«Vorübergehende Schlafprobleme sind normal»

Daniel Brunner, Spezialist für Schlafmedizin, sieht die Ursache für Schlafstörungen in der Online-Gesellschaft.

Daniel Brunner ist Spezialist für Schlafmedizin im Zentrum für Schlafmedizin der Hirslanden-Klinik in Zürich. Foto: PD

Daniel Brunner ist Spezialist für Schlafmedizin im Zentrum für Schlafmedizin der Hirslanden-Klinik in Zürich. Foto: PD

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Geopathologen sehen die WLAN-Strahlung als Grund für vermehrte Schlafstörungen. Eine plausible oder eine zu einfache Erklärung?
Die starke Zunahme von Neukunden und Hilfesuchenden bei Geopathologen führe ich auf die Angstmache der häufiger werdenden Medienberichte über Schlafmangel zurück, die Schlaflosigkeit und Schlafmangel nicht zu unterscheiden wissen. Diese Berichte, die Schlafmangel und Insomnie fälschlicherweise gleichsetzen, erzeugen bei schlafgestörten Personen einen immensen Druck. Dieser Zusammenhang erklärt die beobachtete Zunahme von Schlafproblemen und Hilfesuchenden meines Erachtens besser als geophysikalische Einflüsse, die sich wohl kaum in wenigen Monaten verändert haben.

Was raubt immer mehr Zürchern denn ihren Schlaf?
Sicher hat sich die Schlafkultur in der modernen Gesellschaft verändert. Durch die allgegenwärtigen Unterhaltungsmöglichkeiten verlängern wir den Tag und können rund um die Uhr kommunizieren und uns mit Licht und elektronischen Medien wach halten. Die moderne Nonstopgesellschaft hat dadurch in den letzten 50 Jahren nicht nur die durchschnittliche Schlafdauer um fast eine Stunde verkürzt, sondern auch den inneren 24-stündigen Rhythmus geschwächt, der für einen guten Schlaf wichtig ist.

Mit anderen Worten: Wir schlafen wegen dieser Ablenkungen oft einfach zu wenig und schieben dann die Schuld auf den Elektrosmog?
Es ist sicher ein Trend, dass sich die Leute vermehrt mit ihrem Schlaf beschäftigen, was wiederum zu vermehrten Schlafproblemen führt. Mit Applikationen auf dem Smartphone oder mit Messgeräten am Handgelenk lassen viele heute ihren Schlaf beurteilen und geraten durch die täglichen Veränderungen oder durch Vergleiche mit anderen Personen in Alarmbereitschaft. Die vermehrte Aufmerksamkeit der Medien gegenüber dem Thema verstärkt diesen Effekt noch.

Dann sind Schlafstörungen zu einem Teil auch ein psychologisches, ein Wahrnehmungsproblem?
Das Bewusstsein für Schlafstörungen und deren Folgen für die Gesundheit hat mit neuen Erkenntnissen der Schlafforschung in den letzten Jahren zugenommen. Beispielsweise werden Schnarchen und Schlaflosigkeit von den Ärzten vermehrt als gesundheitlich relevant und abklärungsbedürftig betrachtet. Ob Schlaflosigkeit langfristig zunimmt, ist nicht einfach zu beantworten, denn schwierige Zeiten mit Krisen, unsicheren Lebensumständen und Krankheiten führten schon immer zu Veränderungen des Schlafverhaltens und gestörtem Schlaf. Eine vorübergehende Zunahme von Schlafproblemen infolge von Existenzängsten und steigenden Leistungsanforderungen ist normal. Dies veranschaulichte etwa die Bankenkrise, die viele Personen der Finanzbranche zu uns in die Abklärung und Beratung führte, die noch vor zehn Jahren keine Schlafprobleme kannten.

«Als Insomnie bezeichnet eine Ein- oder Durchschlafstörung an mindestens drei Tagen der Woche während mindestens drei Monaten.»

Mit welchen Symptomen kommen die Menschen zu Ihnen?
Die Patienten, die sich an die Schlafmedizin wenden, leiden an Einschlaf- und Durchschlafstörungen (Insomnie), an Tagesschläfrigkeit oder an unliebsamen Begleiterscheinungen des Schlafs. Zu Letzteren gehören zum Beispiel Schnarchen, Schlafwandeln, Zähneknirschen, Atembeschwerden in der Nacht, Beinkrämpfe, Albträume, unübliche Bewegungen oder andere störende Verhaltensweisen im Schlaf. In der Schlafmedizin unterscheiden wir über 80 verschiedene Schlaf-Wach-Störungen.

Wann werden Schlafstörungen zum Problem?
Mit kurzfristigen Schlafproblemen, die nur für eine oder wenige Nächte unter Stress, Schmerz, Jetlag oder misslichen Schlafumständen auftreten, können die Leute meist gut umgehen, ohne Hilfe zu suchen. Wenn Schlaflosigkeit oder Schläfrigkeit die Lebensqualität längere Zeit beeinträchtigen oder wenn Erlebnisse im Zusammenhang mit dem Schlaf beängstigend sind, steigt der Leidensdruck.

Wie gehen Sie vor, um die Ursachen einer Schlafstörung zu finden?
Eine Schlafabklärung beginnt mit einer ausführlichen strukturierten Sprechstunde, in welcher alle schlafrelevanten Informationen vom Patienten und allenfalls von den Angehörigen gesammelt werden. Aufgrund der spezifischen Symptome und der Krankengeschichte stellt der Spezialist fest, ob für die genaue Diagnose weitere Untersuchungen notwendig sind. Bei Einschlaf- und Durchschlafstörungen sind die Informationen aus der Schlafsprechstunde in der Regel ausreichend, um eine abschliessende Diagnose zu stellen. Eine Registrierung des Schlafs oder andere Messungen sind nur indiziert, wenn Unklarheiten in Bezug auf Atemstörungen, Bewegungen oder unübliches Verhalten während des Schlafs bestehen.

«Berufsgruppen aus Landwirtschaft, Politik, Medizin und Management, neigen dazu, sich ungenügend Zeit für den Schlaf zu gönnen.»

Und ab wann liegt ein medizinisches Problem vor?
Wenn der Leidensdruck infolge eines Schlafproblems die Lebensbewältigung erschwert oder wenn eine Schlafstörung mit negativen gesundheitlichen Konsequenzen einhergeht, ist das ein medizinisch relevantes Problem. Als chronische Schlaflosigkeit oder Insomnie wird eine Einschlaf- oder Durchschlafstörung bezeichnet, die mindestens an drei Tagen der Woche während mindestens drei Monaten besteht.

Gibt es besondere Häufungen in besonderen Regionen und Gesellschaftsschichten?
Gewisse Berufsgruppen, zum Beispiel aus Landwirtschaft, Politik, Medizin und Management, neigen dazu, sich ungenügend Zeit für den Schlaf zu gönnen. Junge Erwachsene mit langem Ausgang am Wochenende und Schichtarbeiter neigen zu Schlafproblemen wegen eines unregelmässigen Schlaf-Wach-Rhythmus. Abgesehen von Regionen mit Flug- und Strassenlärm sind mir keine regionalen Häufungen von Schlafstörungen bekannt.

Heute werden oft externe Faktoren für Schlafstörungen genannt. Wie störend sind solche Einflüsse?
Wenn Umgebungsfaktoren wie Matratze, Lärm, Licht, Temperatur, Sicherheit der Schlafumgebung den Schlaf stören, sind eine Beseitigung der Störfaktoren, eine Abschirmung von den Störquellen oder eine neue Schlafumgebung angezeigt. Im Zentrum für Schlafmedizin begegnen wir umgebungsabhängigen Ursachen für Schlafstörungen selten, weil die meisten unserer Patienten ihre Schlafumgebung bereits optimiert oder in ein eigenes Schlafzimmer gewechselt haben und dennoch schlecht schlafen. Bei Personen, die sensibel auf elektromagnetische oder andere physikalische Wellen sind, gelten die gleichen Empfehlungen der Vermeidung und ­Abschirmung. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 27.08.2017, 23:27 Uhr

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