Uniprofessoren verschweigen wichtige Mandate

Die Zürcher Hochschule hat die Interessenbindungen ihrer Professoren und Professorinnen veröffentlicht. Eine Analyse der Liste zeigt, dass die neue Transparenz lückenhaft ist.

Die Transparenz-Offensive ist noch nicht abgeschlossen: Frühmorgendliche Putzaktion im Uni-Hauptgebäude. Foto: Sophie Stieger

Die Transparenz-Offensive ist noch nicht abgeschlossen: Frühmorgendliche Putzaktion im Uni-Hauptgebäude. Foto: Sophie Stieger

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Die Universität Zürich hat ihren Neujahrsvorsatz umgesetzt. Im Frühling 2016 hatte Rektor Michael Hengartner eine Datenbank angekündigt, in der sämtliche Interessenverbindungen der Professorinnen und Professoren publik gemacht werden sollen. Am Dienstag war es nun so weit: «Die Universität Zürich schafft weitere Transparenz», teilte die Hochschule in einem Mediencommuniqué mit. Im Register werden unter anderem die Tätigkeiten in Aufsichts­gremien, Beratungsfunktionen oder die Mitwirkung in öffentlichen Kommissionen erfasst. Die Transparenzoffensive ist die direkte Folge des revidierten Universitätsgesetzes, das 2015 vom Zürcher Kantonsrat einstimmig verabschiedet worden war.

Die Datenbank bietet interessante Einblicke in die Tätigkeiten, welche Professoren nebst ihrer Lehr- und Forschungstätigkeit ausüben. Am meisten Hüte besitzt demnach Prorektor Christoph Hock. Der Alzheimerforscher übt aktuell 24 Mandate aus. Etwa als Mitglied diverser Organisationen wie dem Technopark Zürich oder der Swiss-Biobanking-Plattform. Allerdings sind die meisten Tätigkeiten von Amtes wegen vorgeschrieben, aufgrund seiner Position als Prorektor. Hinter Hock folgt mit Daniel Jositsch ein prominenter Name. Der Strafrechtsprofessor und SP-Ständerat deklariert 22 Verbindungen. Daraus wird etwa ersichtlich, dass er Beratungsmandate für Comparis oder den Zürcher Bankenverband (ZBV) ausübt.

Bei den Fakultäten sticht die Medizin hervor. Sie weist 429 Interessenbindungen auf und damit mit Abstand am meisten. Allerdings muss die hohe Zahl aufgrund der vielen Professoren relativiert werden. Pro Kopf gerechnet, ist nämlich die Rechtswissenschaftliche Fakultät Spitzenreiter: 3,2 Bindungen weist durchschnittlich jeder Professor auf.

Undeklarierte Geldbeträge

Mindestens ebenso interessant ist jedoch, was nicht in der Datenbank steht. Diverse Tätigkeiten müssen gemäss Transparenzregeln des Kantonsrates nicht ausgewiesen werden. Etwa zeitlich begrenzte Beratungstätigkeiten, Lehraufträge an anderen Hochschulen oder sogenannte Grants – Geldbeträge von der öffentlichen Hand oder der Privatwirtschaft, welche die Professoren für ihre Forschungstätigkeit erhalten.

Die Universität setzt auf Selbstdeklaration. Die Professoren erhielten letztes Jahr eine Aufforderung des Rektors, bis Ende Oktober die Einträge vorzunehmen. Damit hängt die Anzahl der Interessenbindungen auch von der Offenheit der Professoren ab. So fällt beispielsweise auf, dass zurückliegende Beratungsmandate von manchen Professoren angegeben werden, obwohl sie dazu nicht verpflichtet wären. Die unterschiedliche Auskunftsbereitschaft sorgt letztlich für ein verzerrtes Bild. Die Universität möchte an der Selbstdeklaration festhalten: «Wir vertrauen unseren Professoren», sagt Melanie Nyfeler von der Uni-Kommunikation.

Infografik: Interessenbindungen der Professoren Grafik vergrössern

Stichproben, die Tagesanzeiger.ch/Newsnet durchgeführt hat, zeigen: Etliche Professoren geben an, keine Interessenverbindungen zu haben. Dies, obwohl sie stark mit Wirtschaft und Politik verknüpft sind. Reinhard Dummer von der Medizinischen Fakultät zum Beispiel vermerkt im Register, dass er «keine Interessenbindungen» aufweise. Aus einem Dokument des letztjährigen Asco-Jahrestreffens, dem weltweit wichtigsten Kongress im Krebsbereich, gehen jedoch zahlreiche Mandate hervor. Dummer erhielt unter anderem von Roche, Novartis und Glaxo­SmithKline Honorare. Für dieselben Firmen übernahm der Professor Beratungstätigkeiten. Diese sind gemäss Transparenzgesetz nur deklarierungspflichtig, wenn sie von unbefristeter Dauer sind. Ob das der Fall ist, ist unklar – Dummer war für eine Stellungnahme nicht zu erreichen.

Weitere Mandate sind einflussreich, müssen aber nicht im Register angegeben werden. Das zeigt das Beispiel von Rechtsprofessor Samuel Kern Alexander, der gemäss Eigendeklaration ebenfalls «keine Interessenbindungen» aufweist. Ausführlicher sind seine Angaben auf seinem persönlichen Professorenprofil der Uni-Website: 2016 erhielt Alexander von der Europäischen Union ein dreijähriges Beratungsmandat für Bankenregulierung. Vorher leitete er unter anderem ein Forschungsprojekt im Auftrag der G-20-Staaten und liess seine Expertise im britischen Parlament einfliessen – gemäss Universitätsgesetz muss er dies nicht offenlegen.

Auch Geldbeträge müssen nicht deklariert werden. Die Universität verweist darauf, dass dies gemäss gesetzlichem Auftrag nicht als Interessenbindung gelte. Dieselbe Meinung vertritt Tuncauy Baubec vom Institut für Veterinärbiochemie und Molekularbiologie. Das Forschungslabor des Professors wird unter anderem von der Novartis finanziert. Auf einen entsprechenden Vermerk im Interessenregister verzichtete der Professor jedoch. «Die Laborfinanzierung durch Novartis bringt keine Bindungen mit sich», sagt Baubec zu Tagesanzeiger.ch/Newsnet. Seine Forschungsergebnisse würden der Novartis nicht zugutekommen.

Uni will Drittmittel deklarieren

Der ehemalige Zürcher Kantonsrat Ralf Margreiter (Grüne) bedauert, dass solche Verbindungen nicht im Register auftauchen. Zumal anderseits Nichtigkeiten wie etwa die Mitgliedschaft im Quartierverein Oberstrass (Rektor Michael Hengartner) Erwähnung finden. Margreiter gab 2013 den Anstoss zum neuen Transparenzgesetz. «Mit dem Professoren­register ist ein erster Schritt getan», sagt er. Doch bis zur vollständigen Transparenz sei es noch ein weiter Weg. Anstoss für das neue Transparenzgesetz war unter anderem das umstrittene 100-­Millionen-Sponsoring der UBS, das 2013 bekannt wurde. Darauf forderte der Politiker, dass Lehrstühle, die aus Drittmitteln finanziert werden, deklariert werden müssen. Das Kernanliegen wurde letztlich vom Kantonsrat nicht berücksichtigt, weil der Universitätsrat – unter dem öffentlichen Druck – von sich aus handelte. 2015 verordnete er, dass Zuwendungen ab 1 Million Franken öffentlich gemacht werden müssen. Die Universität will demnächst eine Liste veröffentlichen, in der alle Stiftungsprofessuren der Universität auf einen Blick ersichtlich sind. Darunter würden auch jene fallen, die von Firmen wie der UBS finanziert werden.

Die Universität weist darauf hin, dass die Erfassung der Interessenbindungen zum ersten Mal stattgefunden habe. Damit sei dieser Vorstoss für mehr Transparenz als Prozess zu verstehen. «Das Register wird laufend aktualisiert, und gegebenenfalls erfolgen Anpassungen.» Die ETH Zürich geht in der Deklaration von Nebenämtern ihrer Professoren noch weniger weit als die Universität. Doch auch sie will mehr Transparenz schaffen, wie die Mediensprecherin auf Anfrage mitteilt: Eine interne Arbeitsgruppe arbeite zurzeit Vorschläge aus, um «Meldung, Bewilligung und Publikation der Nebenbeschäftigungen zu verbessern».

Erstellt: 05.01.2017, 23:05 Uhr

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