringen, ist etwas anderes. Darum ist es für mich kein gewaltsamer Sport.

Hat das Leiden etwas Nützliches?
Ja, sicher. Eine philosophische Theorie beschreibt den Nutzen von freiwilligem Effort, um unnötige Hindernisse zu überwinden. Und wenn wir leiden, brauchen wir Selbstkontrolle oder Mut, um die Schmerzen zu überwinden. Alles Dinge, die wir auch im Leben benötigen. Sport ist ein Schaufenster der Tugenden. An der Tour de France sehen wir das, vom ersten bis zum letzten Tag, vom ersten bis zum letzten Fahrer. Die Fahrer trotzen der Hitze, den Bergen und Schmerzen. Und wir identifizieren uns mit ihnen.

Müssen wir also an die Grenzen gehen, um besondere Momente zu erleben?
Ich mag diesen Gedanken im Sport nicht wirklich. Im Sinn von 110 Prozent geben, das ist ja schon rein theoretisch nicht möglich. Die besonderen Momente entstehen meiner Meinung nach eher durch das Wissen, die Zweifel besiegt zu haben. Unsere Grenzen sind darum meist psychologischer Natur. Ich bin kürzlich den Zoncolan hochgefahren, ein fürchterlicher italienischer Pass. Es war extrem steil, ich litt, doch da begegnete ich plötzlich einem Mann, der im Rollstuhl hochfuhr. Ich finde, Leute überschätzen den Begriff «Grenzen überschreiten». Menschen haben den Holocaust überlebt, das war grenzwertig. Doch Sport ist nur Sport.

Sport ist aber auch: Wer Schwäche zeigt, verliert.
Das finde ich falsch. Es gibt Philosophen, die sagen, Sport sei faschistisch, denn er verachte die Leute mit Schwächen. Ich denke da anders. Wenn Sport motiviert wäre von der Verachtung der Schwachen, dann würde irgendwann niemand mehr mitmachen.

Auf der anderen Seite gilt: Überlegenheit macht verdächtig.
Es ist der Preis, den der Radsport für seine Vergangenheit zahlt. Wenn heute jemand sagt, «wir sind sauber», dann passiert in diesen Tagen das Gleiche wie in der Geschichte vom Hirtenjungen, der immer «Wolf!» schreit, bis ihn in der Gruppe niemand mehr ernst nimmt. Als dann tatsächlich der Wolf kommt, ­reagiert niemand mehr.

Müssen wir annehmen, dass alle dopen?
Es hat etwas sehr Faules an sich, so zu denken. Das gibt einem vielleicht ein ­gutes Gefühl, doch es ist absolut respektlos gegenüber den Fahrern.

Wenn nun morgen Chris Froome positiv getestet wird, müssen wir uns betrogen fühlen?
Ja!

Weshalb?
Es ist Betrug. Wenn du eine Rennlizenz löst, dann hast du dich an Regeln zu halten, immer. Da gibt es keine Ausnahme.

Dann hat der Radsport eine Verantwortung gegenüber der Gesellschaft.
Ja. In Amerika gibt es Wrestling, es ist unterhaltend, aber eine Show – alles ist im Vorfeld abgemacht. Doch der Sport nimmt sich das Recht, dass man Regeln einhält und der Ausgang ungewiss ist. An das glauben wir, also müssen die ­Regeln eingehalten werden.

Sie schrieben in einem Ihrer Essays den wunderschönen Satz: «An der Startlinie sind wir alle Philosophen.»
Ich kam darauf, weil Sport in vielen Dingen eine Suche nach Wissen ist. Philosophie bedeutet auf Griechisch «Liebe zur Weisheit». Wenn du nun an der Start­linie stehst, ist vieles ungewiss. Wer wird gewinnen? Was kann ich schaffen? Wie fit sind die anderen? Wie fit bin ich? Wir wollen mehr Wissen.

Da gehört auch Angst dazu.
Natürlich. Weil du an der Startlinie die Antwort nicht kennst, ist immer auch Furcht dabei. Aber die ist stets dabei, wenn du nach Wissen suchst – ob als Radfahrer, Wissenschaftler oder Philosoph. Sokrates sagte, erst musst du dir eingestehen, dass du nichts weisst – das kann ein bisschen beängstigend sein, ­gerade im Sport. Viele geben sich gerne selbstbewusst. Doch wenn mir ein Athlet sagt: «Ich bin so sicher, ich werde das Rennen gewinnen, ich habe keine Angst», dann denke ich: «Ach, komm schon.» Entweder bist du sehr dumm. Oder es ist schon längst klar, wer gewinnt. Doch dann verhält es sich wie im Wrestling, dann ist es kein Sport mehr.

Angst ist also gut.
Genau. Sie ist zu einem gewissen Grad auch gesund. Das ist ein Merkmal des Sports. Entwickle deine Tugenden. Mut ist eine der wichtigsten davon. Und ohne Angst entwickelt man keinen Mut.

Dann finden wir Antworten.
Ja, selbst wenn es nur ein Gefühl ist. Wir haben etwas erreicht, wir fühlen uns ­befriedigt, erlöst. Aber wie das Leben so spielt: Aus Antworten ergeben sich neue Fragen. Sobald ich einmal einen Marathon gelaufen bin, kommt die Frage: Kann ich es auch schneller?

Erstellt: 12.07.2017, 09:52 Uhr

Heather Reid


Die Amerikanerin war Profiradrennfahrerin und lehrt heute als Professorin für Philosophie in Sioux City im Bundesstaat Iowa.

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