Wer viel verdient, pendelt weiter

Mobility-Pricing sei sozial ungerecht, sagen Kritiker. Doch Gutverdiener müssten mehr als Tieflohnbezüger bezahlen – weil sie im Durchschnitt weiter pendeln.

Pendeln soll in der Schweiz teurer werden: Passagiere in einem SBB-Zug. Foto: Gaëtan Bally (Keystone)

Pendeln soll in der Schweiz teurer werden: Passagiere in einem SBB-Zug. Foto: Gaëtan Bally (Keystone)

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Sie stellen die Mehrheit der Pendler: Büezer, die ausserhalb ihrer Wohngemeinde arbeiten. Wird nun, wie vom Bundesrat angedacht, das Fahren zu Spitzenzeiten auf beliebten Strecken teurer, trifft es diese Menschen mit kleinem Lohn besonders stark. So erzählt, treffen die Kritiker von Mobility-Pricing ins Schwarze. Die SVP bezeichnet dieses verkehrspolitische Instrument, das der Bundesrat auszutesten erwägt, als «mittelalterlich anmutende Strassenzölle», das Mobilität zum «Luxusgut» mache. Die Jungsozialisten warnen vor wachsenden Klassenunterschieden.

Doch dieses Bild ist veraltet. Es stammt aus dem Jahr 1910. In zeitgenössischen Veröffentlichungen war die Rede von «Pendelwanderungen», die vorab die «ökonomisch schwächere Klasse» beträfen. Die damalige Situation unterscheidet sich «deutlich» von heute, wie das Bundesamt für Statistik (BFS) in seinem jüngst veröffentlichten Bericht zur «Pendlermobilität in der Schweiz 2014» schreibt. 3,9 Millionen Menschen in der Schweiz sind 2014 zur Arbeit gependelt, 70 Prozent von ihnen ausserhalb ihrer Wohngemeinde. Weitere 800'000 haben dies zu Ausbildungszwecken getan. Damit sind mehr als die Hälfte der Bevölkerung Pendler. Ein Arbeitsweg war 2014 durchschnittlich 14,5 Kilometer lang – 1,6 Kilometer mehr als 2000.

Die Statistiker haben das Verhalten der Pendler unter weiteren Aspekten beleuchtet. Ein Fazit, das vor dem Hintergrund der politischen Debatte um Mobility-Pricing pikant anmutet: Mit dem Ausbildungsstand nimmt die Länge des Arbeitswegs zu. So haben Personen mit einem höheren Bildungsabschluss, etwa Hochschule oder höhere Fachschule, 2014 für einen Arbeitsweg 17,2 Kilometer zurückgelegt – 62 Prozent mehr als Personen ohne nachobligatorische Ausbildung. Experten erklären diese Unterschiede mit verschiedenen Anreizen: Wem eine Anstellung mit höherem Lohn winke, der sei bereit, dafür weiter zu pendeln, sagt Timo Ohnmacht, Verkehrssoziologe an der Hochschule Luzern.

40 Prozent Freizeitverkehr

Illustrieren lässt sich der Zusammenhang auch anhand der Fernpendler, jener rund 122'000 Arbeitnehmer, die pro Arbeitsweg mehr als 50 Kilometer zurücklegen. Während zu dieser Gruppe 7 Prozent aller Pendler mit einem höheren Bildungsabschluss zählen, sind es bei den Arbeitnehmern mit beruflicher Grundausbildung 3 Prozent, bei den Personen ohne nachobligatorische Ausbildung 2 Prozent. Menschen mit hohem Bildungsgrad sind also vergleichsweise mobil und wären daher von Mobility-Pricing in absoluten Beträgen gerechnet stärker betroffen als Büezer.

Relativ betrachtet ergäbe sich jedoch ein anderes Bild: Menschen mit höherem Bildungsabschluss verdienen in der Regel vergleichsweise gut, teurere Mobilität können sie sich also besser leisten als Büezer. Hinzu kommt: Menschen, die in Tieflohnbranchen mit Schichteinsätzen arbeiten, können ihre Arbeitszeiten in der Regel nicht flexibel gestalten; somit können sie ihre Fahrzeiten und den Mobilitätspreis nicht beeinflussen. Allerdings dürfen auch längst nicht alle Menschen mit hohem Bildungsgrad selber bestimmen, wann sie ihr Tageswerk beginnen, etwa Lehrer oder Spitalärzte.

Zwei weitere Faktoren stehen den Befürchtungen der Mobility-Pricing-Gegner gegenüber. Erstens: Die Ausgaben für den Verkehr sind in den Schweizer Haushalten nicht der grösste Budgetposten. An der Spitze rangieren vielmehr Wohnen und Energie (15,1 Prozent der Ausgaben), gefolgt von den Steuern (11,7 Prozent) und den Sozialversicherungsbeiträgen (10 Prozent). Der Verkehr (7,8 Prozent) rangiert auf Platz 4.

Zudem gehen die Schweizer nicht nur für die Arbeit weite Wege. 40 Prozent der Distanzen werden zu Freizeitzwecken zurückgelegt. Das sind zwar 10 Prozentpunkte weniger als 1994, aber immer noch fast die Hälfte aller Fahrten liegen fernab jener Zwänge, denen die Berufspendler unterliegen.

Erstellt: 05.07.2016, 21:55 Uhr

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