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Winter der Verunsicherung

Ein dystopischer Hauch von «1984» umwehte nach Trumps Wahl die westliche Welt. Doch nun ist wieder Frühling!

Es schien, als hätte die dunkle Seite der Macht in den kalten und nebligen Herbsttagen des letzten Jahres tatsächlich die Oberhand gewonnen. «Starke Männer» mit Führerwillen entwickelten auf einmal wieder einen unwiderstehlichen Sog. Rationale Erkenntnisse verloren vor unseren Augen scheinbar all ihre Kraft. Gegen Fake-News, gefühlte Wahrheiten und «Cambridge Analytica» schienen sie nicht mehr anzukommen. Die Zivilgesellschaft war drauf und dran, sich in Filterblasen aufzulösen, in denen sich alle nur noch selber bespiegeln. Umso eifriger bestellten Hasskommentatoren das Feld, welches von den Populisten bloss noch geerntet werden musste. Ein dystopischer Hauch von «1984» und «Brave New World» umwehte nach der historischen Wahlnacht vom 8. November 2016 die westliche Welt. Ich gebe es zu, auch mich verfolgte Donald Trumps grinsendes Antlitz bis in meine (Alb-)Träume hinein.

Nun ist wieder Frühling. Nicht nur die bleierne Kälte und der Nebel haben sich verzogen, auch die westliche Zivilisation steht erstaunlich fest auf ihrem Fundament. In Amerika lassen starke Institutionen den Präsidenten vor unseren Augen zu jenem Hochstapler schrumpfen, der er eigentlich immer schon war. Im westlichen Europa halten die Wählenden den Rechts­populismus ganz alleine in Schach.

Kollektives Versagen der Prognostiker

Wohl erst mit zeitlicher Distanz werden die grossen, dunklen und durchaus treffenden Schlagworte der vergangenen Monate ihre wahren Proportionen finden. Bereits heute lassen sich jedoch die Konturen eines Winters der Verunsicherung erkennen. Es sind ihm zwei bemerkenswert ähnlich gestrickte Grossereignisse vorangegangen: erst der Brexit und dann die Wahl von Donald Trump. In beiden Fällen verhallten die eindringlich vorgebrachten Argumente des Establishments ungehört von der «einfachen» Bevölkerung.

Als besonders beschämend erwies sich jedoch beide Male das kollektive Versagen der Einschätzungen der Gebildeten und der Vorhersagen der Prognostiker. Ausgerechnet jene, die am überzeugtesten die Wissenschafts- und Wahrheitsfeindlichkeit der Populisten anprangerten, erwiesen sich als besonders ahnungslos im Erfassen dessen, was da in der Gesellschaft gerade vor sich ging. Nicht zuletzt weil sich viele kluge, vorausschauende Menschen bis auf die Knochen blamierten oder zumindest auf dem falschen Fuss erwischen liessen, entfachte die Combo von Brexit und Trump-Wahl ihre einzigartige psychologische Kraft.

Was in solchen Situationen jeweils passiert, kennen wir in der Schweiz eigentlich nur zu gut. So etwa von 2003, als die SVP entgegen der Expertenmeinung ein weiteres Mal kräftig zulegte und alle Dämme zu brechen schien. Christoph Blochers Wahl in den Bundesrat wurde so zur Unausweichlichkeit, und der Griff nach der Mehrheit durch die Rechtspartei war plötzlich nur noch eine Frage der Zeit.

Auch als 2009 trotz eindringlicher Warnungen und anders lautender Umfrageergebnisse die Minarettverbotsinitiative klar angenommen wurde, gab es kein Halten mehr. Die Diktatur der Mehrheit bis hin zur Einführung der Todesstrafe wurde auf den Meinungs- und Analyseseiten zum ganz realen (Horror-)Szenario.

Das alte selbstgefällige Muster

Es scheint ein wiederkehrendes Muster zu sein: Erst wollen wir nicht wahrhaben, was nicht wahr sein darf. Wenn es dann trotzdem eintrifft, erscheint plötzlich all das real, was eigentlich nicht sein dürfte. Aus argloser Selbstgewissheit wird Panik vor den am Tor rüttelnden Barbaren. Geht die Welt dann doch nicht unter, kippt alles wieder zurück ins alte selbstgefällige Muster.

Wie besoffene Autofahrer neigen vor allem wir Experten und Expertinnen zum Übersteuern. Statt Kurs zu halten, legen wir eine Schlangen­linie auf die Strasse und liegen so mit unseren Zukunftserwartungen häufig zielsicher daneben. Wir gebärden uns als kühle Denker und Technokraten in Momenten, da zivilisatorische Errungenschaften tatsächlich herausgefordert und gefährdet sind. Wir werden zu Kulturpessimisten auch dann, wenn sich der Firnis der Zivilisation wieder einmal als stark und zäh statt als dünn und zerbrechlich zu erkennen gibt. Eines haben Brexit und Trump bereits eindrücklich gezeigt: Gefühlte Wahrheiten – ob helle oder dunkle – sind nicht das Privileg der Populisten.

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