Gedenket der Anfänge!

Der politische Exorzismus im Zürcher Theater Neumarkt hat Vorläufer – bei der NZZ.

Sitz der NZZ an der Zürcher Falkenstrasse. Foto: Sabina Bobst

Sitz der NZZ an der Zürcher Falkenstrasse. Foto: Sabina Bobst

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Das politische Aktionstheater von Philipp Ruch im Internet, auf der Strasse und (nur nebenbei) auf der Bühne des Theaters Neumarkt wird seit letzter Woche als Kunstskandal gehandelt, in einem Atemzug mit dem Sprayer Harald Nägeli, dem Hafenkran und Christoph Schlingensiefs Provokationsdramaturgie. Aber Ruchs Aufruf, einen missliebigen Politiker nicht nur verbal zu verfluchen, sondern vor dessen Haus zu ziehen und die üblen Geister an Ort und Stelle auszutreiben, stellt ihn in eine andere Tradition – in diejenige des Intellektuellen, der in seinen Polemiken nicht Worte, sondern Taten sprechen lässt. Und sei es nur, indem er in Kauf nimmt, dass andere an seiner Statt handeln.

Dafür gibt es viele Beispiele. Besonders instruktiv aber ist der Fall, in dem die NZZ und der prominente Kommunist und Kulturhistoriker Konrad Farner die Hauptrollen spielen. Die Geschichte handelt in einer der heissesten Phasen des Kalten Krieges. Im Herbst 1956 schlug die Sowjetunion in Ungarn einen antikommunistischen Aufstand nieder. Das empörte die Schweiz. Ungarnflüchtlinge wurden von Herzen willkommengeheissen, einheimische Kommunisten dagegen geschmäht. NZZ-Inlandredaktor Ernst Bieri schrieb von «unbequemen Fragen an der Wohnungstür und am Telefon», die der kommunistischen Führungsriege zu stellen seien. Allerdings waren die meisten mit gutem Grund untergetaucht. Aber immerhin einen Sündenbock konnte Bieri ausfindig machen. Vielleicht könne Dr. Konrad Farner Auskunft geben, schrieb Bieri. Und: «Er wohnt in Thalwil an der Mühlebachstrasse 11.»

Man verstand. Die Lokalpresse zündelte weiter, und drei Tage später versammelten sich vor Farners Haus mehrere Hundert Menschen. Sie schrien: «Hängt ihn, hängt ihn!» Die verängstigte Familie verrammelte die Türen, musste später fliehen und litt jahrzehntelang an den Folgen. Die Verantwortlichen aber wurden nie belangt. Ernst Bieri machte eine steile politische Karriere, wurde für die Freisinnigen Zürcher Stadtrat und Nationalrat.

Erst sehr viel später schrieb die NZZ, eine «Grenzlinie liberaler Journalistik» sei damals überschritten worden.

Erstellt: 21.03.2016, 23:09 Uhr

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