Tödliche Schmugglerjagd am Rhein

Im Sommer 1917 erschossen Schweizer Soldaten bei Benken zwei Zivilpersonen, die sie irrtümlich für Schmuggler hielten. Der Fall löste eine heftige Kontroverse aus.

Die Armee unterstützte an der Grenze die Zollbehörde: ein Kontrollposten im Ersten Weltkrieg. Foto: Schweizerisches Bundesarchiv

Die Armee unterstützte an der Grenze die Zollbehörde: ein Kontrollposten im Ersten Weltkrieg. Foto: Schweizerisches Bundesarchiv

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Wiesen, Bäume, weite Sicht: Die Landstrasse von Benken nach Uhwiesen ist ein beschaulicher Flecken im Zürcher Weinland. Hier, bei der Abzweigung nach Dachsen, kam es vor fast genau hundert Jahren zu einem dramatischen Zwischenfall. Soldaten des Dragonerschwadrons 18, die in Benken Grenzdienst leisteten, eröffneten in der Nacht auf den 3. Juli 1917 an einer Kontrollstelle das Feuer auf ein Auto der Zürcher Transportfirma Welti Furrer. Die beiden Insassen, der Chauffeur Edgar Schmid aus Zürich und der Kaufmann Oskar Grünzweig aus Schaffhausen, wurden tödlich getroffen.

Trotz Haltrufen weitergefahren

Das Militär unterstützte damals die Zollbehörden im Kampf gegen den im dritten Weltkriegsjahr grassierenden Schmuggel im Norden des Kantons. Die Schmuggler transportierten Lebensmittel, die oft aus Schwarzmärkten im Grossraum Zürich stammten, nach Deutschland und brachten im Gegenzug Edelmetall und Schmuck in die Schweiz.

Die Soldaten hatten an diesem Abend bei Benken in kurzen Abständen drei Kontrollposten errichtet, um den Fahrzeugverkehr in Richtung Landesgrenze zu überwachen. «Gegen 23 Uhr fuhr ein Automobil von Winterthur kommend mit grosser Geschwindigkeit durch unser Dorf», schrieb der in Benken aufgewachsene Gottlieb Olbrecht (1905–1988) in seinen «Erlebnissen eines Arbeiters», die sein Sohn Hanspeter Olbrecht herausgegeben hat und über die die «Andelfinger Zeitung» kürzlich berichtete.

Der erste Posten versuchte offenbar, den Fahrer durch Rufen und Schreckschüsse zum Anhalten zu bringen. Der zweite Posten soll ebenfalls Halt gerufen und nebst Schreckschüssen auch Schüsse auf die Räder abgegeben haben. Der dritte Posten soll zuerst Schreckschüsse abgegeben haben und schoss dann, als der Wagen weiterfuhr, in diesen hinein. «Nach einer kurzen, unkontrollierten Fahrt fuhr das Fahrzeug in einen Getreideacker und blieb dort stehen», notierte Olbrecht. Wie die Untersuchung der Militärjustiz ergab, starben die Insassen durch Schüsse in den Kopf; im Auto wurden mehr als 20 Einschüsse gezählt.

Warum die Männer nicht anhielten, konnte nie geklärt werden. «Das bleibt ein Rätsel», sagt Hanspeter Olbrecht zum TA. Vielleicht hätten sie gedacht, die Soldaten würden ohnehin nicht sofort schiessen. Im Dorf habe damals das Gerücht die Runde gemacht, die beiden hätten eine Wette abgeschlossen, sie könnten die Sperre durchbrechen, was allerdings nie erhärtet werden konnte.

Sofort wurden die Schüsse mit Schmuggel in Verbindung gebracht. Der «Tages-Anzeiger» berichtete am 4. Juli allerdings, man habe im Auto keinerlei Schmuggelwaren gefunden. Die Firma Welti Furrer und der Rechtsvertreter der Familie Grünzweig protestierten öffentlich gegen den Schmuggelverdacht. Grünzweig sei in einer Rechtsangelegenheit nach Zürich gereist und habe in der gleichen Nacht möglichst rasch nach Schaffhausen zurückkehren müssen, weil seine Frau krank war.

Keine Hinweise auf Schmuggel

Es sei möglich, dass Chauffeur Schmid geglaubt habe, er werde überfallen, da derartige Überfälle von Automobilen nichts Seltenes gewesen seien, wie es in einem NZZ-Bericht über «Die Automobilaffäre in Benken» hiess. Später hielt das Bundesgericht fest, weder auf den beiden Toten noch im Wagen sei etwas gefunden worden, das auf die Absicht des Schmuggels hätte schliessen lassen.

Die Armee leitete eine Untersuchung ein, es kam zu einem Militärgerichtsverfahren wegen fahrlässiger Tötung gegen den verantwortlichen Hauptmann. Der Angeklagte verwies auf den geltenden Schiessbefehl. Die im ganzen Grenzgebiet angeschlagene Bekanntmachung über den Grenzverkehr enthalte die Weisung, dass jedermann dem militärischen Haltruf sofort Folge zu leisten habe. Sein Verteidiger stellte klar, an dem Unglücksfall seien nicht die Soldaten schuld, sondern die Opfer selbst: «Man hat den Eindruck, dass diese Ausländer im Auto sich über unsere Soldaten lustig machen wollten.» Er wies auf die Konsequenzen einer Verurteilung hin: Wenn nicht mehr geschossen werden dürfe, freue sich niemand mehr als die Schmuggler.

Das Verfahren endete nur sechs Wochen nach dem tödlichen Vorfall mit einem Freispruch. Nach Ansicht des Gerichts hatte der Hauptmann keine Vorschriften verletzt. Es sei erwiesen, dass die Insassen des Autos den gesperrten Durchgang erzwingen wollten. Eine gegen die Dragoner eingeleitete Untersuchung wurde ebenfalls eingestellt.

«Alle Achtung vor den Dragonern»

Der Freispruch wurde «von der zahlreich anwesenden Bevölkerung mit Genugtuung aufgenommen», hielt Gottlieb Olbrecht fest. Ein Benkener Landwirt sagte laut der NZZ, die Autofahrten durchs Dorf hätten jetzt ganz aufgehört: «Es war ein guter Abend; alle Achtung vor den Dragonern!»

Auch der verantwortliche Hauptmann hatte auf die Notwendigkeit der Schmuggelbekämpfung im «grossen Wald am Rhein» bei Marthalen hingewiesen. Die Schmuggler hätten überall ihre Horchposten und Helfershelfer gehabt. Dass mit Lichtsignalen auf deutscher Seite gearbeitet wurde, um sich zu verständigen, «war uns allen bekannt.» Hanspeter Olbrecht berichtet von speziellen Schmuggeltechniken. So sei eine bestimmte Strömung des Rheins bei Dachsen ausgenutzt worden, dank derer Waren, die auf einem Floss befestigt waren, von allein ans nahe deutsche Flussufer gelangten.

Die Affäre von Benken löste eine heftige Kontroverse über den Schiessbefehl an der Grenze und die Rolle der Armee aus. Und sie führte zu einem langen Rechtsstreit. Die Witwe von Oskar Grünzweig und dessen Sohn verlangten in einem Zivilprozess von der Eidgenossenschaft Schadenersatz. Sie zogen bis vor Bundesgericht, doch dieses wies die Klage 1921 ab. Es gebe keine Haftung der Eidgenossenschaft für die «berechtigte Anwendung militärischer Gewalt bei solchen Aktionen der Truppe». Dagegen befand das Gericht, es sei die Pflicht der Eidgenossenschaft, den Klägern freiwillig eine Entschädigung zuzuerkennen.

Der Historiker Sebastian Steiner von der Universität Bern hat eine Dissertation zur schweizerischen Militärjustiz im Ersten Weltkrieg verfasst, die er im nächsten Frühling im Chronos-Verlag in Zürich publizieren wird. Für ihn verdeutlicht der Benkener Vorfall, «wie weit die Kompetenzen der Schweizer Armee im Ersten Weltkrieg auch auf ziviler Ebene gingen». Laut Steiner war die schweizerische Gesellschaft damals geprägt durch eine massive Verschiebung der Machtverhältnisse zugunsten der Militärgewalt. Zivilpersonen etwa, die Befehle militärischer Organe nicht befolgten, riskierten ab 1914, vor Militärgerichte gestellt zu werden.

Diese Kompetenzen seien jedoch gerade 1917 auf massive Kritik gestossen, besonders von linker, aber auch von bürgerlicher Seite. So hatte die SPS bereits 1916 in einer Volksinitiative die Abschaffung der Militärjustiz gefordert. Einflussreiche Kreise um General Ulrich Wille plädierten dafür, dass die Armee von polizeilichen Aufgaben wie der Schmuggelbekämpfung befreit wird. Die Benkener Affäre und die Reaktionen darauf könnten nur in diesem Zusammenhang gesehen werden.

Bedeutend war laut dem Historiker, dass das Bundesgericht eine Haftung der Schweiz für ihre Soldaten grundsätzlich ablehnte und darauf hinwies, dass die Verwendung der Militärs zu einer polizeilichen Aufgabe auch die Anwendung der militärischen Zwangsmittel, insbesondere «den Waffengebrauch nach den darüber bestehenden Vorschriften» miteinschliesse. Steiner: «Damit legitimierte das Bundesgericht indirekt die Anwendung von Waffengewalt gegenüber der Zivilbevölkerung.» Das war ein bedenkliches Signal, wie er findet. Die Armee wurde ab 1917 auch immer häufiger bei Streiks und Unruhen im Innern des Landes eingesetzt. Die beiden in Benken erschossenen Männer waren denn auch nicht die einzigen «zivilen Opfer» des schweizerischen Militärs im Ersten Weltkrieg. In Grenchen erschossen die Ordnungstruppen während des Generalstreiks 1918 drei Streikende. Auch damals kam es zu einer Untersuchung der Militärjustiz, die jedoch ebenfalls keine strafrechtlichen Folgen für die betroffenen Soldaten und Offiziere hatte.

Ob von den in Benken Erschossenen noch Nachkommen leben, konnte nicht in Erfahrung gebracht werden. Am Ort, wo die tödlichen Schüsse fielen, findet sich kein Hinweis auf den Vorfall.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 21.08.2017, 08:27 Uhr

Das Ressort Zürich auf Twitter

Das Zürich-Team der Redaktion versorgt Sie hier mit Nachrichten aus Stadt und Kanton.

Etwas gesehen, etwas geschehen?

Leser-Reporter

Haben Sie etwas Aussergewöhnliches gesehen, fotografiert oder gefilmt? Ist Ihnen etwas bekannt, das die Leserinnen und Leser von Tagesanzeiger.ch/Newsnet wissen sollten? Senden Sie uns Ihr Bild, Ihr Video, Ihre Information per MMS an 4488 (CHF 0.70 pro MMS).
Die Publikation eines exklusiven Leserreporter-Inhalts mit hohem Nachrichtenwert honoriert die Redaktion mit 50 Franken. Mehr...

Service

Ihre Spasskarte

Mit Ihrer Carte Blanche von diversen Vergünstigungen profitieren.

Kommentare

Service

Ihre Kulturkarte

Abonnieren Sie den Carte Blanche-Newsletter und verpassen Sie kein Angebot.

Die Welt in Bildern

Polizei in Rosa: Demonstranten bewarfen die Ordnungshüter in Nantes (Frankreich) mit Farbe. (16. November 2017)
(Bild: Stephane Mahe) Mehr...