Gewalt beginnt mit Worten

Die Reporter ohne Grenzen sehen eine dramatische Verschlechterung der Lage für Journalisten in Europa. Ist es wirklich so schlimm?

Die Ermittlungen der maltesischen Behörden im Mordfall Daphne Galizia stehen in keinem besonders guten Licht. Bild: AFP

Die Ermittlungen der maltesischen Behörden im Mordfall Daphne Galizia stehen in keinem besonders guten Licht. Bild: AFP

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Ausländische Korrespondenten würden «wie Knechte die widerwärtigen Lügen der ultraliberalen Opposition ungefiltert an viele Millionen Menschen verbreiten». Deshalb müsse die Regierung etwas dagegen unternehmen. Diese unverhohlene Aufforderung zu Repression erschien in der ungarischen Tageszeitung «Magyar Idök» (Ungarische Zeiten). Namentlich genannt werden unter anderem die Korrespondentin der NZZ und ich, als Korrespondent von Tagesanzeiger.ch/Newsnet.

Wäre «Magyar Idök» nur ein kleiner Teil einer vielfältigen Medienlandschaft, wäre so ein Text eher lächerlich. Doch Ungarns Medien wurden von der Regierung weitgehend gleichgeschaltet, und die Hetze gegen ausländische Journalisten kommt damit gleichsam von staatlicher Seite.

Solche Angriffe sind ein Grund, warum die Organisation Reporter ohne Grenzen in ihrer gestern veröffentlichten Rangliste der Pressefreiheit vor allem Europa ins Visier nimmt: In keiner anderen Region der Welt habe sich die Lage für Journalisten so sehr verschlechtert.

«Journalisten werden für vogelfrei erklärt und bedroht.»

Diese Einschätzung ist nicht unproblematisch. Denn auch die Länder mit der grössten Pressefreiheit liegen in Europa: Norwegen auf Platz 1 von 180, die Schweiz auf Platz 5 (zwei Plätze besser als 2017). Auf der anderen Seite bleibt die Lage wirklich dramatisch in Staaten wie Nordkorea (Platz 180 von 180), China (176), der Türkei (157), Russland (148) oder Mexiko (147). Dort verschwinden Journalisten in Gefängnissen, sterben bei Anschlägen oder mysteriösen Unfällen.

Was also beunruhigt die Reporter ohne Grenzen so in Europa? Schon das Schüren von Hass gegen Medienschaffende bedeute eine der schlimmsten Bedrohungen für Demokratien, antwortet ihr internationaler Generalsekretär Christophe Deloire.

«Man müsste sie liquidieren»

Gewalt beginnt mit Worten: Bei einem Treffen mit Wladimir Putin erklärte der tschechische Präsident Milos Zeman: «Es gibt zu viele Journalisten. Man müsste sie liquidieren.» Wenn Journalisten erst einmal für vogelfrei erklärt wurden, ist es nur mehr ein kleiner Schritt zum Angriff auf Leib und Leben. Die maltesische Journalistin Daphne Caruana Galizia und der slowakische Journalist Jan Kuciak wurden in Ländern ermordet, in denen die Regierungschefs ihre Verachtung für eine unabhängige, kritische Presse zuvor sehr deutlich machten. Der mittlerweile zurückgetretene ­slowakische Regierungschef Robert Fico beschimpfte Journalisten als «schmutzige, anti­slowakische Prostituierte».

In anderen Ländern der EU tun Regierungen nichts, um Medien vor der organisierten Kriminalität zu schützen. Der kroatische Reporter Zeljko Peratovic erhielt für seine Recherchen über kroatische Kriegsverbrechen von Reporter ohne Grenzen den Press Freedom Award. Dann wurde er in seiner Heimat so massiv bedroht, dass er nach Zürich ins Exil ging. Eine Rückkehr in die Heimat kann er sich nicht vorstellen. Kroatien liegt in der Rangliste der Pressefreiheit auf Platz 69 und gilt, ebenso wie der Nachbar Ungarn (73), als «Land mit erkennbaren Problemen».

Auch Zürcher Fussballfans greifen an

Nicht immer kommen die Angriffe aus der Politik. Nachdem Tagesanzeiger.ch/Newsnet berichtet hatte, wie FCZ-Schläger GC-Fans aus der Stadt vertreiben, wurde im Haus, in dem die Reporterin wohnt, eine Glasscheibe eingeworfen. Es war bereits der zweite Vorfall: Nach einem früheren Artikel zum selben Thema wurden Drohungen gegen die Autorin an die Hauswand gesprayt. Auch das sind Versuche, unbequeme Berichterstattung durch Einschüchterung zu verhindern. Auch darauf braucht es eine klare Antwort.

Im Kampf gegen die Verachtung von Pluralismus und Dialog werde ein mutiger Journalismus immer wichtiger, schrieb der polnische Publizist Adam Michnik diese Woche auf Tagesanzeiger.ch/Newsnet. Mut allein ist jedoch zu wenig. Mutige Journalisten brauchen Rückhalt in den Redaktionen. Sie brauchen Verleger, die ihnen nicht in den Rücken fallen. Und sie brauchen eine Existenzgrundlage. Medienfreiheit heisst, dass Regierungen oder Interessengruppen keinen Druck und keine Gewalt ausüben. Aber nicht nur. Frei können Journalisten nur arbeiten, wenn sie nicht täglich um ihren Job zittern müssen.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 25.04.2018, 19:28 Uhr

Artikel zum Thema

Damit die Pressefreiheit respektiert wird

Tamedia-Journalisten verlangen vom Waadtländer Staatsrat Auskunft, welche Daten er über sie sammelt. Mehr...

Recherchen der ermordeten Journalistin führten in die Schweiz

Daphne Caruana Galizia schrieb über eine Bank mit Wurzeln in Genf und Zürich. Gegen diese laufen nun Ermittlungen. Der Bankchef sitzt in Haft. Mehr...

Türkei verschärft Kontrolle über Online-Medien

Die türkische Regierung stärkt mit einem neuen Gesetz die Kontrolle über die Medien. Ein regierungsnaher Unternehmer will die grösste Mediengruppe im Land kaufen. Mehr...

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Kommentare

Die Welt in Bildern

Abkühlung: Der kleine Gorilla Virunga wird von seiner Mutter Nalani durch den Biopark Valencia in Spanien getragen. Virunga ist der zweite Gorilla, der im Rahmen des europäischen Artenschutzprogrammes geboren wurde. (17.August 2018)
(Bild: Manuel Bruque/EPA) Mehr...