Geschäftsmodelle vor dem Aus

Musik, Reisen, Medien – keine anderen Branchen wurden in den letzten Jahren derart durchgeschüttelt von der Digitalisierung. Und es ist noch nicht vorbei.

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Sein Name ist Bennie Lydell Glover. Und er steht am Anfang einer Entwicklung, die die Wirtschaft, wie wir sie kennen, umkrempelt. Der Afroamerikaner hat das Geschäftsmodell einer ganzen Branche ruiniert: Er ist «Der Mann, der das Musikbusiness zerstörte», wie das US-Magazin «New Yorker» jüngst titelte. Dabei war Glover bis vor kurzem unbekannt, hatte nie eine wichtige Rolle in der Musikindustrie, keine Verbindungen in die Welt der Schönen und Reichen.

Trotzdem war Glover ab 2001 die führende Quelle piratierter Musik im Internet: Er stellte Platten bekannter Künstler ins Internet, Wochen bevor sie legal erhältlich waren. Im Mai 2002 veröffentlichte Glover «The Eminem Show» – 25 Tage vor dem offiziellen Termin. Der Rapper musste den Start vorverlegen. Im Dezember 2004 stellte er innert dreier Tage erst Eminems neuste CD «Encore» und dann U2s «How to Dismantle an Atomic Bomb» online. 2005 war er für die vorzeitige Veröffentlichung der beiden bestverkauften US-Alben verantwortlich: Mariah Careys «The Emancipation of Mimi» und 50 Cents «The Massacre».

Seine Coups machten das Internet als Quelle für Musik erst attraktiv – und lösten einen Boom aus. «Es gab damals kaum eine Person unter 30, die nicht mindestens einen Titel in seiner Sammlung zu ihm zurückverfolgen konnte», schreibt der «New Yorker».

Die prominente Rolle am Niedergang der Musikindustrie verdankt Glover zum einen seinem damaligen Job: Er arbeitete ab Anfang der 90er-Jahre in North Carolina am Fliessband einer CD-Fabrik. Zum anderen seiner Leidenschaft für Computer: 1996 – lange bevor in jedem Haushalt ein Computer steht – tauscht Glover das erste Mal MP3-Dateien übers Internet aus. Und kurz nach der Jahrtausendwende setzt er eine Art Video-on-Demand-Dienst auf – ein privates Netflix, 10 Jahre vor seiner Zeit.

Als Glover 2007 vom FBI verhaftet wird, ist es um die Musikindustrie bereits geschehen. Die Umsätze sind seit der Jahrtausendwende bereits um 7 auf knapp 20 Milliarden Dollar eingebrochen und schrumpfen bis 2014 um weitere 5 Milliarden. Die Digitalisierung hat aus dem physischen Produkt Tonträger ein körperloses Datenpaket gemacht, dass sich praktisch kostenlos vervielfältigen und weltweit verteilen lässt. Der Musikdienst iTunes hat die Bündelstrategie zerstört und verkauft die Musik statt im Album titelweise. Und mit Plattformen wie Spotify und neu Apple Music muss man die einzelnen Titel nicht einmal mehr besitzen, um sie zu hören.

1700 Reisebüros verschwunden

Mittels Streaming haben Millionen von Menschen Zugang zu einem schier unerschöpflichen Katalog aus Musik – viele von ihnen gratis. Was das genau für die Branche bedeutet, wer künftig womit wie viel Geld verdient, ist damit gerade wieder einmal infrage gestellt. Streaming kannibalisiert die Einnahmen aus den Downloads – nachdem diese 2012 erstmals seit 1999 wieder zu wachsenden Gesamtumsätzen geführt haben. Seither sinken sie wieder.

Die Geschichte von Bennie Lydell Glover und der Musikindustrie steht stellvertretend für eine Entwicklung, von der heute fast jede Branche betroffen ist. Die Digitalisierung und der technologische Fortschritt wälzen die Wirtschaft um. Womit man heute noch Geld verdient, interessiert morgen vielleicht niemanden mehr. Die Reise- und Tourismusindustrie etwa erlebt gerade ihren dritten Digitalisierungsschub. Erst erhielten die Kunden Zugang zu Buchungsplattformen, wie sie bislang Reisebüros vorbehalten waren, um Flüge und Hotels selbst zu organisieren. Dann kamen Bewertungsplattformen wie Tripadvisor hinzu, die die Beratung ersetzen, und nun bekommen auch die Hotels durch alternative Übernachtungsplattformen wie Airbnb Konkurrenz.

Das geht an der Branche nicht spurlos vorbei: Die Zahl der Reisebüros in der Schweiz ist seit der Jahrtausendwende von 3706 auf 2014 gesunken. Und die verbleibenden Geschäfte beschäftigen deutlich weniger Leute: In den letzten 13 Jahren sank die Zahl der Vollzeitangestellten pro Reisebüro von 5,6 auf 3,4 Jobs. Sie werden höchstens teilweise an anderer Stelle ersetzt, denn Booking, Tripadvisor und Airbnb beschäftigen nicht annähernd so viel Personal, wie sie durch ihre Dienste überflüssig gemacht haben. Und der Prozess ist noch nicht vorbei, wie der Fall Kuoni zeigt: Nach über 100 Jahren hat der Konzern das einstige Kerngeschäft – die Reisebüros – verkauft.

Qualität zählt

Wer in diesem Umfeld überleben will, muss seinen Job besonders gut machen. Nur jeder dritte Schweizer geht noch ins Reisebüro – und dann vorzugsweise immer an denselben Ort, zur gleichen Person. Was zählt, ist der persönliche Kontakt und die Qualität der Beratung.

Nicht viel besser ergeht es den klassischen Medien, die seit Jahren Leser verlieren. Zwar steigen parallel zum Rückgang bei den Printtiteln die Einschaltquoten bei den Onlineangeboten. Das ist aber nur auf den ersten Blick eine gute Nachricht. Bislang funktionierte das Geschäft mit Zeitungen, weil Journalisten attraktive Inhalte herstellten, die möglichst viele Leser anlockten. In der Hoffnung, dass diese Leser zwischen den Artikeln auch die Werbung wahrnehmen, waren Firmen bereit, Tausende von Franken pro Inserat auszugeben.

Mit diesen Einnahmen konnte man nicht nur die Löhne der Journalisten bezahlen, sondern verdiente auch gut. Je weniger Leser die Zeitungen nun aber haben, desto weniger zahlen die Inserenten. Kritisch ist die Situation bei den Rubrikeninseraten: Stellen- und Kontaktanzeigen, Wohnungs- und Immobilieninserate, Flohmarktangebote. Es gibt immer weniger Gründe, dafür einen Platz in der Zeitung zu buchen – egal ob in der gedruckten oder in der Online­version. Schliesslich gibt es für jedes Bedürfnis eine eigene Plattform: Homegate für Wohnungen, Parship für Partnersuche, Ebay für Krimskrams. Zwar können die Verlage den Rückgang im angestammten Geschäft kompensieren, indem sie auf solche Plattformen setzten – wie etwa die TA-Herausgeberin Tamedia mit Homegate. Den Zeitungen selbst fehlen die Einnahmen trotzdem.

Das Risiko für Branchenriesen

Und plötzlich stellt sich die Frage: Wie soll man guten Journalismus künftig finanzieren? Zwar gibt es auch im Internet Werbung, aber die kostet viel weniger als in der Zeitung. Ausserdem sind die Ansprüche der Inserenten gestiegen. Online zahlen sie oft nur, wenn sich die Leser die Werbung angeschaut haben. Oder sie zeigen ihr Inserat nicht mehr allen Lesern, sondern nur noch einer bestimmten Zielgruppe. Gleichzeitig verlagert sich der Zeitungs- und Nachrichtenkonsum zunehmend vom Computer aufs Handy – womit sich das Grundproblem nochmals verstärkt. Denn an Werbung auf dem Handy stören sich viele Leser. Kommt hinzu, dass bislang ein Grossteil der Nutzer angesichts der vielen Gratisangebote nicht bereit ist, für Journalismus im Internet zu bezahlen.

Demgegenüber stehen Angebote von Google, Facebook und Twitter, die mit Werbung zum Teil viel Geld verdienen – allerdings ohne selbst Inhalte herzustellen. Eine bisher in der Medienwelt unbekannte Kombination: Statt dem Leser im Tausch für seine Aufmerksamkeit (und eine Abogebühr) wertvolle Inhalte zu liefern, bieten Internetriesen wie Google und Facebook lediglich Plattformen an, auf denen sie bestehende oder fremd produzierte Inhalte – zum Teil von den Lesern selbst – präsentieren. Damit locken sie die Nutzer an, bringen möglichst viel über sie in Erfahrung und verkaufen dieses Wissen dann teuer an die Inserenten. Ob klassische Medien sich dieses Geschäftsmodell zunutze machen können, etwa indem sie ebenfalls Daten über ihre Leser auswerten, oder ob künftig mehr Leser bereit sind, für Journalismus zu bezahlen, auch wenn er Online stattfindet, ist noch offen.

Musik, Reisen, Medien – kaum irgendwo sind die Folgen der Digitalisierung stärker spürbar. Die Beispiele zeigen auch, dass selbst über 10 Jahre nachdem die Digitalisierung ihren Anfang nahm, noch nicht klar ist, wie die Geschäftsmodelle der Zukunft aussehen werden. Klar ist einzig, dass durch den Wandel von physischen Produkten zu digitalen Diensten, die sich fast kostenlos vervielfältigen und weltweit verteilen lassen, erst viel Wert zerstört wird. Für neue Anbieter mit ungewohnten Ansätzen sind die Chancen riesig, während die etablierten Unternehmen mit den Risiken kämpfen. Das wird derzeit immer mehr Branchenriesen in immer weiteren Wirtschaftsbereichen bewusst, die die neue Konkurrenz anfangs nur als Nischenphänomen gesehen haben.

Genau wie die Musikindustrie, die 1998, als Glover längst MP3-Dateien über das Internet austauschte, noch nicht einmal ahnte, dass Musik dereinst kein Produkt mehr sein könnte, sondern nur noch ein Dienst, für den man vielleicht nicht einmal mehr zu zahlen bereit sein wird. Als Universal im gleichen Jahr Polygram übernahm – das Musiklabel, in dessen CD-Fabrik Glover am Fliessband stand – war im Börsenprospekt unter dem Kapitel zukünftige Risiken kein Wort zu lesen über Computer, das Internet oder das neue Datenformat MP3. Die Gefahr, die von der digitalen Vernetzung der Welt ausgeht, wurde noch jahrelang ignoriert.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 12.07.2015, 17:39 Uhr

Detailhandel

Im Internet sind alle gleich

Ausgerechnet China. Der Nahrungsmittel- und Kosmetikgigant Unilever mit Marken wie Dove, Knorr oder Langnese meldete für die zweite Hälfte 2014 einen Umsatzeinbruch von «ungefähr 20 Prozent» im asiatischen Wachstumsmarkt. Und steht damit nicht alleine da. Das Problem: Hunderte von Millionen von Chinesen wenden sich dem Onlineshopping zu: Laut Umfragen kauft mittlerweile jeder zweite Konsument Nahrungsmittel online ein, bei Körperpflegeprodukten sind es 42 Prozent. Für traditionelle Detailhändler und Konsumgüterhersteller ist das nicht einfach nur ein anderer Absatzkanal, damit ändert sich die Struktur des Geschäfts. Denn im virtuellen Gestell haben plötzlich alle Marken gleich viel Platz. (aba)

Finanzwesen

Computer sind bessere Banker

Zahlungssysteme wie Apple Pay, Währungen wie Bitcoin, Infrastrukturen wie der Überweisungsdienst Ripple, Anlageberater in Form von Computerprogrammen: Wie Pilze schiessen die neuen Ideen entlang der Wertschöpfungskette des traditionellen Finanzgeschäfts aus dem Boden. Überall versuchen Start-ups, mit neuen Ansätzen die Bedürfnisse der Kunden besser zu befriedigen, als es Banken heute tun. «Banking ist notwendig, Banken sind es nicht» – dieses 14 Jahre alte Zitat von Microsoft-Gründer Bill Gates tönt heute fast prophetisch. Bislang brachte das Internet den Banken vor allem Effizienzgewinne – etwa, weil sie dank E-Banking bei den Schaltern sparen konnten. In den nächsten Jahren könnte sich das Blatt aber wenden. (aba)

Industrie

Roboter und 3-D-Drucker

Maschinen, Roboter, Computer – das ist in der Industrie eigentlich nichts Neues. Doch aus den Schweissrobotern, die sich in sicherer Distanz hinter Gittern zu dritt oder zu viert über die Karosserie eines Neuwagens beugen, werden in den nächsten Jahren intelligente Kollegen, die Seite an Seite mit Menschen arbeiten. Was das für uns bedeutet und welche Jobs es dann noch gibt, ist eine der grossen Fragen der Digitalisierung. Gleichzeitig stösst das Konzept der Massenfertigung ans Ende seines Lebenszyklus – zumindest in bestimmten Bereichen. Heute mag ein Bauteil aus dem 3-D-Drucker noch viel zu teuer sein, bald könnte die neue Produktionsmethode aber dafür sorgen, dass es neue Geschäftsmodelle braucht. (aba)

Gesundheit

Die Vermessung des Körpers

Das Gesundheitswesen hat ein Kostenproblem – je älter die Menschen werden. Zwar werden Medikamente immer besser, aber auch immer teurer. Kommt hinzu, dass alte Menschen irgendwann gepflegt oder mindestens unterstützt werden müssen – auch wenn sie eigentlich gesund sind. Weniger Geld, mehr zu tun: Das wird in den nächsten Jahren eine zentrale Herausforderung jedes entwickelten Staates sein. Die Digitalisierung bietet grosse Chancen. Wenn Sensoren unsere Körper überwachen, merken Computer vielleicht frühzeitig, dass wir krank werden – und wenden damit das Schlimmste ab. Was aber bedeutet das für das Verhältnis von Patient, Arzt und Krankenkasse? Wer wird dann noch welche Rolle spielen? (aba)

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