Warum werden kaum mehr Fragen gestellt?

Die Antwort auf eine Frage zur zwischenmenschlichen Kommunikation.

Ist es unanständig oder einfühlsam, Fragen zu stellen? Foto: Pexels.com

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Mich ärgert, dass immer mehr Menschen in Gesellschaft mit anderen immer nur von sich selbst erzählen und dem Gegenüber keine oder kaum eine Frage stellen. G. B.

Lieber Herr B.

Würkli? Waren es Mitte der 80er-Jahre nur 30 Prozent, die nur von sich selbst erzählten, und inzwischen sind es über 70 Prozent? Ich fürchte, Sie wissen das ebenso wenig wie ich. Zwar hat auch in der Meteorologie der Begriff der «gefühlten Temperatur» Einzug gehalten, der für eine Wetterprognose ja auch durchaus sinnvoll ist (17 Grad bei Nieselregel und starkem Wind fühlen sich tatsächlich an, dass man einen leichten Wintermantel braucht; 17 Grad bei Sonnenschein und Windstille erlauben fast schon Sommerkleidung). Er taugt aber nicht dafür, in Rechnungen zur Klimaerwärmung verwendet zu werden.

Genauso ist es mit dem Gefühl, die Menschen seien heute so oder anders, und zwar immer öfter. Aber nehmen wir einmal an, Sie hätten (statistisch) recht. Vielleicht würde die Analyse einer hohen Zahl an Apéros geführten Gesprächen tatsächlich ergeben, dass 2017 weniger Fragen an die Gesprächspartner*innen gestellt wurden als 1987. (Vorausgesetzt, man habe vergleichbare Daten.) Würde das zwangsläufig bedeuten, die Menschen (sagen wir mal besser: Menschen vergleichbaren sozialen Status’ in sozial vergleichbaren Situationen) seien selbstbezogener geworden?

Es könnte sein, dass jemand, der gefragt zu werden als soziale Zuwendung versteht, auf jemanden trifft, der den Verzicht auf Fragen angemessen findet. 

Es könnte genauso gut bedeuten, die Erwartungen an Diskretion gegenüber anderen Menschen hätten sich verändert. Dann wären die Leute also nicht egoistischer, sondern rücksichtsvoller, weil weniger offensiv geworden. Sie hätten gelernt, ihre Neugier zu zügeln; würden, um des sozialen Kontakts willen, zwar weiterhin miteinander reden, aber mehr auf Fragen verzichten, die ihnen nun aufdringlich erschienen. Nun könnte es sein, dass jemand (wie Sie), der gefragt zu werden weiterhin als Indiz sozialer Zuwendung und nicht als Übergriff versteht, auf jemanden trifft, der zur mittlerweile angewachsenen Gruppe gehört, die den Verzicht auf Fragen als sozial angemessen findet.

Und schon haben wir den Salat. Es entsteht eine ähnliche Kommunikationssituation, wie sie Paul Watzlawick bezüglich des unterschiedlichen Datingverhaltens zwischen den gegen Ende des 2. Weltkriegs in England stationierten US-Soldaten und den eingeborenen Engländerinnen geschildert hat. Während in der amerikanischen Kultur Küssen einen nicht sehr hohen intimen Stellenwert hatte, rangierte es in der englischen Kultur bereits ziemlich nahe beim Geschlechtsverkehr. Und nun wunderten sich die GIs, wie leicht die Engländerinnen schon nach dem ersten Kuss zum Koitus bereit waren, während die Engländerinnen sich übers Draufgängertum der Amis wunderten. Die einen fragten sich: Werden die Frauen immer weniger prüde? Und die anderen: Werden die Kerle immer ungehemmter?

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 16.05.2018, 14:55 Uhr

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