«Hunde haben mich gerettet»

Der Mexikaner César Millán kam als illegaler Einwanderer in die USA. Dort arbeitete er sich zum berühmtesten Hundetrainer der Welt hoch. Seine Methoden sind allerdings umstritten.

Befürchtet, in seiner Heimat Sinaloa entführt zu werden: César Millán. Foto: Urs Jaudas

Befürchtet, in seiner Heimat Sinaloa entführt zu werden: César Millán. Foto: Urs Jaudas

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Haben Hunde eine Seele?
Ich habe mein ganzes Leben mit Hunden verbracht und Dinge gesehen, die man nur als Wunder bezeichnen kann. Für mich besteht die Seele aus Werten, die uns veranlassen können, für ein übergeordnetes Ziel etwas zu tun, obwohl wir es instinktiv gar nicht wollen. Das habe ich bei Hunden häufig beobachtet, und deshalb glaube ich, dass sie eine Seele haben.

Das heisst, wir können auch im Jenseits Hunde halten?
Ich würde gerne all die Hunde wieder treffen, die ich gekannt habe. Viele waren sehr speziell und haben mir geholfen, während meiner Kindheit und Jugend, oder als ich mit 21 Jahren illegal von Mexiko in die USA auswanderte. Damals hütete ich einen Pitbull namens Dary, der zwar erst drei Monate alt war, aber etwas Unerklärliches ausstrahlte. Wie bei Kindern, von denen man sagt, sie hätten eine «alte Seele» – eine Weisheit, die mit ihrem biologischen Alter eigentlich unvereinbar ist.

Und Katzen?
Wir Mexikaner sind nicht so begeistert von Katzen, im Unterschied zu Asiaten oder zu Schweizern. Viele von uns sind auf dem Land aufgewachsen, und da spielen Katzen keine Rolle. Das ist wie mit den Autos: Wenn ein Mexikaner die Wahl hat zwischen einem Ferrari und einem Pick-up, wählt er den Pick-up. Zumindest im Norden des Landes.

In den USA behandelt man Hunde, als ob sie Personen wären. In Europa reisst das nun ebenfalls ein.
Ja, in den Vereinigten Staaten gibt es Taufen für Hunde, Hochzeiten, Friedhöfe, Schönheitssalons, Restaurants. Hunde gehen zu Anlässen mit dem Weihnachtsmann, da gibt es eine Warteschlange für Kinder und eine für Hunde. Jene für die Hunde ist meistens länger. Es gibt Leute, die vererben ihr Vermögen nicht ihren Kindern, sondern ihrem Hund. Eine Person verwaltet dann das Geld, bis der Hund ebenfalls stirbt, und danach kommt es einer Organisation zugute, die sich für Hunde einsetzt.

Das ist doch völlig lächerlich, finden Sie nicht?
Nein. Der Mensch sucht das Unverdorbene, die absolute Freundschaft und Loyalität. Hunde sind vollkommen treu, deshalb ist der Mensch dem Hund unglaublich dankbar. Wenn jemand seine Liebe nicht auf andere Menschen projizieren kann, dann schenkt er sie einem Hund. Manche Frauen, die keine Kinder wollen oder keine bekommen können, führen in den USA ihren Hund im Kinderwagen spazieren, als ob er ein Baby wäre. Solche Menschen haben das Recht, ihre emotionalen Bedürfnisse zu befriedigen, aber sie sollten trotzdem nicht vergessen: Ein Hund ist ein Hund und kein Mensch.

Wenn Sie auf die sprichwörtliche einsame Insel gehen müssten, würden Sie einen Hund oder einen Menschen mitnehmen?
Einen Hund.

Echt jetzt?
Ja, denn es wäre einfacher, mit einem Hund zu überleben. Wenn ich zum Beispiel Sie mitnähme, würden Sie tun, was Ihnen passt. Ein Hund hingegen macht instinktiv, was zum Überleben notwendig ist.

Ich habe weniger an mich gedacht als zum Beispiel daran, dass Sie Ihre Frau mitnehmen könnten.
Natürlich würde ich auf einer einsamen Insel meine Frau vermissen. Aber in einer solchen Extrem­situation können Diskussionen gefährlich sein, und die gibt es mit einem Hund nicht.

Gewisse Hunderassen wie der Pitbull oder der Bullterrier gelten als gefährlich, selbst für ihren Besitzer oder dessen Kinder. Sollte man sie verbieten?
Nein, das ist nicht die Lösung. Ein Hund ist vor allem dann aggressiv, wenn er zu wenig beschäftigt wird und sich zu wenig bewegen kann. Aggressionen entstehen durch angestaute Energie, durch Langeweile. Bestimmte Rassen haben aufgrund der Zuchtauswahl die Eigenschaft, nicht nur zu beissen, sondern sich zu verbeissen. Das heisst, sie lassen nach dem Beissen nicht mehr los. Aber keine Hunderasse ist an sich gefährlich. Es kommt darauf an, wie man mit dem einzelnen Hund umgeht.

Haben Sie in Ihrer Karriere als Hundeflüsterer noch nie einen Hund erlebt, vor dessen Aggressivität Sie kapitulieren mussten?
Nein, bisher nicht.

«Meine Frau hatte Katzen lieber. Das war nicht sehr hilfreich.»

Wie oft wurden Sie bei Ihrer Arbeit schon gebissen?
Das ist wie bei einem Automechaniker: Die Finger werden schmutzig. Aber bei mir ist alles noch dran. Hunde haben mich zwar gebissen, aber sie haben niemals bleibende Zerstörungen angerichtet.

Andere Hundetrainer, Tierärzte und Tierschützer werfen Ihnen vor, dass Sie beim Training Gewalt anwenden und die Tiere fügsam machen, indem Sie sie einschüchtern.
Diese Kritik beruht auf Missverständnissen. Keiner meiner Gegner hat sich jemals mit mir an einen Tisch gesetzt, um über solche Vorbehalte zu diskutieren. Keiner ist jemals an eine meiner Demons­trationen gekommen, bei denen ich Hundehaltern zeige, wie sie mit ihrem Liebling umgehen sollen. Die Kritik bezieht sich immer nur auf einige Sekunden des Trainings. Was ich sonst noch mit Hunden mache, interessiert diese Leute nicht.

Was machen Sie denn?
Ich gebe ihnen zu essen, ich führe sie im Rudel ­spazieren und fahre dabei Rollerblades, ich gehe mit ihnen schwimmen.

Es gibt auf Youtube ein Video, in dem Sie einem Hund Angst einjagen und ihn mit Fusstritten traktieren.
Das sind keine Fusstritte. Ein Reiter versetzt seinem Pferd auch keine Tritte, sondern benutzt seinen Fuss, um mit dem Tier zu kommunizieren. Bei einem Pferd wird das akzeptiert, bei einem Hund sagen einige Leute sofort, jede Berührung sei ein Schlag und der Einsatz des Fusses ein Tritt. Wenn man jemandem, der in Panik geraten ist, die Wange tätschelt, um ihn zurückzuholen, würde man auch nicht von Ohrfeigen sprechen.

Stimmt es, dass Sie ein Hundehalsband fabrizieren und vertreiben, das in einigen Ländern verboten ist, weil es dem Hund die Kehle abschnürt und ihn zu erwürgen droht?
Nein, das ist einer der Mythen, die über mich zirkulieren. Meine Kritiker haben niemals ganze Rudel spazieren geführt, wie ich es tue. Ich bin kein Tierarzt und habe kein Diplom, aber ich arbeite professionell.

Die ganze Show, die Sie auf Ihren Tourneen abziehen, erinnert ein bisschen an amerikanische Parteitage. Alles wirkt exaltiert, zumindest auf einen Europäer.
Das Konzept funktioniert aber auch in Europa, genau wie überall auf der Welt. Natürlich kommen vor allem meine Fans an die Shows, und sie wollen nicht bloss etwas lernen wie in der Schule, sondern auch durch Musik, Videoeinspielungen und sonstige Einlagen unterhalten werden.

Sie gelangten als illegaler mexikanischer Einwanderer in die USA. Ihr Aufstieg zum bekanntesten Hundetrainer des Landes begann, als Ihnen in Los Angeles ein Hollywoodstar seinen Hund anvertraute. Das klingt, als wäre es ein Film, aber stimmt es?
Zweifeln Sie daran? Es ist darüber tatsächlich ein Film geplant. Und natürlich stimmt es.

Was geschah konkret?
Ich trainierte Cangie, einen Rottweiler. Sein Besitzer war mit Jada Pinkett befreundet, der Schauspielerin und Sängerin, die mit Will Smith verheiratet ist. Bei einer Demonstration war sie anwesend, und was sie sah, gefiel ihr sehr. Sie sagte zu mir: «Falls ich jemals einen Hund haben sollte, will ich, dass du mit ihm arbeitest.» Und so geschah es auch.

Aha. Und weiter?
Später erhielt Will Smith vom Komiker und Moderator Jay Leno zwei Rottweiler geschenkt. Jada rief mich an. Ich sollte die Hunde trainieren. So lernte ich Will Smith kennen, der damals gerade im Film «Independence Day» gespielt hatte. Nach und nach arbeitete ich für alle möglichen Hollywoodstars, die grosse und gefährliche Hunde besassen, und von diesem Punkt aus war es nicht mehr allzu weit bis zu meiner eigenen Hunde-TV-Show. Hunde und Hollywood haben mich aus der Armut befreit. Hunde haben mich gerettet.

Was sagen Sie als Mexikaner dazu, dass der amtierende US-Präsident Ihr Volk als Bande von Vergewaltigern bezeichnet hat?
Das sind Stereotypen, mit denen früher auch die Italiener konfrontiert waren. Oder die Japaner. Jetzt trifft es die Latinos. Das ist wie bei bestimmten Hunderassen, die auch mit Vorurteilen zu kämpfen haben.

Sie sind im mexikanischen Bundesstaat Sinaloa geboren und aufgewachsen. Sinaloa ist eine Hochburg der Drogenmafia. Wie haben Sie diese Realität erlebt?
Ich bin in einer gewaltsamen Realität aufgewachsen, und das Schlimme ist, dass man sich daran gewöhnt. Man schweigt, man weiss, wo man hingehen kann und welche Orte man meiden muss. Wem man in die Augen schauen darf und wem nicht. Jeder in Sinaloa weiss, wer zur Drogenmafia gehört, denn diese Leute kleiden sich auf eine bestimmte Weise und sind bewaffnet.

Gehen Sie ab und zu noch nach Sinaloa?
Ja. Ich habe Familienangehörige dort. Weil ich bekannt bin und ein gewisses Vermögen besitze, muss ich mich natürlich vorsehen. Die Gefahr, entführt zu werden, ist real. Ich gehe jeweils vom Flughafen direkt ins Hotel und vermeide es möglichst, mich in der Öffentlichkeit zu bewegen.

Sie haben Angst, in Ihr eigenes Land zurückzukehren.
Sagen wir es so: Ich bin nicht ängstlich, aber vorsichtig.

Ist Ihr Leben seit Ihrer Flucht in die USA eine einzige Erfolgsgeschichte?
Nein. Ich lebe in jeder Hinsicht auf hohem Niveau, aber wenn es nach unten geht, dann geht es tief runter. Ich befand mich auf einer Tournee in England, als mich meine Frau anrief und die Scheidung verlangte. Ohne Vorwarnung, ohne Diskussion. Das war ein unglaublich harter Schlag.

Hatte das eventuell damit zu tun, dass Sie eigentlich Hunde bevorzugen?
Es hatte damit zu tun, dass ich als armer Einwanderer ohne Papiere in den USA lebte und von morgens um fünf bis spät abends arbeiten musste, um zu überleben. Ich ging mit 65 Hunden spazieren, ich fütterte 65 Hunde, ich wischte den Kot von 65 Hunden auf. Und nachdem ich berühmt und reich geworden war, hatte ich noch mehr Verpflichtungen. Meine Frau hielt es nicht mehr aus, dass ich nie zu Hause war. Und sie hatte Katzen lieber als Hunde, das machte es auch nicht leichter.

Wie haben Sie auf diesen Schlag reagiert?
Ich fiel in eine Depression und nahm irgendwann so viele Schlaftabletten, dass es gereicht hätte, um fünf Personen umzubringen. Aber wenn es das Schicksal nicht will, dann stirbst du nicht, egal, was du tust. Dank meiner Arbeit und meinen Hunden habe ich es geschafft, diese Krise zu überwinden.

Was wollen Sie in Ihrem Leben noch erreichen?
Ich möchte all die Missverständnisse aufklären, die einige Leute dazu verführen, mich zu kritisieren. Und ich möchte psychologische Hundezentren eröffnen, in denen nicht Hunde therapiert werden, sondern in denen die Menschen lernen, anständig mit Hunden umzugehen.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 06.01.2018, 08:37 Uhr

César Millán
Der Hundeflüsterer

Der 48-jährige Hundetrainer lebt bei Los Angeles. Seine beiden TV-Sendungen «Der Hundeflüsterer» und «Der Rudelführer» stiessen auch in Europa auf grosses Interesse. Am 28. April 2018 tritt Millán mit seiner Show «Once upon a Dog» im Hallenstadion in Zürich auf. (ben)

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