Verwöhnte Zürcher

Zürich darf sich Wien in Sachen Wohnbaupolitik zum Vorbild nehmen – würde damit aber scheitern.

Vorbild oder abschreckendes Beispiel? Die Seestadt im 22. Wiener Gemeindebezirk. Foto: Amadeus Waldner

Vorbild oder abschreckendes Beispiel? Die Seestadt im 22. Wiener Gemeindebezirk. Foto: Amadeus Waldner

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Sie sind überall, die Schmarotzer. In den gemeinnützigen Wohnungen – diesen Hochburgen des Schmarotzertums –, da wohnen sie: die skrupellosen Profiteure aus der Mittelschicht. Auf Kosten der Mittellosen, die es wirklich nötig hätten.

Wer dieser Logik folgt, landet schnell bei der SVP. Der Partei, die weiss, dass sich mit aufgebauschten Einzelfällen gut Stimmen erzielen lässt. Sie fordert in Zürich konsequent die Ab- schaffung geförderter Wohnformen. Ob Genos- senschaften oder städtische Wohnbauten – es würden stets die Falschen profitieren. Die Logik: Was abgeschafft wird, kommt niemandem zu- gute. Weder den Schmarotzern noch denen, die es nötig hätten. Diese Argumentation kann nur einer Gruppe dienen: den Immobilienkonzernen.Die SVP stand mit dieser Argumentation lange alleine da. Bis die städtische Zürcher FDP eine Kehrtwende vollzog. Letztes Jahr stimmte die Partei erstmals seit Jahren gegen einen 90-Millionen-Franken-Rahmenkredit für subventioniertes Wohnen. Parteipräsident Severin Pflüger warnte vor den Gefahren des subventionierten Wohnungsbaus, vor Zuständen, wie sie in Wien herrschen würden: «Alle Probleme, die wir in Zürich haben, zeigen sich dort noch stärker.»

Pflüger übernahm den Ball von der SP, die zuvor behauptet hatte: «Mehr Wien für Zürich», das täte allen gut. So wurde die Stadt zur Referenz. Die Linke preist, die Bürgerliche warnt.

Linke Mehrheit, starke Wirtschaft

Die Parallelen der beiden Städte sind offensichtlich. Zürich wie Wien werden seit Jahrzehnten von einer linken Mehrheit regiert. Die Lebens­qualität ist hoch, die Wirtschaft boomt, und die Zuwanderung hat in den letzten Jahren stark zugenommen. Dadurch ergibt sich eine weitere Gemeinsamkeit: der verknappte Wohnraum.

Österreich ist bis heute Versorgungsstaat geblieben, während sich die Schweiz in eine liberalere Richtung entwickelte.

Ein Problem, das beide Städte bereits kennen – und früher zu lösen wussten. Auf den Bevölkerungsanstieg während der Nachkriegszeit folgte eine Wohnungsnot. Die Städte reagierten mit Subventionsprogrammen. Das rote Wien erwarb massenhaft günstiges Land – finanziert durch die Wohnbausteuer, die es den Hausbesitzern abknöpfte. Auf den Grundstücken wurden gigantische Wohnkomplexe errichtet, die Gemeindebauten, die bis heute das Stadtbild prägen. Zürich ging subtiler vor. Ab 1943 wurden die Wohnbauaktionen eingeführt, Rahmen­kredite, mit denen Wohnraum vergünstigt wird.

Es folgte ein kommunales Baufieber. Zürich erreichte die Spitze zu Beginn der 80er-Jahre: Über 20'000Wohnungen waren subventioniert, rund viermal so viele wie heute. Parallel dazu wurden viele gemeinnützige Wohnungen erstellt. Diese sind teurer, aber immer noch günstiger als auf dem freien Markt. Wien verwehrte sich – im Gegensatz zu Zürich – der Privatisierungswelle. Es errichtete weiter fleissig Gemeindebauten. Wien behauptet heute, dass es den Mittelstand vor der Immobilienspekulation bewahrt habe. Österreich ist bis heute Versorgungsstaat geblieben, während sich die Schweiz in eine liberalere Richtung entwickelte.

«Mehr Wien für Zürich» würde auch durch unterschiedliche Finanzierungsformen erschwert. Arbeitnehmende in Österreich bezahlen einen Wohnbauförderanteil von einem Prozent auf ihr Bruttogehalt. Von diesem Automatismus kann die rot-grüne Zürcher Regierung nur träumen. Ihre Rahmenkredite muss sie alle paar Jahre vom Parlament absegnen lassen, sie sind demokratisch legitimiert.

Dunkle Wiener Wohnungen

Es sind auch materielle Ansprüche, die den Zürcher vom Wiener trennen. 60 Prozent subventionierter Wohnanteil klingt für die teils geschröpften Zürcher Mieter verlockend. Es ist allerdings möglich, dass die Euphorie bei der Ansicht einer durchschnittlichen Wiener Gemeindebauwohnung nachlässt. Diese ist oftmals dunkel, kleinräumig und von architektonischer Schlichtheit geprägt. Wo der Wiener zufrieden scheint, da rümpft der Zürcher die Nase. Eine doppelt so hohe Kaufkraft erhöht seine Ansprüche. Die Zürcher sagen sich: Genossenschaftlich ja, aber bitte kein Plattenbau. Lieber eine Kalkbreite oder eine der anderen Vorzeigesiedlungen, die internationale Architekturpreise einheimsen.

Hochwertiges Wohnen ist teuer. Es entstehen Mehrkosten, die eine reiche Stadt wie Zürich tragen muss. Wichtige Werte stehen auf dem Spiel: erschwinglicher Wohnraum für alle Schichten, das Verhindern einer Zweiklassengesellschaft. Es sind die Grundpfeiler einer funktionierenden Stadt.

Mit einer Politik des biederen Neids lassen sich keine Probleme lösen. Wer hingegen in Wien das alleinige Vorbild sieht, agiert blauäugig. Zürich hat seine eigene Geschichte des geförderten Wohnens. Daran sollte die Stadt festhalten.

Erstellt: 05.01.2018, 20:29 Uhr

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