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Heimat in Flammen

Der Fotokünstler Danila Tkachenko brennt russische Dörfer nieder.

Will auf die Entvölkerung der russischen Provinz aufmerksam machen: Danila Tkachenko.(Foto: Grigory Mumriko)
Will auf die Entvölkerung der russischen Provinz aufmerksam machen: Danila Tkachenko.(Foto: Grigory Mumriko)

Seine Bilder sind unheimlich. Holzhäuser im Dunkel der Dämmerung, Feuer verzehrt sie, nichts ist mehr zu retten, die Balken glühen und brechen ein. Man denkt an Krieg, an Soldaten, die gewütet haben und weitergezogen sind. An Lynchmobs. Menschen sind keine zu sehen.

Und genau darum geht es. Der Moskauer Künstler Danila Tkachenko will mit seinem Projekt «Rodina» (Vaterland) auf die Entvölkerung der russischen Provinz aufmerksam machen. Diese ist unumstritten. Was mit den Kollektivierungen der frühen Sowjetzeit begann, geht bis heute weiter: Die Landschaft leert sich, die Städte wachsen. Tausende Dörfer sind allein in den letzten 20 Jahren aufgegeben worden, ihre Bewohner flohen vor Armut, Arbeitslosigkeit und zerbröselnder Infrastruktur.

Tkachenko (28) suchte solche verlassenen Weiler auf. Er habe, sagte er dem Onlinemagazin Colta.ru, viel Zeit allein in den leeren Häusern verbracht, alles darin Zurückgelassene genau untersucht. Dann habe er Feuer gelegt. «Sehr russisch, das. Nimm es und verbrenn es.»

Nun hat der zündelnde Fotograf den Heimatschutz am Hals. «Dieser Mann zerstört unser Kulturerbe unter dem Deckmantel der Kunst», schimpft Anor Tukajewa, die Chefin des Konservationsprojekts Krochino, das in der Region Wologda eine Kirche aus dem 18. Jahrhundert gerettet hat. Tkachenko setze «ein gefährliches Exempel». Wer entscheidet, was reif für die Flammen ist? Und ist das nicht alles Eigentum?

Tkachenko wehrt sich. Die Häuser seien alle kaputt gewesen, halb eingestürzt. Er habe mit seiner Kunst niemandem geschadet. Tatsächlich hat er Ärger erwartet und vielleicht herbeigesehnt. «Kunst sollte bewegen, nicht einlullen», sagt er. Als Kunst-Hooligan gefällt er sich.

Tkachenko, 28 Jahre alt und in der Millionenstadt Moskau daheim, ist ein bekannter Künstler. 2014 hat er den World-Press-Fotowettbewerb gewonnen – mit einer Arbeit über Aussteiger, die fern der Zivilisation leben («Escape»). Preisgekrönt wurde auch sein Projekt «Restricted Areas», für das er in frühere Sperrgebiete der ehemaligen Sowjetunion fuhr und wie ein Archäologe die Überreste der verschwundenen Zivilisation ablichtete: verlassene Wohnblocks, ein riesiges Diesel-U-Boot im Schnee. Ein Stück weit stellt Tkachenko Ruinenpornografie her, wie man sie aus Detroit oder Havanna kennt.

Mit seinen Feuerbildern aus der entvölkerten Heimat, derzeit auch in der Berliner Galerie Kehrer zu sehen, entfernt Tkachenko sich vom Dokumentarischen. Er beginnt zu inszenieren – und trifft einen Nerv damit. Russland ist gross, Russland ist leer. Wehe, wenn es Feuer fängt.

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