«Ich schaue die Tour de France nicht mehr»

Matthias Kamber zählt als Direktor von Anti-Doping Schweiz zu den Insidern der Branche. Er misstraut den internationalen Sportverbänden im Dopingkampf.

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Sind Sie ein guter Dopingbekämpfer?

Ich arbeite seit 27 Jahren in diesem Bereich, glaube sagen zu können, dass wir in der Schweiz einen zeitgemässen Kampf gegen Betrüger führen. Auf internationaler Ebene lautet meine Beurteilung anders: Man hat nicht erreicht, was möglich gewesen wäre.

Sind viele Ihrer Kollegen folglich schlechte Anti-Doping-Spezialisten?

Die Gründung der Welt-Anti-Doping-Agentur (Wada) von 1999 bedeutete für unsere Branche einen grossen Schritt. Danach passierte wenig. Weiterhin setzt sich die Wada aus Regierungen und internationalen Sportverbänden zusammen. Es sind notabene dieselben Verbände, welche Doping nicht mit aller Konsequenz bekämpfen. Spätestens mit der Revision der Regeln von 2015 hätte man diese Struktur aufbrechen müssen.

Damit die nationalen Anti-Doping-Behörden in der Wada einsitzen?

Alle grossen Überführungen der letzten Jahre sind nationalen Agenturen zuzuschreiben. Denken Sie nur an den Fall Lance Armstrong. Er wurde von der US-Agentur erwischt. Trotzdem haben wir in der Wada weiterhin nichts zu sagen. Das ist frustrierend. Dabei wären Fortschritte leicht zu erreichen.

Sind die Agenturen integriert, wird plötzlich alles gut?

Natürlich nicht. Darum müsste man viel weiter gehen, etwa unseren Verband der nationalen Agenturen mit Staatsgeld alimentieren und beauftragen, ein Qualitätslabel für nationale Agenturen zu schaffen. Dieses Label führte zu mehr Transparenz und würde zeigen, wer wie gut arbeitet. Die Etablierten müssten den Schwächeren dann bei Verbesserungen helfen. Zudem müssten Agenturen die Sportler unabhängig von den internationalen Verbänden testen können.

Zweifeln Sie diese an?

Zumindest glaube ich nicht, dass sie für substanzielle Fortschritte im Dopingkampf verantwortlich sein werden.

«Man müsste die Zahl an Laboren verringern und so Kräfte, Wissen und Geld bündeln, Zentren der Expertise schaffen.»

Sie klingen ernüchtert.

Nehmen Sie das neue Regelwerk der Wada. Es bläht die ohnehin schon grosse Bürokratie weiter auf und behindert einen effektiven Dopingkampf teilweise.

Ein Beispiel bitte.

Die Wada will uns vorgeben, was für Kontrollen wir durchzuführen haben. Wir müssten einen bestimmten Prozentsatz der Tests auch auf EPO überprüfen. Wir tun dies nicht, weil wir einen anderen Ansatz priorisieren, Blutpässe unserer Athleten angelegt haben und sie nur noch auf EPO testen, wenn wir verdächtige Schwankungen erkennen. Handkehrum können wir gemäss Wada-Regeln gerade dort nicht testen, wo wir mitunter möchten. Das kann sogar im eigenen Land sein.

Sprechen Sie die Verhältnisse beim Radweltverband UCI an?

Ja. Wir dürfen an der Tour de Romandie oder der Tour de Suisse nicht kontrollieren, sondern nur die UCI. Wieso sollen wir, die unseren Job gut erledigen, ausgerechnet bei solchen Events nicht fähig sein, unsere Arbeit befriedigend abzuwickeln?

Weil Sie in einen sensitiven Bereich der Sportarten hineinsähen.

Das bedeutet doch mit anderen Worten: Die internationalen Verbände wollen gar keine Transparenz herstellen, sondern autonom handeln – und haben auch die Macht dazu. Wenn ein Verband aus therapeutischen Gründen eine Ausnahmebewilligung für einen Athleten ausstellt, müssen wir diese akzeptieren. Wenn wir Agenturen eine solche Bewilligung erteilen, können dieselben Verbände sie ignorieren. An so kleinen Dingen sehen Sie das Ungleichgewicht zwischen uns.

Sie haben 2011 in einer Publikation auch auf dieses Problem hingewiesen. Was ist passiert?

Nichts. Sie wurde in einer Schublade verstaut. Dabei müssten wir im Dopingkampf in viel grösseren Bögen denken. Nehmen Sie die 35 akkreditierten Wada-Labors auf der Welt: Viele sind zu klein und finanziell zu schwach, als dass sie auf allen Ebenen professionell arbeiten könnten. Man würde diese Zahl besser verringern und so Kräfte, Wissen und Geld bündeln und Zentren der Expertise schaffen. Heute kann nicht einmal jedes Labor die gleiche Leistung garantieren. Lasse ich meine Proben in Labor A untersuchen, findet es unter Umständen mehr oder weniger heraus als Labor B.

Der Schatten läuft mit: Nach und nach kommen die Dopingpraktiken der letzten Jahre in der Spitzenleichtathletik ans Licht.
Foto: Bernd Thissen (Keystone)

Ist das Gefälle gross?

Ja. Ich halte gewisse nationale Labors gar für gefährlich. Nehmen wir Weissrussland, das zurzeit eine solches Labor aufbaut. Dieses funktioniert alles andere als unabhängig. Wer garantiert mir, dass es nicht die Proben der eigenen Athleten vor deren Ausreise an Wettkämpfe screent?

Ihre weissrussischen Kollegen arbeiten für die Gegenseite?

Ich schliesse es zumindest nicht aus, was schon schlecht ist. Was ich damit ausdrücken will: Es braucht grosse, supranationale Labore, die unabhängig wirken können, mit modernster Technik und den besten Fachkräften. Wir haben in einem Forschungsprojekt mit dem Labor in Köln bereits ab 2006 Verfahren entwickelt, mit denen man verschiedene Anabolika länger nachweisen kann. Diese wurden in vielen anderen Laboren nur unvollständig übernommen.

Warum?

Weil viele kleine Labore nicht über das Geld dafür verfügen. Nur: Vorgestern machte der Leichtathletik-Weltverband öffentlich, dass er bei Nachkontrollen von WM-Proben aus den Jahren 2005 und 2007 gleich 28 verdächtige Athleten eruierte. Sollte es sich dabei auch um Anabolika-Betrüger handeln, stelle ich fest: Man hätte diese Informationen früher erhalten können. Natürlich begrüsse ich die Nachkontrollen. Sauberen Athleten, die um ihren Erfolg gebracht wurden, helfen sie nach so vielen vergangenen Jahren allerdings kaum mehr. Wir müssen wissenschaftliche Erkenntnisse viel schneller in die Praxis überführen.

Es spiegelt das Dilemma des aktuellen Dopingkampfs.

Genau. Zudem spielen nationale Interessen hinein. Man kann einem Land ja nicht verbieten, ein eigenes Labor aufzubauen. Dabei führt nur ein Mehraugenprinzip zum Erfolg, also, dass nicht nur ein kleiner Kreis involviert ist.

Sehen Sie diesbezüglich Bewegung?

Das ist Wunschdenken von mir, wie so vieles. Nehmen wir unser Meldesystem. Schweizer Athleten müssen täglich genau angeben, wo sie sich aufhalten, damit wir sie für unangekündigte Kontrollen finden. Sind sie aber im Testpool ihres internationalen Verbands, reichen teilweise minimale Angaben – mit denen man die Sportler kaum findet. Dies scheint Verbänden und Wada egal zu sein. Zugespitzt kann man sagen, dass wir Schweizer Dopingbekämpfer unsere Athleten benachteiligen, weil wir seriös vorgehen. Das ist absurd.

Werden Sie zum Feindbild?

Nicht zum Feindbild, aber wir werden schief angesehen, primär von Coaches und Funktionären. Die Athleten begrüssen unsere Arbeit, würden teilweise gerne noch mehr kontrolliert werden.

Sind Dopingbekämpfer also maximal geduldet?

Es ist besser geworden. Vor zwei Jahrzehnten kam ein Verbandsfunktionär zu mir und sagte: «Diese Proben werden nicht analysiert.» Ein solches Vorgehen wäre heute unmöglich. Vollständig integriert sind wir im Sportbewusstsein aber nicht, zumindest nicht in jedem Schweizer Verband. Ich sage meinen Angestellten immer: «Uns wird nie gratuliert werden, wir erhalten keine Medaille und kein Kompliment eines Bundesrats.»

«Ich glaube nicht an den grossen Wurf. Wir werden auch in zehn Jahren noch die gleichen Diskussionen führen.»

Haben Sie ein Imageproblem?

Wir gelten zu wenig als Garant für sauberen Sport. Dabei können wir helfen. Warum fördern Sponsoren nicht jugendliche Athleten und lassen sie von uns begleiten? So könnte man einen glaubwürdigen, transparenten Sport aufbauen.

Sie haben ein solches Projekt mit Schweizer Schwimmern durchgeführt.

Nach den Spielen von 2012 endete es. Seither haben wir kein Unternehmen mehr gefunden, das eine solche Idee finanzieren will. Doch wir könnten Vorbildcharakter haben. Die Schweiz ist reich, transparent, ihre Verbandsstrukturen sind gut, das Coaching ist es auch. Wenn wir zeigten, dass saubere Athleten sehr wohl Weltklasse werden können, hätten wir eine echte Chance, das Image des Spitzensports zu verbessern. Trotzdem fehlt der Wille für Veränderungen.

Verfolgen Sie Spitzensport noch am Fernsehen?

Das hängt von der Sportart ab. Bei Simone Niggli-Luder oder Nicola Spirig freute beziehungsweise freue ich mich über Siege. Die Tour de France schaue ich hingegen nicht mehr.

Warum?

Weil ich nicht glaube, dass die Spitze, ohne zu betrügen, eine solche dreiwöchige Tortur bewältigen kann.

Diese Aussage ist gewagt.

Ich weiss. Der Radsport hat viele Fortschritte gemacht, aber ausreichend transparent geht er für mich im Dopingkampf noch nicht vor, sonst hätte ich keine Zweifel.

Nach Ihren Äusserungen fragt man sich: Was klappt im Dopingkampf?

Dass viele Agenturen unabhängig arbeiten können und gute Präventionsprogramme vorweisen. Der internationale Leistungssport weist jedoch weiterhin grosse schwarze Flecken auf. Darum finde ich die ARD-Reportage von vorletzter Woche gut. Sie belegte, dass die Weltleichtathletik ein grosses Dopingproblem hat. Die ARD lancierte eine Debatte, der Sport muss sich rechtfertigen und belegen, was er tut. Wie aber geht die Leichtathletik in der Krise vor? Sie sagt, schon 2011 eine Studie zum Problem publiziert zu haben. Das ist ja schön und gut, aber warum handelten die Funktionäre dann nicht früher?

Sie folgern?

Die internationalen Verbände reagieren erst, wenn öffentlicher Druck entsteht. Dies gilt für den Radsport, die Leichtathletik und so weiter.

Abschliessend: Wo steht der Dopingkampf in zehn Jahren?

Ich glaube nicht an den grossen Wurf, sondern an kleine Veränderungen. Wir werden also auch in zehn Jahren noch die gleichen Diskussionen führen.

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(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 12.08.2015, 23:33 Uhr

Der Berner (61) führt die Schweizer Anti-Doping-Agentur seit derGründung 2008. Davor leitete der promovierte Natur- wissenschafter die Vor­gänger-Organisation auf Bundesebene.

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