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Heiliges Heulen

Die ultraorthodoxe Politikerin Natalja Poklonskaja lässt Zaren weinen.

Mit Leidenschaft für die heilige Sache Russlands: Natalja Poklonskaja. (Bild: Sergei Savostyanov/Getty Images)
Mit Leidenschaft für die heilige Sache Russlands: Natalja Poklonskaja. (Bild: Sergei Savostyanov/Getty Images)

Dass die Krim für die Russen heilige Erde sei, machte Wladimir Putin klar, nachdem er die ukrainische Halbinsel 2014 annektiert hatte. Der Ort habe «sakrale Bedeutung», vergleichbar mit dem Tempelberg in Jerusalem, sagte er. Nun wurde ein erstes Wunder von der heiligen Erde gemeldet.

Die Parlamentsabgeordnete Natalja Poklonskaja berichtete letzte Woche, in der Gebietshauptstadt Simferopol habe eine Statue von Zar Nikolaus II. zu weinen begonnen. «Das ist ein Wunder, das nicht einmal Wissenschaftler erklären können», sagte sie. «Die Leute bringen ihre Kinder zu der Büste, damit sie geheilt werden.» Sie will das Phänomen genau 100 Jahre nach dem Sturz des letzten Zaren als Zeichen verstanden wissen: «Unsere Herrscher stehen uns bei. Sie sind dafür gestorben, dass wir Russland wieder zu einem grossen und blühenden Land machen. Das ist unsere Pflicht.»

Poklonskaja (36) hatte nach der Annexion der Krim eine gewisse Berühmtheit erlangt, als sie zur Generalstaatsanwältin der Halbinsel ernannt wurde. Ihre Kulleraugen und ihr kindliches Gesicht beflügelten die Fantasie japanischer Manga-Zeichner. Kreml-Claqueure befeuerten den Kult, lenkte die niedlich wirkende Anklägerin doch davon ab, mit welcher Härte die russische Justiz gegen Kritiker vorgeht.

Seit Poklonskaja bei den Parlamentswahlen im September für die Kreml-Partei Einiges Russland in die Staatsduma eingezogen ist, vertritt sie immer wieder mit eigenwilligen Wortmeldungen Positionen konservativ-reaktionärer Orthodoxer. Zuletzt warf sie dem Film «Matilda» «Extremismus» vor – ohne ihn überhaupt gesehen zu haben. Mit dem Deutschen Lars Eidinger in der Hauptrolle erzählt der Film die Geschichte der Jugendliebe zwischen Nikolaus II. und der Tänzerin Matilda Kschessinskaja.

Die orthodoxe Kirche hatte den letzten Zaren und seine Angehörigen im Jahr 2000 heiliggesprochen. Poklonskaja betrachtet es als ihre besondere Aufgabe, das Gedenken an die Romanows zu pflegen – und sie fühlt sich nach wie vor der Krim verbunden. «Die Halbinsel ist meine zweite Heimat», sagte sie letztes Jahr, bevor sie den Posten der Staatsanwältin aufgab und nach Moskau ging. «Ich werde ständig anreisen, um das zu erfüllen, was ich den Krim-Bewohnern versprochen habe.»

So hatte sie letzten Oktober eine Kapelle für die heiligen Zaren-Märtyrer eröffnet. Dass dort nun die Büste von Nikolaus II. weint, berichtete selbst die Kreml-treue, aber grundsätzlich seriöse Regierungszeitung «Rossijskaja Gaseta».

Das heilige Heulen hatte allerdings nach wenigen Tagen ein Ende. Eine Kommission der orthodoxen Kirche musste diese Woche alle Wundergläubigen enttäuschen: Die Tränen waren nicht echt. Poklonskajas Leidenschaft für die heilige Sache Russlands und der Zaren wird das kaum dämpfen.

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