Was Sexualopfer bei einer Anzeige erwartet

Penible Befragungen, lange Verfahrensdauer, und oft reichen die Beweise nicht für eine Verurteilung des Täters. Warum sich eine Anzeige für Opfer dennoch lohnt.

Schwierige Fälle für Justizia: Sexualopfer haben langwierige Verfahren zu erwarten.<br />Foto: Pat Maise (Plainpicture)

Schwierige Fälle für Justizia: Sexualopfer haben langwierige Verfahren zu erwarten.
Foto: Pat Maise (Plainpicture)

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Jede Woche werden in der Schweiz rund 10 Vergewaltigungen bei der Polizei gemeldet und etwa gleich viele Fälle von sexueller Nötigung. Dies entspricht indes nur etwa 20 Prozent aller Fälle, die Dunkelziffer ist bei Sexualdelikten sehr hoch. Die Gründe für die tiefe Anzeigequote sehen Fachleute vor allem darin, dass Opfer und Täter sich meist kennen oder gar in einer nahen Beziehung zueinander stehen. Scham, Schuldgefühle sowie die Angst, im persönlichen Umfeld auf Unglauben zu stossen, würden die Opfer daran hindern, zur Polizei zu gehen, aber auch die Befürchtung, ein Strafverfahren könnte sich negativ auf die ganze Familie auswirken, sagt Psychologin Therese Burri von Lantana, der Fachstelle für Opfer von sexueller Gewalt in Bern.

Hinzu kommt, dass viele Opfer von Sexualdelikten vor den psychischen Strapazen zurückschrecken, weil der Gang zur Polizei von ihnen verlangt, dass sie sich erneut mit dem traumatischen Ereignis konfrontieren. Sie müssen sich peniblen Befragungen unter­ziehen und fremden Personen intime Details offenbaren, weiss die Zürcher Rechtsanwältin Bibiane Egg. Da es bei Sexualstraftaten meist keine Zeugen und keine anderen Beweise gebe, hätten die Schilderungen des Opfers eine zentrale Bedeutung. Streitet die beschuldigte Person die Tat ab, steht Aussage gegen Aussage. «Die ganze Beweislast liegt damit beim Opfer und seinen Schilderungen, was dieses einem enormen Druck aussetzt», sagt Psychologin ­Regula Schwager, Mitarbeiterin der ­Zürcher Opferberatungsstelle Castagna.

Einvernahmen reduzieren

Bei den Strafverfolgungsbehörden ist man sich der Belastung für die Opfer ­bewusst und versucht dem Rechnung zu tragen. So kommt bei der Befragung durch die Polizei im Kanton Zürich nur speziell geschultes Personal zum Einsatz, sagt Franziska Schubiger, Chefin des Fachdienstes Sexualdelikte/Kindesschutz der Kantonspolizei. «Wir lassen die betroffene Person zuerst einfach mal erzählen. Anschliessend ist es unsere Aufgabe, durch Nachfragen unter anderem herauszufinden, welcher Straftatbestand vorliegt.» Ob es zum Geschlechtsverkehr oder zu anderen sexuellen Handlungen gekommen sei, wie die Nöti­gung erfolgte und wie der Widerstand gebrochen wurde.

Wichtig sei, den Opfern mit Empathie zu begegnen, so Schubiger. «Das heisst auch, dass wir grundsätzlich akzeptieren müssen, wenn jemand schweigt», zumal das Strafprozessrecht den Opfern das Recht einräume, Aussagen über die Intimsphäre zu verweigern. «Gleich­zeitig versuchen wir, den Grund für das Schweigen zu eruieren.»

Wird das Verfahren fortgesetzt, kommen weitere Befragungen dazu. Bei der Einvernahme durch die Staatsanwaltschaft ist dann auch die beschuldigte Person in einem Nebenraum anwesend, was für die Opfer alles andere als angenehm ist. Seit dem vergangenen Oktober werden im Kanton Zürich die Befragungen durch die Staatsanwaltschaft auf Video aufgezeichnet. «Die Idee ist, für die Gerichte ein authentisches Beweismittel zu erheben und so eine weitere Einvernahme über­flüssig zu machen, damit das Opfer nicht durch die wiederholten Vorladungen retraumatisiert wird», sagt Ulrich Weder, Leiter der auf Gewaltdelikte spezialisierten Staatsanwaltschaft IV.

Die heiklen Befragungen durch Polizei und Justiz, das Beharren auf detaillierten Schilderungen und das Nachhaken bei vermeintlichen Widersprüchen hinterlassen jedoch bei vielen Opfern den Eindruck, man glaube ihnen nicht, sagt Therese Burri von der Opferhilfe Lantana. Daher sei es unerlässlich, sich beraten zu lassen. «Wir können den Betroffenen das Vorgehen der Behörden erklären und sie dabei unterstützen, ­dieses richtig einzuordnen.»

Ein Strafverfahren dauert in der Regel recht lang. Dadurch verzögert sich für die Opfer der Verarbeitungsprozess, was sie zusätzlich belastet, sagt Rechtsanwältin Bibiane Egg. Allein nach der polizeilichen Befragung vergingen meist mehrere Monate, in denen die Opfer von den Behörden nichts hörten, sagt Opferhilfe-Expertin Regula Schwager. «Das verunsichert viele, wenn sie nicht wissen, dass dies normal ist. Sind die Betroffenen über die Abläufe informiert, gelingt es ihnen eher, das Verfahren und die langen Wartezeiten zu überstehen.»

Die Beratungen und Unterstützungen durch die Opferhilfestellen wirken sich förderlich auf das Anzeigeverhalten aus, heisst es in einem Bericht des Bundes­rats von 2013. Keinesfalls rate man jedoch explizit zu einer Anzeige, betont Therese Burri. Nur die Betroffenen selbst könnten entscheiden, ob sie sich dem aussetzen wollen. Wer sich für eine Anzeige entscheide, tue dies zum einen, um für sich selber einzustehen, anderen gehe es darum, weitere potenzielle Opfer zu schützen, so Burri. Allen gemeinsam sei jedoch, dass sie Gerechtigkeit und damit die Bestrafung des Täters wollten. Die Wahrscheinlichkeit, dass es dazu kommt, ist indes gering. Verfahren wegen Sexualdelikten werden mangels Beweisen oft eingestellt oder die Beschul­digten vom Gericht freige­sprochen. In der Opferberatung weist man die Betroffenen frühzeitig darauf hin, dass sie damit rechnen müssen.

Zu wenig opferfreundlich

In manchen Fällen sind es jedoch die Opfer selbst, die nicht mehr mitspielen. Die meisten Sexualstraftaten sind zwar Offizialdelikte, was bedeutet, dass die Behörden ermitteln müssen, sobald sie davon erfahren, mitunter auch ohne expli­zite Einwilligung des Opfers. Ist die betroffene Person aber nicht oder nicht mehr bereit, auszusagen, bleibe wegen des Zeugnisverweigerungsrechts meist nur die Einstellung des Ver­fahrens, erläutert Staatsanwalt Ulrich ­Weder. Ohne die Mitwirkung des Opfers fehle der ­Justiz vielfach die Grundlage, um das Verfahren weiterzuführen.

Regula Schwager von der Beratungsstelle Castagna kritisiert jedoch die rechtliche Situation in der Schweiz als wenig opferfreundlich. Lückenhafte oder widersprüchliche Erinnerungen der Gewaltopfer würden von der Justiz allzu oft nicht als typische Folgen eines Traumas erkannt und zuungunsten der Opfer ausgelegt. Staatsanwalt Weder wider­spricht: Man sei sich des Aussageverhaltens der Opfer von Sexualdelikten sehr wohl bewusst, doch müsse die ­Justiz nebst dem Schutz des Opfers auch die Rechte des Beschuldigten gewährleisten. Dieses Spannungsfeld lasse sich nicht immer auflösen. Schliesslich gehe es auch darum, keine Unschuldigen zu verurteilen.

Unbestritten ist, dass es mehr An­zeigen gäbe, wäre die Zahl der Verurteilungen höher. Aus Sicht der Traumatherapie müsste man den Betroffenen zwar von einem Verfahren abraten, weil die stete Konfrontation mit dem Ereignis die Verarbeitung behindere, sagt Psychologin Schwager. Dennoch seien langfristig die Verarbeitungschancen besser, wenn das Opfer Anzeige erstatte, weil dies helfe, die eigene Ohnmacht zu überwinden. Vorausgesetzt, das Opfer geht mit realistischen Erwartungen daran und ist sich bewusst, dass der Täter allenfalls nicht zur Rechenschaft gezogen wird. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 22.02.2016, 07:08 Uhr

Keine Gegenüberstellung
mit dem Beschuldigten

Die Opferrechte sind in den letzten Jahren verbessert worden. Wer von einem Sexualdelikt betroffen ist, profitiert im Strafverfahren von einem besonderen Schutz. Ein Überblick.

Voraussetzung Jede Person, die durch eine Straftat in ihrer körperlichen, psychischen oder sexuellen Integrität unmittelbar beeinträchtig worden ist (Opferdefinition), sowie ihre nächsten Angehörigen haben Anrecht auf Hilfe.

Beratung Die Fachstellen der Opferhilfe bieten unentgeltliche Beratung und unterstützen Opfer bei der Wahrnehmung ihrer Rechte und Ansprüche. Sie helfen bei der Planung weiterer Schritte und vermitteln Fachpersonen (Therapeuten, Anwältinnen etc.). Die Betroffenen können die Beratungsstelle frei wählen, in allen Kantonen gibt es mindestens eine Opferhilfestelle. Auf die Beratung haben
Opfer auch dann Anspruch, wenn sie das Delikt bei der Polizei nicht anzeigen. In diesem Fall klärt die Opferhilfestelle, ob die Voraussetzungen erfüllt sind (siehe Definition Opfer).

Finanzielle Hilfe Benötigt jemand Unterstützung von Drittpersonen (Anwältin, Therapeut), so leistet die Opferhilfe einen Beitrag an die Kosten. Voraussetzung ist jedoch, dass die jährlichen Einkünfte der betroffenen Person eine bestimmte Grenze nicht überschreiten. Dasselbe gilt für Entschädigungen, die den Schaden decken sollen, den Opfer als Folge der Straftat erlitten haben.

Schmerzensgeld Wer durch die Straftat besonders schwer beeinträchtigt wird, kann eine Genugtuung beantragen. Das Maximum von 70‘000 Franken wird nur in ausserordentlich schweren Fällen gewährt. Der Anspruch auf Schmerzensgeld besteht unabhängig von der persönlichen finanziellen Situation. Es spielt auch keine Rolle, ob das Opfer gleichzeitig vom Täter eine Genugtuung erhält.

Schutz im Strafverfahren Zu allen Verfahrenshandlungen, zum Beispiel bei der Einvernahme durch die Polizei, dürfen sich Opfer von Straftaten nicht nur von einer Anwältin sondern auch von einer Vertrauensperson begleiten lassen. Für Opfer von Sexualdelikten gibt es einen zusätzlichen Schutz. Sie können verlangen, von einer Person gleichen Geschlechts einvernommen zu werden und dürfen Aussagen zur Intimsphäre verweigern. Es darf auch nicht gegen ihren Willen zu einer Gegenüberstellung mit der beschuldigten Person kommen.

Informationsrechte Gemäss Strafprozessordnung sind Polizei und Staatsanwaltschaft verpflichtet, das Opfer über die Angebote der Opferhilfe und die entsprechenden Fachstellen zu informieren. Auf Wunsch stellen die Behörden auch den Kontakt zwischen Beratungsstelle und Opfer her.

Anwaltskosten Wer nur über beschränkte Eigenmittel verfügt, kann einen Beitrag an die Anwaltskosten geltend machen (siehe finanzielle Hilfe). Eine vollkommene Befreiung von Anwalts- und Verfahrenskosten gibt es hingegen nur, wenn sich das Opfer als Zivilklägerin am Strafverfahren beteiligt. Die finanziellen Voraussetzungen für die unentgeltliche Prozessführung sind grosszügiger als in einem Zivilverfahren.

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