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Kürzere Ausbildung, gleicher Titel

Ausländische Ärzte haben zum Teil eine schlechtere Ausbildung als ihre Schweizer Kollegen. Trotzdem erhalten sie den gleichen Facharzttitel. Dagegen wollen sich die Orthopäden jetzt wehren.

Die Ausbildungen sind oft nicht gleichwertig: Ein Orthopäde zeigt eine Hüftgelenkprothese. Foto: Dominik Butzmann (Laif, Keystone)
Die Ausbildungen sind oft nicht gleichwertig: Ein Orthopäde zeigt eine Hüftgelenkprothese. Foto: Dominik Butzmann (Laif, Keystone)

Bernhard Jost ist besorgt. «Wir haben aus Sicht unserer Fachgesellschaft in der Schweiz keine genügende Kontrolle mehr über die Qualität der Ärzteweiterbildung», sagt der Orthopädie-Chefarzt am Kantonsspital St. Gallen. Im Jahr 2016 waren von den 117 Orthopädie-Facharzttiteln gerade mal noch 41 Prozent eidgenössische Abschlüsse. Bei den restlichen 59 Prozent handelte es sich um ausländische Titel. Diese werden wegen des Freizügigkeitsabkommens mit der EU mehr oder weniger automatisch von der Medizinalberufekommission des Bundes anerkannt.

«Bei bald zwei Dritteln der in der Schweiz tätigen Orthopäden haben Fachgesellschaften im Ausland die Qualitätskriterien festgelegt», so Jost. Er ist auch Präsident der Schweizerischen Gesellschaft für Orthopädie und Traumatologie, die nun die Kontrolle zurückgewinnen möchte. Der Vorstand will ein Label «Swiss Orthopaedics» schaffen, das nur bekommt, wer die von der Fachgesellschaft festgelegten Qualitätskriterien erfüllt. Das Vorhaben soll dieses Jahr mit den Mitgliedern diskutiert werden.

«Kunterbunter Zoo»

Die Orthopäden sind mit ihrer Sorge nicht allein. Im vergangenen Jahr hat die Schweiz zum zweiten Mal überhaupt mehr ausländische Facharzttitel anerkannt als eidgenössische erteilt. Von den acht häufigsten Abschlüssen waren 2016 bei sechs die Schweizer Titel in der Minderzahl. Es ist der vorläufige Höhepunkt einer Entwicklung, die schon seit Jahren läuft – trotz Zulassungsstopp, der den Kantonen erlaubt, die Zahl neuer Ärzte einzuschränken.

Das Problem: Je nach Land unterscheiden sich die Anforderungen an die Weiterbildung zum Facharzt. «In Italien muss man für einen Orthopädie-Facharzt kaum je Prothesen operiert haben», sagt Jost. «In Deutschland endet die Weiterbildung mit einem mündlichen Interview, in der Schweiz gibt es nach sechs Jahren eine ausführliche schriftliche, eine mündliche sowie eine praktische Prüfung.» Eine weitere Differenz: Der Facharzt Orthopädie ist in Deutschland kombiniert mit der Unfallchirurgie. Viele Ärzte legen bei der Weiterbildung den Fokus dabei auf die Unfallchirurgie. Dadurch haben sie jedoch eine Ausbildung, die dem Schweizer Titel – der korrekt «Orthopädische Chirurgie und Traumatologie des Bewegungsapparats» heisst – nicht immer entspricht. «Unsere Mitglieder stört dies, denn der deutsche Titel ist einfacher zu bekommen», sagt Jost.

Die Hälfte aller neuen Facharzttitelstammt aus dem Ausland

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Deutlicher äussert sich ein etablierter Orthopäde, der an einem Zürcher Privatspital arbeitet und nicht genannt werden will. Er spricht von «Blüten», zu denen diese automatische Anerkennung führe. «Ein Schweizer Kollege, bei dem an der Universität klar war, dass er für Orthopädie nicht geeignet ist, machte später seinen Facharzt mit Fokus auf Unfallchirurgie in Deutschland und praktiziert nun trotzdem als Orthopädie-Facharzt wieder in der Schweiz», erzählt der Arzt. «Solche Geschichten sind bei uns allgemein bekannt. Die Fachgesellschaft kann in solchen Fällen heute nichts unternehmen.»

Die grenzüberschreitende Anerkennung der Facharzttitel macht auch eine Überprüfung der eingereichten Dokumente schwieriger – auch weil niemand die betreffenden Ärzte im neuen Land kennt. «Vor allem im Operationsbereich gibt es unter den Belegärzten immer wieder Leute mit fraglichen Facharzt- und akademischen Titeln», sagt der Insider. Es sei ein «kunterbunter Zoo», der sich insbesondere im Kanton Zürich niederlasse. Dazu zähle auch der fragliche Übergewichtschirurg Ralf Senner, dessen Fall der «Tages-Anzeiger» publik gemacht hat und gegen den die Aufsichtsbehörde nun eine Untersuchung führt (TA vom 29. und 30. 3.). «Betroffen sind am ehesten Privatkliniken, die nicht von Chefärzten geführt werden», sagt der Insider. An öffentlichen oder grossen privaten Spitälern würden solche Ärzte in der Regel nicht unterkommen.

Die Klagen der Orthopäden und anderer Fachgesellschaften kennt auch Christoph Hänggeli. Er ist Geschäfts­führer beim Schweizerischen Institut für ärztliche Weiter- und Fortbildung (SIWF), das dem Ärzteverband FMH angeschlossen und unter anderem für die Erteilung der eidgenössischen Facharzttitel zuständig ist.

Ohne Psychotherapie

Laut Hänggeli wird die Situation im Kanton Genf besonders heftig diskutiert. Dort sind die Grundversorger beunruhigt durch den Zustrom von französischen Allgemeinmedizinern mit nur dreijähriger Weiterbildung. Die einheimischen Grundversorger verfügen in der Regel über einen fünfjährigen Facharzttitel «Allgemeine Innere Medizin» und fühlen sich benachteiligt. «Es rumort», sagt Hänggeli. «Die Ärztegesellschaft Genf ist jetzt beim Kanton vorstellig geworden.»

Auch in der Psychiatrie ist die Zuwanderung im Raum Genf ein Problem. «In Frankreich dauert die Weiterbildung nur vier bis fünf Jahre», sagt Kaspar Aebi von der Schweizerischen Gesellschaft für Psychiatrie und Psychotherapie (SGPP). In der Schweiz sind es sechs Jahre. Und obwohl der französische Titel je nach Ausbildungsstätte manchmal keine Psychotherapie beinhaltet, erhalten die Ärzte durch die Anerkennung automatisch den Schweizer Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie.

Dieses Problem stellt sich auch in den anderen Landesteilen. In Italien ist Psychotherapie bei der Facharztausbildung überhaupt nicht vorgesehen. In Deutschland und Österreich zwar schon, jedoch ist auch hier die Weiterbildung mit fünf Jahren ein Jahr kürzer als in der Schweiz. «Das ist eine Ungleichbehandlung, die ungut ist», so Aebi. Die eigenen Anforderungen deswegen herunterschrauben möchte die SGPP nicht: «Unsere Mitglieder finden einhellig, dass unsere Kriterien aufrechterhalten werden müssen», sagt Aebi. Ob ein Label, wie es die Orthopäden einführen möchten, auch für die SGPP eine Variante wäre, könne durchaus diskutiert werden. Der entscheidende Punkt dabei wäre: «Die Anforderungen müssen für In- und Ausländer gleich sein, sonst verstösst dies gegen die Freizügigkeitsverträge», sagt Hänggeli.

Eine andere Variante, mit der die Fachgesellschaften mehr Kontrolle über ihre Titel bekommen, ist die Schaffung von Schwerpunkten. Dabei handelt es sich um Vertiefungen, die nach dem Facharzt erworben werden können. Auf diese Weise wurden beispielsweise die operative Gynäkologie, die operative Urologie sowie die chirurgische Augenheilkunde als Schwerpunkte der entsprechenden Facharzttitel geschaffen.

Seit 15 Jahren falsch eingetragen

Doch das kann wieder neue Probleme bringen, wie sich bei der Viszeralchirurgie zeigt. «In Deutschland sind die Anforderungen für den Titel Allgemein- und Viszeralchirurgie vergleichbar mit dem Schweizer Facharzt Allgemeine Chirurgie», sagt Markus Weber, Chefarzt Viszeralchirurgie am Zürcher Triemlispital und Vorstand der Schweizerischen Gesellschaft für Viszeralchirurgie. An Privatspitälern würden diese Ärzte sich dann teilweise auch spezialisierte Viszeralchirurgen nennen, obwohl in der Schweiz für den Schwerpunkttitel Viszeralchirurgie eine sechsjährige Zusatzweiterbildung notwendig wäre. «Patienten können dies nicht unterscheiden», sagt Weber. «Das stört natürlich manche Schweizer Kollegen.»

Als letzte Möglichkeit bleibt die Entfernung eines Facharzttitels aus dem Anhang des Freizügigkeitsabkommens. «Das wäre möglich – gewünscht hat dies allerdings noch keine Fachgesellschaft», sagt SIWF-Geschäftsführer Hänggeli. Nicht einmal diejenige der Herzchirurgen, deren Schweizer Titel fälschlicherweise unter der Rubrik Thoraxchirurgie in der EU-Richtlinie eingetragen wurde. Dieser gut 15 Jahre alte Fehler soll erst kommendes Jahr korrigiert werden.

Trotz aller Probleme – für Hänggeli ist die gegenseitige Anerkennung der Facharzttitel positiv. «In den allermeisten Fällen gibt es keine Beanstandungen», sagt er. «Die Schweiz profitiert – ohne die Ärzte aus Europa wäre die Gesundheitsversorgung in der Schweiz nicht ­sichergestellt.»

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