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Dzemaili spielt bereits Dirigent

Kaum in seiner neuen Heimat Montreal angekommen, ist Blerim Dzemaili schon Torschütze und Man of the Match. Das beflügelt seine Pläne.

Mit grossen Erwartungen empfangen: Montreal erhofft sich von Blerim Dzemaili (rechts) in den kommenden Jahren einen Schub. Foto: Marc DesRosiers (Reuters)
Mit grossen Erwartungen empfangen: Montreal erhofft sich von Blerim Dzemaili (rechts) in den kommenden Jahren einen Schub. Foto: Marc DesRosiers (Reuters)

Blerim Dzemaili steht frisch geduscht in der Garderobe von Montreal Impact. Der Mann, der das 1:0-Siegtor gegen New York Red Bulls geschossen hat, zieht sich ein weisses Hemd und eine dunkle Hose an. Zehn Journalisten schauen dem Schweizer aus Nahdistanz zu. Anschliessend beantwortet Dzemaili geduldig alle Fragen. Seine Hände hat er in den ­Hosentaschen. Was locker aussieht, ist für ihn auch fast einen Monat nach seinem Wechsel vom FC Bologna nach Montreal immer noch gewöhnungs­bedürftig. Die Medien in der Umkleidekabine – nein, so etwas kannte er von keiner seiner bisherigen acht Profistationen in vier europäischen Ländern. «Das ist das Einzige, was ich ein bisschen komisch finde und schwierig, zu akzeptieren. Weil ich glaube, dass die Garderobe das Geheimnis der Mannschaft bleiben sollte», sagt der 31-Jährige.

Schon einen Pokal gewonnen

In der Major League Soccer, das hat er mittlerweile mitbekommen, ist so einiges anders. Hier wird vor jedem Spiel die Nationalhymne gesungen. Hier werden Gelbe und Rote Karten vom Stadionsprecher angesagt, und hier werden eben auch die Interviews in der Kabine geführt – mit Spielern, die sich nebenbei abtrocknen, anziehen oder dabei sind, unter der Dusche zu verschwinden. Und in der MLS wird auch in jeder Partie der Man of the Match gekürt. Diesmal ist es Dzemaili geworden. Der kleine, silberne Pokal mit einem Fussball obendrauf steht über seinem Holzspind.

Blerim Dzemaili, der «designated player» von Montreal. Bild: Heiko Oldörp
Blerim Dzemaili, der «designated player» von Montreal. Bild: Heiko Oldörp

Für ihn sei es sehr wichtig, sich «sofort in der Mannschaft eingespielt und mit den Mitspielern eine gute Chemie gefunden zu haben», sagt Dzemaili. Er weiss, dass Montreal ihn als «Leader und wichtige Figur» geholt hat. Gegen New York ist er Denker und Dirigent. Wenn er sich den Ball für eine Ecke oder einen Freistoss zurechtlegt, stampfen die ­Zuschauer im Stade Saputo kräftig mit den Füssen. Dzemaili leitet viele Angriffe ein und geht, wie in der 56. Minute, nach einem zu ungenauen Pass auch mal ­rustikal zur Sache – und bekommt dafür die Gelbe Karte. Er stehe unter Druck, sagt Dzemaili, es werde «sehr viel von mir erwartet». Aber diese Situation gefalle ihm. Denn wenn der Druck am grössten sei, spiele er am besten.

Nachfolger von Didier Drogba

Zürich, Bolton, Turin, Parma, Neapel, ­Istanbul, Genua, Bologna – da klingt Montreal wie ein Abstieg. Die Stadt am St.-Lorenz-Fluss ist weltweit für ihre ­Canadiens bekannt, den Rekordmeister der NHL. Aber Fussball? ­Impact wurde erst 2010 gegründet. Zwar spielten hier schon Alessandro Nesta oder bis zum Vorjahr auch Didier Drogba. Aber sie ­waren bereits über ihren Zenit hinaus und klassische Beispiele dafür, dass die MLS in Europa oft als Liga verhöhnt wird, in der man in Ruhe die Laufbahn aus­klingen lassen kann.

Dzemaili hingegen denkt noch nicht an die Fussballrente: Für ihn ist es auch kein Abenteuer, sondern «absolut ein weiteres Kapitel in meiner Karriere». Er hebt hervor, dass er die Sache «sehr ernst» nehme, und spricht von «einer Ehre». Schliesslich ist er ein sogenannter Designated Player. Ein Profi also, der weitaus mehr verdienen darf als das Gros seiner Mitspieler, deren Durchschnitts­gehalt bei rund 135 00 Dollar liegt.

In der MLS gibt es ein vorgeschriebenes Lohnbudget für alle Clubs. Dies beträgt in dieser Saison 3,845 Millionen Dollar. Um dennoch prominente Profis aus Europa anzulocken, wurde beim Beckham-Wechsel von Real Madrid zu Los Angeles Galaxy vor zehn Jahren der sogenannte Designated Player ein­geführt. Dieser kann mehrere Millionen verdienen, wird aber dennoch nur mit 480 625 Dollar in der Gehaltsliste geführt. Jedem Team sind maximal drei dieser Grossverdiener erlaubt.

Wie viel Geld Dzemaili verdient? Auf diese Frage gibt es ein Lächeln – auch die Liste der Spielergewerkschaft gibt keine Auskunft. Sie wurde seit Dzemailis Ankunft noch nicht aktualisiert. Wie wertvoll er sein kann? Das beantwortet Dzemaili in der 67. Minute eindrücklich. Nach einem Doppelpass mit Ignacio Piatti schiebt er den Ball aus sieben ­Metern ins Tor. Seine Mitspieler laufen auf ihn zu, Dzemaili fällt auf den ­Rücken, reckt beide Zeigefinger in die Höhe. ­Hinter dem anderen Tor läuten Fans eine überdimensionale silberne Glocke – ein Hauch von Heimat für den Zürcher. «Blerim», ruft der Stadionsprecher, «Dzemaili», brüllen die Zuschauer. Im dritten MLS-Spiel sein erster Treffer – der Mittelfeldmann scheint endgültig angekommen zu sein.

«Er passt gut zu uns. Es war ein wichtiges Tor nach guter Kombination», sagt Trainer Mauro Biello. Er lobt Dzemaili als «Spieler von Qualität», der «noch viel besser» werde, wenn er sich erst mal an die Liga gewöhnt habe. Verteidiger Kyle Fisher ist von Dzemailis Führungsstil ­beeindruckt und erinnert sich an eine ­Sache nach der 2:3-Niederlage gegen ­Columbus. Einige Mitspieler hatten geflachst. Zu viel geflachst, fand Dzemaili. «Er hat uns sofort gesagt, dass wir uns fokussieren sollen und auf keinen Fall zwei Spiele nacheinander verlieren dürfen», so Fisher. Die Worte wirkten – ­Impact besiegte Portland 4:1.

Erinnerungen an Luzern

Zwar ist Montreal derzeit Vorletzter der Eastern Conference, hat aber noch ­einige Nachholspiele – wenn man die gewinne, sagt er, könne man «in der Mitte oder oben mitspielen». Sein neuer Arbeitsplatz befindet sich rund 15 Autominuten westlich vom Stadtzentrum, mitten im Olympiapark. Montreal trug 1976 die Sommerspiele aus – das Stade Saputo steht direkt neben dem Olympiastadion (wo das Team bei speziellen Gelegenheiten auch einmal spielt). Die reine Fussballarena ist ein typisches MLS-Stadion. Klein, fein, Fassungsvermögen ­etwas mehr als 20 000 Zuschauer, gegen New York waren 19 032 da. Es erinnere ihn «ein wenig an das Stadion in ­Luzern», sagt Dzemaili.

Er ist von Bologna ausgeliehen. Aber es gebe eine Vereinbarung, dass er dreieinhalb Jahre bleibe, betont Dzemaili – Ehefrau und Sohn kommen bald nach. Die Kommunikation ist kein Problem, weder auf dem Spielfeld – «alles auf Englisch» – noch ausserhalb. Dzemaili spricht Deutsch, Französisch, Englisch, Italienisch, Albanisch – und passt somit perfekt nach Montreal, der multilingualen Metropole mit mehr als 100 Sprachen.

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