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Im Atomkanton laufen Risse mitten durch die Familien

Die Abstimmung über die Energiestrategie reisst im Aargau alte Gräben auf. Wegen der Windkraft entstehen neue.

Im Aargau wird zur Energiestrategie Dampf abgelassen: Atomkraftwerk Leibstadt. Foto: Allessandro Della Bella (Keystone)
Im Aargau wird zur Energiestrategie Dampf abgelassen: Atomkraftwerk Leibstadt. Foto: Allessandro Della Bella (Keystone)

Eine malerische Ecke im Norden der Schweiz: Der Rhein fliesst träge vor sich hin, auf den Wiesen blühen die Blumen, im Hintergrund erheben sich die Hügel des Juraparks. Doch das Dorf inmitten dieser Szenerie ist nicht bekannt für die schöne Natur. Sondern für sein AKW.

In Leibstadt haben sich die Bewohner längst an das Atomkraftwerk gewöhnt. Auch an das Geld, das dessen Betrieb in die Kasse der Gemeinde spült. 2015 waren es rund 1,2 Millionen Franken – über ein Viertel aller Steuereinnahmen. Dank diesem Geld und den Arbeitsplätzen, die seit 1984 entstanden sind, hat Leibstadt seine Vergangenheit als armes Bauerndorf hinter sich gelassen. Dafür konnte man sich den Bau einer Mehrzweckhalle leisten, ein Feuerwehrlokal sowie Räume für die Vereine. Im Gegenzug zeigen sich die Leibstädter bei Abstimmungen loyal. Die Atomausstiegsinitiative vom letzten November lehnten sie mit 90 Prozent ab. Gesamtschweizerisch lag der Anteil Nein-Stimmen bei 54 Prozent.

«Wir Leibstädter haben gegenüber dem AKW keine Berührungsängste», sagt SVP-Nationalrat Hansjörg Knecht. Er betreibt hier eine Mühle und lehnt die Energiestrategie ab, über die am 21. Mai abgestimmt wird. Er sei gegen ein Technologieverbot im Gesetz: «Ich möchte alle Optionen offenhalten, auch die Atomenergie – auch wenn im Moment niemand darin investieren will.» Das könne sich aber wieder ändern, sagt Knecht in seiner Mühle. Hinter ihm rieselt Getreide aus grossen Trichtern in Maschinen, die das Korn Schritt für Schritt bearbeiten. Der Strombedarf der Mühle entspricht dem, was 480 Haushalte pro Jahr verbrauchen.

Angst vor dem Blackout

Als Besitzer eines energieintensiven Unternehmens fürchtet sich der SVP-Politiker vor höheren Energiepreisen. Und davor, dass mit dem Wegfall der Bandenergie der AKW die Gefahr von Blackouts zunehmen werde. Der Leibstädter ist überzeugt, dass die Aargauer das Energiegesetz ablehnen werden.

Knechts Nein zur Energiestrategie kommt insofern wenig überraschend, als es die SVP war, die das Referendum ergriffen hat. Im bürgerlichen Kanton Aargau erhält sie auch Support von der FDP. Im Gegensatz zur nationalen Partei haben sich die kantonalen ­Delegierten des Freisinns deutlich für ein Nein ausgesprochen. Zusammen kommen SVP und FDP im Aargau auf einen Wähleranteil von rund 48 Prozent.

Die CVP dagegen hat in den Jahren seit Fukushima einen Wandel durch­gemacht – wie ihre Bundesrätin Doris Leuthard. Von der «Atom-Doris», die einst im Vorstand des Nuklearforums sass, wurde sie zur treibenden Kraft der Energiewende. An der kantonalen Delegiertenversammlung im Aargau waren bei der CVP die Befürworter klar in der Mehrheit. Einer, der Nein gestimmt hatte, war Martin Steinacher. Er ist Grossrat und arbeitet im AKW Beznau.

Der Graben in der CVP ist auch ein Graben zwischen den Gemeinden in AKW-Nähe und dem Rest des Kantons.

Er könne nicht verstehen, warum sich der Bundesrat nach Fukushima nicht mehr Zeit genommen habe und den Bau neuer AKW sofort sistiert habe, sagt Steinacher. «Das war ein übereilter Entscheid.» Der Ingenieur sagt, die kritischen Stimmen in seiner Partei seien zahlreicher, als es den Anschein mache. «Aber viele wollen ihre Ablehnung nicht öffentlich äussern.» Sei es aus Loyalität zu Bundesrätin Leuthard, oder weil sie sich keinen Rüffel einholen wollten. ­Dabei seien die Ziele der Energiewende «total unrealistisch», sagt Steinacher. «Wenn wir tatsächlich 43 Prozent der Energie einsparen wollen, gehen wir in die 60er-Jahre zurück.» Den damaligen Lebensstandard wünsche sich niemand.

Der Graben in der CVP ist auch ein Graben zwischen den Gemeinden in AKW-Nähe und dem Rest des Kantons. Zwischen den Atomenergie-Enthusiasten und den anderen: Jenen, die zwar nicht gegen die Atomkraft sind, sich aber auch keine neuen AKW wünschen.

Der Graben zwischen den beiden ­Lagern habe sich seit Fukushima vertieft, sagt Ralf Bucher, Bauer und CVP-Grossrat. «Viele hängen so sehr an der Atomenergie, dass man mit ihnen nicht mehr sachlich diskutieren kann.» Das sei ja auch verständlich, weil so viele Arbeitsplätze damit verbunden seien. Dennoch sei es falsch, den Fokus auf das Verbot neuer AKW zu legen. «Das ist eigentlich ein Nebenschauplatz.» Neue Kernkraftwerke wolle aus wirtschaftlichen Gründen niemand bauen.

Früher Abfall, liefern Kartoffelschalen nun Strom

Das Gespräch mit Bucher findet bei seinem Kollegen Samuel Imboden in ­Remetschwil statt. Dessen Bauernhof steht auf einem grünen Flecken inmitten des Agglo-Siedlungsbreis, der sich von Baden aus Richtung Mutschellen in die Landschaft frisst. Imboden war ein Pionier, als er vor 15 Jahren seine Biogas­anlage baute. Die erste im Kanton. Zusammen mit den Solarpanels auf dem Stalldach liefert die Anlage Strom für rund 400 Haushalte. Der Treibstoff: Gülle und Lebensmittelabfälle. «Früher waren Kartoffelschalen einfach Abfall – nun liefern sie uns Strom», sagt Im­boden, «und es gibt Häuser, die Strom produzieren.» Bei beiden Bauern ist die Begeisterung darüber spürbar, was sich im Energiebereich getan hat. Im ­Moment experimentiert Imboden bei seiner Biogasanlage mit der Zugabe von Wasserstoff, was die Produktion um 20 Prozent effizienter machen könnte.

Die Bauern würden zu den Gewinnern des neuen Energiegesetzes gehören, dank Geldern für Solarpanels und Biogasanlagen. Im Aargau, wo sich über zehn Prozent der Ackerfläche der Schweiz befinden, bilden sie eine schlagkräftige Lobby. Dennoch wagt Bucher keine Prognose zum Ausgang der Abstimmung – und schon gar nicht, wie sich die Aargauer entscheiden. «Es könnte knapp werden», glaubt er.

Eine dritte Gruppe, die im Aargau zahlenmässig kleiner ist als anderswo, sind die Atomkraftgegner. Diejenigen, die den sofortigen Ausstieg wünschen. Heini Glauser aus Windisch ist einer von ihnen. Seit Fukushima führt er täglich Mahnwachen vor dem Gebäude der Atomaufsichtsbehörde Ensi durch. «Gerade hier im Aargau gibt es viele Leute, die sich der Gefahr eines Unfalls bewusst sind», sagt er. Vom Energiegesetz ist der Ingenieur nicht begeistert: «Das Problem, dass alte AKW weiterlaufen, bleibt bestehen.» Es sei ein Kompromiss, mehr nicht. «Aber immerhin ist es ein Schritt in die richtige Richtung.»

Die Stimmung ist vergiftet

In der Jurakette, zwanzig Kilometer von Windisch entfernt, liefert ein Windparkprojekt Anschauungsunterricht dafür, welche Konflikte bei einem Ja zur Energiestrategie drohen, die den Ausbau der Windenergie vorsieht. Im beschaulichen Benkental ist ein bitterer Streit über die Windräder ausgebrochen, die auf dem Hügel oberhalb von Wölflinswil und Oberhof gebaut werden sollen. «Die Atmosphäre im Dorf ist seit einigen Jahren total vergiftet», sagt Werner Haber­macher, Förster und Windparkgegner der ersten Stunde. «Der Riss verläuft mitten durch Familien.» So trauen sich einige Geschäftsinhaber nicht, ihre Meinung öffentlich zu äussern, aus Angst davor, es sich mit der einen oder anderen Seite zu verscherzen. Im Vorfeld einer Abstimmung zum Windpark rissen Unbekannte ein Plakat der Nein-Seite herunter. Und als auf den Leibchen eines ­lokalen Sportvereins ein Pro-Windpark-Sponsor Werbung machte, weigerten sich einige, das T-Shirt zu tragen.

Für die Gegner steht das «kleine Paradies» auf dem Spiel, das für sie das Benkental ist: zwei Dörfer in einem Tal, in dem es sonst nichts gibt. Keine Autobahn, keinen Zug. Stattdessen erheben sich auf beiden Seiten sanfte Hügel, wo Apfel- und Kirschbäume wachsen.

Die Windparkgegner haben sich im Verein Pro Burg zusammengeschlossen: Einwohner aus Wölflinswil und Oberhof sowie dem solothurnischen Kienberg, das sich auf der anderen Seite des Hügels befindet. Auf deren Gemeinde­gebiet kämen vier der geplanten fünf Windräder zu stehen. «Aber zu sehen und zu hören wären sie überall», sagt Förster Werner Habermacher. Der Verein zählt rund 300 Mitglieder.

«Der Windpark zerstört unser Erholungs­gebiet, führt zu Lärmbelastung und ist nicht rentabel.»

Werner Habermacher, Förster

Die Gegner kämpfen mit Händen und Füssen, mit Gutachten und Argumenten gegen den Bau der Windräder. «Der Windpark gefährdet die Quelle, von der wir unser Wasser beziehen, bedroht Zugvögel, zerstört unser Erholungs­gebiet, führt zu Lärmbelastung und ist wirtschaftlich erst noch nicht rentabel», sagt Habermacher. Vor allem aber: «Er verschandelt die Landschaft. Und er führt dazu, dass die Häuser hier an Wert verlieren.» Die Befürworter argumentieren, es brauche Alternativen zum Atomstrom. «Die Windräder sind eine gute Option», sagt Heinz Herzog aus Oberhof. Zudem sei durch verschiedene Auflagen auch der Umweltschutz garantiert.

Ob die Windräder am Ende tat­sächlich kommen, ist ungewiss. Die Gegner wollen Einsprache erheben, sobald das Baugesuch eingeht. «Nötigenfalls ziehen wir den Entscheid bis vor Bundesgericht», sagt Förster Habermacher.

Wie auch immer der Entscheid ausfallen wird: So bald dürfte der Dorffrieden nicht wieder einkehren. Und auch wenn die Gräben nicht überall in der Schweiz so tief gehen wie im Benkental, zeigt das Beispiel doch: Die Energiewende auf dem Papier zu beschliessen, ist das eine. Die Umsetzung ist dann in der Realität oft eine ganz andere Sache.

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