Europa braucht Respekt, keine Liebe

Dass der Sommer 2015 nicht als Euro-, sondern als Griechenlandkrise Geschichte schreiben wird, sagt alles.

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Die Europäische Union hat in diesem heissen Sommer etwas zurückgewonnen, was weit schwerer wiegt als die ihr geräuschvoll entzogene Liebe: Respekt. Respekt für ihre Entschlossenheit und Handlungsfähigkeit. Respekt für ihre unterschätzte Stärke und Stabilität. Mit ihrem langen Atem in der Griechenlandkrise hat die EU all jene eines Besseren belehrt, die aus ihr einen Koloss kurz vor dem inneren Zerfall machen wollten. Genährt von linken Euro- und rechten EU-Skeptikern hat sich das Bild des Zerfalls in den letzten Jahren immer tiefer in die öffentliche Debatte eingefressen.

Das griechische Fieber hat den Euro nicht angesteckt.

Doch Europa ist zäh und die Eurozone viel resilienter als gedacht. Das Immunsystem wurde nach der Eurokrise systematisch gestärkt. Das griechische Fieber hat den Euro nicht angesteckt. Trotz gewaltiger öffentlicher Debatten hat es an den Aktien- und Devisenkursen Europas kaum Spuren hinterlassen. Dass der Sommer 2015 nicht als Euro-, sondern als Griechenlandkrise in die Geschichte eingehen wird, sagt alles.

Kein europäischer Patriotismus

Aber wie gravierend sind die Kollateralschäden, die insbesondere aus dem linken Spektrum gemeldet werden? Machen wir uns hier nichts vor: Die Liebe von links ist längst erkaltet. Europa als idealistisches Demokratie- und Friedensprojekt bewegt schon lange keine Massen mehr. Gerade in Krisen hat sich die EU schon immer als Staatenbund mit mächtigen Vororten gezeigt und nie als demokratisch-bundesstaatliches Idyll. Überhaupt: Wenn es nur um innereuropäische Friedenssicherung ginge, dann genügte ein weit loserer Verbund.

Es geht um das Balancieren von eigenen und gemeinschaftlichen Interessen.

70 Jahre nach dem Zweiten Weltkrieg ist Idealismus als Treibstoff für die europäische Weiterentwicklung aufgebraucht. Und die EU muss sich weiterhin damit abfinden, dass sich ein europäischer Patriotismus partout nicht einstellen will. Allzu viele Meinungsmacher haben ein allzu grosses Interesse, die EU mitsamt Euro und Personenfreizügigkeit für nationale Versäumnisse und für die Übel einer sich schnell wandelnden Welt verantwortlich zu machen. Doch am Schluss braucht Europa keine Liebe, Respekt genügt vollauf. Nur ein Europa, das nationale Eigeninteressen zu bündeln vermag, wird langfristig bestehen.

Es geht um das Balancieren von eigenen und gemeinschaftlichen Interessen. Das merkten am Schluss auch die Griechen, nachdem sie sich zuerst in einen kollektiven Rausch demokratischer Empörung gesteigert hatten. Es war die zu allem entschlossene griechische Regierung, die am Ende bis zur Selbstverleugnung alles dafür tat, um in diesem vermeintlichen Protektorat zu verbleiben. Offenbar sind die durch den Euro geschaffene Stabilität und das entsprechend tiefe Zinsniveau doch mehr wert als von Grossökonomen diesseits und jenseits des Atlantiks behauptet. Offenbar lassen sich Jahrzehnte europäischer Investitionsprogramme und stets neue Hilfspakete doch nur sehr vordergründig mit Kolonialismus und Versailler Knebelverträgen vergleichen.

Eine immer bessere Union

Es ist das im EU-Vertrag verfasste Credo einer immer engeren und dabei stets wachsenden Union, das Europa in den letzten Jahren unnötig schwächeln liess. Diese Prämisse hat jede Krise, jede nationalistische Bewegung zur Gefährdung der eigenen Bestimmung werden lassen. Um ihrem selbst auferlegten Credo gerecht zu werden, hat die EU beschwichtigt, toleriert und integriert und dabei wie alle allzu weichen Autoritäten stets etwas mehr an Respekt verloren. Europa kann den Griechen dankbar sein, dass an ihrem Starrsinn die europäische Lethargie aufgerieben wurde und der Brüsseler Wohlfühlsprech, in dem Konflikte nicht zu existieren scheinen, einer klaren Ansage gewichen ist.

Europa kann den Griechen dankbar sein.

Viel schöner als in der europäischen steht es in der Präambel der amerikanischen Verfassung. Das Ziel dort ist nicht eine immer engere, sondern eine immer bessere Union («a more perfect Union»). Die EU erfüllt keinen Selbstzweck, sondern hat nur eine Existenzberechtigung, wenn sie dazu beitragen kann, Wohlstand und Sicherheit in Europa zu schaffen. Es ist nicht die Liebe zum europäischen Friedensprojekt, die die britischen Stimmberechtigten von einem Brexit abhalten kann. Es ist nicht die Hoffnung auf ein basisdemokratisches Europa, welche die bilateralen Beziehungen in der Schweiz sichern wird. Am Schluss sind es handfeste Interessen.

Erstellt: 27.07.2015, 18:38 Uhr

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