Schwaches Ich, ganz stark

Die britische Autorin Rachel Cusk erhebt das neue autobiografische Schreiben in ihrem achten Roman «Outline» zum State of the Art.

Hat keine Zeit für Realitätsimitatsgebastel: Autorin Rachel Cusk. Foto: Getty Images

Hat keine Zeit für Realitätsimitatsgebastel: Autorin Rachel Cusk. Foto: Getty Images

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Lesen, mitgehen, glauben. Bewegt wandert man in Rachel Cusks Meditationsprosa vom Londoner Millionärsclub auf der ersten Seite bis zur Athener Agora am Schluss und bestaunt dabei die Fiktionalitäts­ranken, die das heute so angesagte autobiografische Schreiben hier windet. Da bleibt nichts als Adoration nach der Lektüre Cusks achtem Roman, «Outline», der jetzt, in einer eher mittelprächtigen Übersetzung, auf Deutsch vorliegt. Und dass es dieses Buch überhaupt gibt, ist ein (autobiografisches) Wunder für sich.

2012 nämlich hatte die 1967 in ­Kanada geborene Britin «Aftermath» veröffentlicht, Memoiren einer Scheidung – ihrer Scheidung. Es war eine im besten Cusk-Style gehaltene Schlammschlacht rund um Schuld, Geld und das Sorgerecht für die beiden traumatisierten Töchter. Nach der Publikation ging das Dreckschleudern erst richtig los: Viele fanden, so ein Buch geht gar nicht. Cusk verstummte. Sie habe damals einen kreativen Tod erlebt, gestand sie kürzlich.

«Erfinden ist lachhaft»

Schon 2001 hatte die mit prestigeträchtigen Preisen gekürte Autorin irritiert – mit der schonungslosen Beichte ihres Mutterschaftschocks in «A Life’s Work: On Becoming a Mother». Nach «Aftermath» war sie wie gelähmt und konnte vor allem Romane gar nicht mehr ertragen. Im «Observer» erklärt sie 2014 ihre angewiderte Ablehnung von reiner Fiktion («fake!») und ihre Sympathie für den autobiografischen Vielschreiber Karl Ove Knausgård.

«Wenn man einmal genug gelitten hat, dann wirkt die Idee, einen John und eine Jane zu erfinden und sie irgend­etwas zusammen tun zu lassen, total lachhaft», resümiert sie da. «Dennoch: Auch mein alter autobiografischer Modus ist zu einem Ende gekommen.» Im alten Modus hatte Cusk sich selbst als Schablone benutzt. Im neuen, den sie in «Outline» (zu deutsch «Umriss», «Kontur») entwickelt und zur Meisterschaft bringt, scheint sie ihre eigenen Umrisse verschwinden zu lassen und stattdessen die der anderen zu widerspiegeln. «Annihilierte Perspektive» nennt sie das.

Zwar ist die konsequent namenlose Icherzählerin des Buchs eine englische Schriftstellerin, die just eine hässliche Scheidung hinter sich hat – so deutet «Outline» zumindest an; ausgemalt wird diese Beziehungskatastrophenstory nie, es bleibt ein Umriss. Man hat die Autorin als Leiterin eines Creative-Writing-Kurses für ein paar Tage nach Athen eingeflogen. Ihre Kinder sind, wohl, beim Ex-Mann, und sie fremdelt in der Wohnung einer abwesenden Kollegin, macht flüchtige Bekanntschaften, unterrichtet, trifft sich zum Essen und reagiert dabei wie ein Seismograf. Sie, die Fremde, sammelt und deutet, was die anderen ihr erzählen. Wie sie dies tut, verrät mehr über sie, als was sie über sich sagt.

Diese Selbstmaskierungsmaschinerie durchpulst wie selbstverständlich ihren Körper: Atmen ist Denken ist Schreiben ist Leben für die fiktive Autorin. Und für die echte dahinter auch. Cusk lässt den Bewusstseinsstrom fliessen, und die Flut der Wahrnehmungen, Erinnerungen und Überlegungen formiert sich diskret zur knapp 250-seitigen Silhouette, zur «Outline» eines ganzen Bündels von Lebens­ausschnitten.

Da ist der Sitznachbar im Flieger, der Cusks Alter Ego mit seinen Ehetragödien zutextet. Diese erhalten bei den späteren Gesprächen in Athen jedes Mal einen weiteren überraschenden Dreh – den sie, die professionelle Erzählerin, natürlich ihrerseits hinterfragt und bewertet. Da sind ihre Studenten, die sie dazu auffordert, von Kleinigkeiten am Wegesrand zu berichten. Das tun die dann auch, und aus den Kleinigkeiten werden wundersam grosse Dinge, als wären die Möchtegernautoren allesamt Schüler von John Updike, der sich dem Marginalen und Normalen verschrieb – und Cusk tut es ihm gleich.

Die Autorin und ihr Alter Ego mögens leise. «Ich sagte, ich würde immer stärker an die Vorzüge der Passivität glauben», wehrt sich die Figur gegen die Macher­philosophie ihres Flugnachbarn. «Offenbar bestand ein grosser Unterschied zwischen dem, was ich wollte, und dem, was ich haben konnte, und bevor ich damit nicht endgültig meinen Frieden schliessen konnte, hatte ich entschieden, rein gar nichts mehr zu wollen.» Schon gar keinen neuen Mann, wie der Eheversager beim finalen plumpen Annäherungsversuch lernen muss.

Autobiografie als einzige Kunst

Am Abend wird die Icherzählerin bei einem Dinner mit zwei Frauen gleichen Alters und mit ähnlichen, schwierigen Männererfahrungen das desaströse letzte Treffen noch mal durchgehen, vorwärts, rückwärts, seitwärts. Und all die rapportierten Dialoge skizzieren Beziehungs­verästelungen, flüchtigste Gefühlskräuselungen: «Outline» ist auch ein Versuch über die Unfassbarkeit jeder privaten Wahrheit.

Cusk berichtet, dass sie in der Einsamkeit und der Orientierungslosigkeit ihres Scheidungsorkans ihr Ohr für die Lebensnarrative der anderen sensibilisierte. Dieses feinnervige Zuhören wurde zum formgebenden Sujet des Romans, Anekdote um Anekdote um Anekdote. Und wie elegant sie in ihrer scheinbaren Zufälligkeit doch zusammenhängen! Sie sind verbunden durch unauf­fällige Wortwiederholungen (so unauffällig, dass sie der Übersetzerin teils entgingen); durch raffinierte metaphorische Verschiebungen und Versprecher; durch latente Grundsatzfragen und spiegelverkehrte personelle Konstellationen, in denen Beziehungsdebakel immer aufs Neue durchgeführt werden.

Beschreibung, Charakterdarstellung: Das seien alles tote Künste, urteilt Rachel Cusk. Sie hat keine Zeit für solches Realitätsimitatsgebastel, sie muss doch atmen, leben, schreiben. «Ich bin überzeugt, dass die Autobiografie zunehmend zur einzigen Form in allen Künsten wird.» Eine Autobiografie allerdings, die von semivoyeuristischen Facebook-Statusmeldungen samt Fotoalbum so weit weg ist wie eben «Outline» von Reality-TV. Wohl wahr: Die Menschen in Cusks Roman sind narzisstische und selbstzerfleischende Lesende von Büchern, Menschen, Augenblicken – wie ihre Schöpferin. Wir sind das auch, wenn wir uns mit Lust in die Lektüre dieser Lektüren versenken. Wenn wir jubeln wie die anderen, die «New York Times» («tödlich intelligent») oder «The Observer» («schmerzhaft potent»). Wenn wir Rachel Cusk anbeten.

Erstellt: 09.06.2016, 18:52 Uhr

Rachel Cusk
Outline. Roman. Aus dem Englischen von Eva Bonné. Suhrkamp. Berlin 2016. 235 Seiten,
ca. 32 Fr.

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