«Wir sind weit vom harten Brexit entfernt»

Paul Drechsler, Präsident der Britischen Industriekammer, will der Schweiz abschauen, wie sie mit der EU Deals aushandelt.

Blick auf das Industriegebiet des britischen Middlesbrough. Foto: Dan Kitwood (Getty)

Blick auf das Industriegebiet des britischen Middlesbrough. Foto: Dan Kitwood (Getty)

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Wie oft werden Sie ausserhalb von Grossbritannien auf den Brexit angesprochen?
Ich war dieses Jahr zum ersten Mal beim WEF in Davos. Überall, wo ich hinkam, wurde über drei Themen gesprochen: die US-Präsidentschaftswahl; das Statement von Chinas Präsidenten für globalen Freihandel; und über den Brexit.

Und beim Thema Brexit war dann Ihre Meinung gefragt.
Es ging nicht darum, was Grossbritannien von der Welt will, sondern was die Welt über Grossbritannien denkt.

Und was denkt die Welt über den Brexit?
Wir sind auf einer Reise. Viele europäische Staaten sind über den britischen Beschluss verständlicherweise unglücklich, verärgert oder enttäuscht. Es gibt aber auch solche, die sich damit abfinden. In Grossbritannien haben wir die Schock- und Kummerphase hinter uns. Jetzt geht es darum, vorwärtszugehen.

Das heisst?
Unsere oberste Priorität muss sein, auf unsere europäischen Partner zuzugehen. Wir brauchen ein starkes Europa. Wir brauchen Europa, um selbst stark zu sein. Wir exportieren 45 Prozent unserer Güter nach Europa.

Premierministerin Theresa May will aber einen harten Brexit. Sie scheint mehr Interesse am Freihandel mit Indien, China und den USA als am EU-Binnenmarkt zu haben.
Glauben Sie mir: Wir sind noch weit von einem harten Brexit entfernt. Eine totale Abkehr von der EU kann keine Option sein. Im März wird Grossbritannien Artikel 50 des EU-Vertrags anwenden, um aus der Union auszutreten. Danach sollte man den Referenzrahmen für die Austrittsverhandlungen definieren. Sollte, denn es wird erst mal Chaos herrschen. Sechs bis neun Monate lang wird erst mal gar nichts passieren.

Chaos. Warum?
Chaos ist vielleicht der falsche Ausdruck. Sprechen wir besser von politischem Theater. In Deutschland und Frankreich finden Wahlen statt, in jenen Staaten also, die auf den EU-Austritt Grossbritanniens den grössten Einfluss haben. Politiker werden viel Lärm machen und grosse Reden halten. Die wichtigsten Staaten werden also keine echte Führerschaft bieten, und damit wird es auch keine signifikanten Fortschritte beim Lösen der Probleme rund um den Brexit geben. Ich stelle mich auf eine lange dauernde Ungewissheit ein.

Was bedeutet dies für die Wirtschaft?
Die Unternehmen müssen sagen, was wir wollen. Je lauter und geeinter wir das tun, desto mehr werden wir gehört. Wenn wir ein Vakuum kreieren, dient das den Politikern.

Geeint scheint die Britische ­Industriekammer doch heute schon: 80 Prozent ihrer Mitglieder waren gegen den Brexit, 15 Prozent hatten keine Meinung, und nur 5 Prozent waren für einen ­EU-Austritt.
Und trotzdem ist meine Botschaft an die Unternehmer: «Jeder Einzelne muss sich klar werden, was er will.» Das oberste Ziel der Industriekammer ist es, mit Europa, der Schweiz und dem Rest der Welt weiterhin einfachen, schrankenlosen Handel zu betreiben. Wir wollen von den heute 53 EU-Handelsverträgen weiterhin profitieren.

Mit einem harten Brexit wird das schwierig, ja unmöglich.
Absolut. Wir Wirtschaftsvertreter sagen, was für uns wichtig ist. Die Politiker müssen sich dann klar darüber werden, was für die Nation das Beste ist. Für das bestmögliche Resultat braucht es Pragmatismus und Kompromisse von beiden Seiten. Die Schweiz hat ja seit der Annahme der Masseneinwanderungsinitiative mit Pragmatismus gute Erfahrung gemacht. Daran können wir uns orientieren, denn auch unser Ziel ist weiterhin, in unserer hochkompetitiven Wirtschaftswelt die besten Talente zu engagieren, egal woher sie kommen.

Denken Sie auch an ein ­Freihandelsabkommen zwischen der Schweiz und Grossbritannien?
Die Schweiz ist unser zehntwichtigster Handelspartner. Wir haben rund 2000 Schweizer Firmen in Grossbritannien, die 200 000 Angestellte beschäftigen. Ein Handelsabkommen wäre sicher wünschenswert, aber zuerst müssen wir unsere Beziehung zur EU regeln. Und wenn das geschafft ist, müssen wir eine längere Übergangsphase haben.

Sie wollen mit der EU möglichst schrankenlosen Handel. Dafür müssten Sie in der Zollunion verbleiben. Tun Sie das, können Sie mit der Schweiz und anderen Staaten aber keine Freihandelsabkommen abschliessen. Sehen Sie einen Weg aus dieser Sackgasse?
Sähe ich einen, wäre ich heute nicht in Genf. Das sind die grössten wirtschaftspolitischen Verhandlungen seit dem Ende der Sowjetunion. Wir arbeiten seit Jahrzehnten mit Verträgen, Abkommen und Regelungen, die wir nun alle ändern. Je näher die Leute das betrachten, desto komplizierter wirds. Aber wir sehen: Die Schweiz hat die beste aller möglichen Beziehungen mit der EU. Von ihr kann Grossbritannien einiges lernen.

Uns fällt im Gegenzug auf, wie stabil die britische Ökonomie nach dem Brexit geblieben ist.
Es gibt verschiedene Gründe dafür. Unsere Wirtschaft war stark, als die Brexit-Abstimmung stattfand. Danach waren wir also ein gesunder Patient. Dann hat Mark Carney als Chef der Bank of England einen hervorragenden Job gemacht. Er hat einen der grössten Schocks in der britischen Wirtschaftsgeschichte mit gezielten Interventionen brillant bewältigt. Natürlich hat man als fünftgrösste Wirtschaftsnation der Welt auch eine gewisse Belastbarkeit in Krisenzeiten. Ganz wichtig war aber: Die Unternehmer blieben trotz des Brexit optimistisch.

Erstellt: 12.02.2017, 18:54 Uhr

Britischer Industrievertreter

Der in Dublin geborene Paul Drechsler (60) ist VR-Präsident des Transport- und Logistikunternehmens Bibby Line Group und Präsident der britischen Industriekammer, die 190 000 Unternehmen vertritt. Auf Einladung der Britisch-Schweizerischen Handelskammer (BSCC) in Genf sprach er letzte Woche über den Brexit und künftige Wirtschaftsbeziehungen mit der Schweiz. (phr)

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