Zoff um Gürtelrose-Impfung

Soll der Impfstoff Zostavax durch die Kassen vergütet werden? BAG und Impfkommission sind sich uneinig. Dabei gäbe es bereits ein wirksameres Mittel.

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Die Viren schlummern jahrzehntelang im Rückenmark. Dann plötzlich wachen sie auf, wandern zur Haut und sorgen für einen Ausschlag mit starken Schmerzen. Die Rede ist von den Varicella-Zoster-Viren. Wer das erste Mal mit ihnen in Kontakt kommt, bekommt Windpocken. Nach abgeheilter Krankheit wachen die Erreger dann bei jedem Fünften im Erwachsenenalter auf und lösen eine Gürtelrose (Herpes zoster) aus.

Seit Ende 2017 empfiehlt die Eidgenössische Impfkommission (Ekif) einen Impfstoff gegen die Gürtelrose. Statt für Klarheit zu sorgen, wirft die Empfehlung aber vor allem Fragen auf – sowohl wegen des Zeitpunkts der Empfehlung als auch wegen der Tatsache, dass das Eidgenössische Departement des Innern beziehungsweise das zuständige Bundesamt für Gesundheit (BAG) der Ekif-Empfehlung widerspricht.

Der Impfstoff mit dem Namen Zostavax ist in die Jahre gekommen: Hersteller MSD Merck Sharp & Dohme erhielt die Schweizer Zulassung 2007. Nach einer aufwendigen Evaluation im Jahr 2010 hat die Ekif jedoch von einer Empfehlung abgesehen. Aufgrund fehlender Langzeitdaten zur Wirksamkeit sowie «des begrenzten Nutzens für die öffentliche Gesundheit sowie einer ungünstigen Kosten-Nutzen-Analyse», heisst es in einer Erläuterung im BAG-Bulletin.

Das neue Mittel ist in Europa bis auf weiteres kaum erhältlich.

Inzwischen haben sich die Umstände geändert. Andere Länder – etwa Australien, Frankreich, Kanada, die USA und England – haben Zostavax in ihre Impfpläne integriert. Auch für die Schweizer Impfexperten haben «günstige Resultate» unter anderem zur Langzeitwirkung zu einer neuen Situation geführt, sagt Infektiologe und Ekif-Präsident Christoph Berger. Vor allem ist seit der letzten Evaluation der Preis gesunken. Der Hersteller verkauft den Impfstoff heute für 216 Franken.

Zostavax wird von der Ekif nun empfohlen für Personen ab 65 Jahren mit intaktem Immunsystem sowie für Patienten ab 50 Jahren, die in naher Zukunft wahrscheinlich immungeschwächt sein werden – zum Beispiel aufgrund einer Krebsbehandlung.

Neues Mittel breiter einsetzbar

Das BAG kommt zu einer anderen Einschätzung. Man sei zum Schluss gekommen, dass das Kosten-Nutzen-Verhältnis «nicht für die Vergütung durch die solidarisch finanzierte obligatorische Krankenpflegeversicherung genügt», wie BAG-Sprecher Jonas Montani auf Anfrage schreibt. Bemerkenswert: Der Entscheid stützt sich «auf die gleichen Studien, die der Ekif vorlagen».

Allerdings ist die Wirksamkeit tatsächlich vergleichsweise bescheiden. Die Impfung verhindert die Hälfte der Gürtelrose-Fälle und zwei Drittel der Komplikationen. Zudem halbiert sich bereits nach sieben Jahren dieser Impfschutz. Laut Ekif-Präsident Berger stellt das dennoch ein gutes Resultat dar: «Die Impfung kann in vielen Fällen schwere Verläufe und Komplikationen verhindern.» Eine wichtige Einschränkung ist allerdings auch für ihn, dass Zostavax ausgerechnet für Personen mit geschwächtem Immunsystem oft nicht geeignet ist. Dazu zählen unter anderem Krebs- und andere Patienten, deren Immunabwehr durch eine Therapie geschwächt wurde. Sie würden am meisten von einer Impfung profitieren, da sie ein stark erhöhtes Risiko für Gürtelrose haben.

Müdigkeit und Kopfschmerzen als Nebenwirkungen

Nicht nur die sich widersprechenden Einschätzungen von Ekif und BAG werfen Fragen auf. Auch der Zeitpunkt der Impfempfehlung lässt aufhorchen. Sie erfolgt ausgerechnet in einem Moment, in welchem in den USA und der EU ein neuer, deutlich besserer Gürtelrose-Impfstoff auf den Markt kommt. Es handelt sich um Shingrix von GlaxoSmithKline (GSK), welcher ein Oberflächenprotein des Varicella-Zoster-Virus enthält. Er ist im Vergleich zu Zostavax wirksamer und kann auch bereits immungeschwächten Menschen verabreicht werden. Bei Personen ab 50 Jahren sind 97 Prozent, bei Personen ab 70 Jahren noch 91 Prozent der Geimpften geschützt. Erste Daten deuten da­rauf hin, dass der Schutz mindestens neun Jahre anhält. Zu den Nebenwirkungen gehören Müdigkeit, Muskel- und Kopfschmerzen. Daten zur längerfristigen Sicherheit von Shingrix liegen nicht vor.

In den USA wird sogar empfohlen, dass sich Patienten nachträglich mit Shingrix immunisieren lassen, wenn sie bereits mit Zostavax geimpft worden sind. «In den USA ist der Absatz so hoch, dass der Hersteller derzeit zu wenig Impfstoff hat, um Europa im grossen Stil zu beliefern», sagt Berger. Das betrifft insbesondere die Schweiz, wo Shingrix noch nicht einmal bei Swiss­medic eingereicht worden ist. «Mit einer Zulassung ist in den nächsten zwei bis drei Jahren voraussichtlich nicht zu rechnen», schreibt GSK-Sprecher Urs Kientsch.

Empfehlung wird angepasst

Die Ekif unterstreicht, dass die Empfehlung des Mittels Zostavax unabhängig vom neuen Impfstoff Shingrix erfolgte. «Die Abläufe, bis eine Empfehlung spruchreif ist, dauern ziemlich lange», sagt Berger. «Wenn Shingrix auf den Markt kommt, werden wir die Empfehlung natürlich anpassen.» Auch der Nicht-Vergütungs-Entscheid durch das BAG sei nicht durch Shingrix beeinflusst, so Montani.

Dem Zostavax-Hersteller MSD bleibt nun ein Zeitfenster, um den Absatz seines Impfstoffs auch ohne Krankenkassenvergütung anzukurbeln. Bei seinen Inseraten wird MSD unterstützt von Reto Kressig, Professor für klinische Geriatrie an der Universität Basel und Ärztlicher Direktor des Felix-Platter-Spitals Basel. Honorare habe er von MSD dafür keine erhalten, schreibt Kressig auf Anfrage. Der Geriater hat bei einer Studie mitgearbeitet, die in die Ekif-Bewertung eingeflossen ist und die Zostavax-Impfung als kosteneffektiv beurteilt. Er betont: «Präventive Impfansätze sind in der Altersmedizin speziell sinnvoll, da angesichts der Gebrechlichkeit vieler älterer Patienten die Krankheitsverläufe schwerer sind.»

Erstellt: 28.06.2018, 18:41 Uhr

20'000 Arztkonsultationen pro Jahr wegen Gürtelrose

Je früher mit der Therapie begonnen wird, desto schneller bilden sich die Symptome zurück.

Fachleute sprechen bei Gürtelrose auch von Herpes zoster. Auslöser ist das Varicella-Zoster-Virus. Die Infektion erfolgt meist in der Kindheit und verursacht Windpocken («spitze Blattern», Varizellen). Wenn die Krankheit ausgeheilt ist, bleibt der Erreger im Körper und schlummert über viele Jahre in Nervenzellen des Rückenmarks, ohne Sym­ptome zu verursachen. Bis zu einem Alter von 40 Jahren hatten über 99 Prozent der Erwachsenen Kontakt mit dem Erreger.

Bei jedem Fünften kommt es zu einer Wiederaktivierung von Varicella-Zoster-Viren, in der Regel nach dem 45. Lebensjahr. Am häufigsten entwickelt sich der Herpes zoster zwischen dem 60. und dem 70. Lebensjahr. Neben dem Alter können auch ein geschwächtes Immunsystem oder Stress eine Gürtelrose auslösen. Dabei vermehrt sich das Virus und wandert in den Nerven bis zur Haut.

Heikle Komplikationen

In der Folge kommt es zu einem einseitigen, oft gürtelförmigen Hautausschlag im Bereich, der von der betroffenen Nervenzelle versorgt wird. Auf eine starke Rötung folgen Bläschen, die nach wenigen Tagen verkrusten und abfallen. Begleitet wird der Ausschlag von einem starken Brennen und Schmerzen. Wenige Tage vor dem eigentlichen Ausbruch haben Betroffene zudem ein allgemeines Krankheitsgefühl mit Müdigkeit und leichtem Fieber.

Die Therapie von Gürtelrose zielt darauf ab, die Symptome zu lindern und die Dauer der Erkrankung zu verkürzen. Normalerweise heilt die Krankheit dann nach spätestens vier Wochen ab. Je früher ein Arzt aufgesucht und mit der Behandlung begonnen wird, desto schneller bilden sich die Symptome zurück.

Heikel sind Komplikationen. Bei etwa zehn Prozent der Fälle ist der Augen­bereich betroffen, was unbehandelt zu einer Erblindung führen kann. Noch häufiger sind chronische Schmerzen, die nach der eigent­lichen Erkrankung anhalten. Teilweise sind die Schmerzattacken sehr stark und schränken die Lebensqualität der Betroffenen dementsprechend ein.

In der Schweiz kommt es jährlich zu rund 20'000 Arztkonsultationen aufgrund von Gürtelrose. Etwas mehr als die Hälfte betrifft über 65-Jährige. (fes)

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