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«Wir überwinden auch die Militärdiktatur»

Die ägyptische Autorin Mansura Eseddin demonstriert seit 2011 für Demokratie und Freiheit. Der Traum der Revolution hat sich jüngst in einen Albtraum verwandelt.

«Mit al-Sisi ist alles schlimmer als zuvor. Demokratie und Menschenrechte liegen am Boden», sagt Mansura Eseddin, hier bei ihrem ersten Besuch in Zürich. Foto: Reto Oeschger
«Mit al-Sisi ist alles schlimmer als zuvor. Demokratie und Menschenrechte liegen am Boden», sagt Mansura Eseddin, hier bei ihrem ersten Besuch in Zürich. Foto: Reto Oeschger

Was bedeutet der Flugzeugabsturz über dem Sinai für die ägyptische Regierung?

Noch ist die Situation unübersichtlich. Vielleicht wird die Ursache nie genau geklärt werden, zumindest nicht öffentlich. Die These vom Bombenangriff – die durchaus richtig sein könnte – hat jedenfalls zwei Seiten: Sie ist für die Regierung einerseits eine grosse Niederlage; man hat beim lautstark propagierten Ziel der Terrorbekämpfung versagt. Andererseits schürt sie die Angst vor dem Terrorismus, und unter dem Deckmantel der Terrorbekämpfung betreibt die Regierung eben ihre undemokratische Machtpolitik. Und ein grosser, verunsicherter Teil der Bevölkerung stützt sie darin.

Sie selbst demonstrierten 2011 für Demokratie und Freiheit.

Mich hat die Revolution politisiert und aus der Schriftstellerklause herausgeholt. Sie war wie ein unerwarteter Traum! Nie hatte ich geglaubt, dass es dazu kommen würde. 2011 war meine Tochter neun Jahre alt, und ich wollte dafür kämpfen, dass sie in einer demokratischen und liberalen Gesellschaft aufwachsen kann. Es war schlimm, als Mohammed Mursi 2012 Staatspräsident wurde. Ich wurde damals ungeplant zum zweiten Mal schwanger und fühlte mich sehr schuldig, ein Kind in eine so unsichere Welt, in ein so erschüttertes Land hineinzugebären. Irgendwie war es ein Segen, dass Komplikationen während der Schwangerschaft mich dann dazu zwangen, daheimzubleiben und mich aufs Literarische zu konzentrieren. Aber ganz egoistisch betrachtet: Mein Söhnchen Karim entpuppte sich als grösste Freude, als Trost und Hoffnung für die Zukunft. Wir werden, irgendwann, auch die Militärdiktatur überwinden.

Wie schätzen Sie die Lage heute ein?

Der Traum der Revolution verwandelte sich bald in einen Albtraum, erst mit Mursi, dann mit Abdel Fattah al-Sisi. Jetzt ist alles schlimmer als zuvor. Demokratie, Menschenrechte, sie liegen am Boden, und Kairos Strassen sind ein gefährliches Pflaster für Frauen: So sollen die Aktivistinnen wohl für ihre Emanzipationsversuche bestraft werden. Für mich hat Sisi die zweite Konterrevolution angeführt, die Muslimbruderschaft die erste.

«Demokratie und Menschenrechte liegen in Ägypten am Boden. Kairos Strassen sind ein gefährliches Pflaster.»

Hatten Sie sich von Sisis ­Eingreifen mehr versprochen, so wie das 2013 viele taten?

Ich nahm an Demonstrationen gegen die Muslimbruderschaft teil, wie alle, die sich für die Demokratie in Ägypten stark­machten. Aber ich bekam schon damals ein mulmiges Gefühl; den Militärputsch fand ich nicht beruhigend. Als Mohammed al-Baradei im Sommer 2013 nach ein paar Wochen als Vizepräsident zurücktrat, wusste ich: Das kann nicht gut gehen. Aber im Moment sind die Menschen so verängstigt, dass sie sich an Sisis scheinbar starken Arm klammern.

Woher die grosse Angst?

Mohammed Mursi hatte zum Jihad in ­Syrien aufgerufen – das war eine Katastrophe! Angesichts des religiösen Fanatismus sahen sich alle auch nur halbwegs liberaleren Menschen bedroht, und die Armee wirkte wie ein Erlöser. Ich kann das nachvollziehen, setze aber darauf, dass der Sinn für die Demokratie wieder erwachen wird.

Wie kann man das erreichen?

Wir müssen unsere Allianzen neu formieren. Die Leute glauben nicht mehr daran, dass die Revolution Veränderung und Befreiung bringt. Der Slogan der Revolution lautete «Brot, Freiheit, soziale Gerechtigkeit». Brot stand an erster Stelle – aber nichts davon wurde Wirklichkeit. Die Menschen müssen also erst wieder Vertrauen in den Aufbruch fassen. Zurzeit fürchten sie, dass Ägypten bei Sisis Sturz das Schicksal des Irak oder Syriens erleiden könnte – und halten deshalb unter dem Diktator aus. Für mich sind radikale Islamisten und Diktatoren zwei Seiten derselben Münze: Assad überlebt wegen des IS.

Wieso nimmt Ägypten nicht mehr Flüchtlinge aus Syrien auf?

Das ist wirklich tragisch: Die Syrer haben 2003, bei der Invasion im Irak, so viele Flüchtlinge beherbergt, denn sie glaubten an die arabische Union. Aber jetzt lässt man sie hängen: Ägypten hat Angst, dass mit den Flüchtlingen auch IS-Terroristen kommen. Ich wünschte mir, dass mein Land mehr Syrer aufnimmt und hilft. Aber wenn man in einer Diktatur lebt, hat man nichts zu sagen.

Dachten Sie je ans Auswandern?

Ja, immer wieder. Doch meine Kinder fühlen sich wohl in ihrer Heimat. Wenn sie allerdings bedroht wären oder meine Freiheit als Schriftstellerin ernsthaft beschnitten würde, müsste ich diese Option in Betracht ziehen.

Wie sieht die Zensur heute aus?

Es ist kompliziert. Jedes Werk darf publiziert werden – es muss sich nur ein mutiger Verleger finden; zum Glück gibts von diesen eine Menge in Ägypten. Wenn ein Buch erst publiziert ist, kann jeder Leser, der sich beleidigt fühlt, es wegen Verletzung der religiösen Gefühle, der Moral oder der Ehre des ägyptischen Volks vor den Kadi bringen. Der Ausgang bei solchen Verfahren ist offen, eine Verurteilung jedoch nicht häufig.

Hatten Sie Schwierigkeiten mit der Zensur?

In meinen Texten gab es auch schon Passagen, von denen sich Leser verletzt fühlten, die Texte wurden jedoch nicht verboten. Der Ruf nach Zensur hat weniger mit dem aktuellen Regime zu tun als mit der ägyptischen Gesellschaft, wo bestimmte Tabus tief verwurzelt sind. Wenn uns der Verlauf der Revolution eins zeigte, dann, wie heterogen die ägyptische Gesellschaft ist. Sie muss lernen, damit umzugehen.

Schreiben Sie mit Schere im Kopf?

Da ich schwer einschätzen kann, wer sich durch was verletzt fühlt, bin ich recht frei beim Schreiben. Manchmal denke ich daran, wie meine religiöse Familie, zum Beispiel meine fromme und konservative ältere Schwester, reagieren würde. Ich versuche aber, solche Sorgen beiseitezuschieben und nur meinen ­literarischen Ansprüchen treu zu sein.

«Als Bürgerin ist mir die Gleichberechtigung ein wichtiges Anliegen.»

Sie wuchsen auf dem Land auf, trugen Kopftuch, folgten den Erwartungen Ihrer Familie. Heute leben Sie als politisch engagierte Autorin in Kairo. Wie war Ihr Weg?

Bis ich zur Universität ging, trug ich den Hidschab. Mit zwölf Jahren – mein Vater, der mir sehr viel bedeutet hatte, war schon früh gestorben – schickte man mich in eine religiöse Schule. Sie hätte mir Halt geben sollen, aber ich fühlte mich eingekerkert. Es herrschte eine schwarze Pädagogik, man malte uns Höllenstrafen aus. Aber da war dieser eine Lehrer, der mir Bücher von Naghib Machfus gab. Das war meine Befreiung! Bald entdeckte ich die russischen Erzähler, dann wurde ich Camus-Fan. In meinem Zimmer hingen Poster von zwei Rebellen: James Dean und Albert Camus. Ich spürte, dass ich anders war – in der gleichgeschalteten Mubarak-Gesellschaft; in der religiösen Schule kam ich mir vor wie eine Lügnerin.

So flüchteten Sie in die Literatur?

Ja und nein. Mit 18 fing ich an zu schreiben, aber es war eher ein Spiel. Ich wählte deshalb die Fakultät für Kommunikation und Journalismus, weil es dieses Fach nur in Kairo gab – der eigentliche Plan war das Ingenieursstudium gewesen. Ich wollte raus aus den engen Verhältnissen. Als ich in Kairo das Kopftuch für immer ablegte, wurde meine ältere Schwester fuchsteufelswild. Mittlerweile aber toleriert jede die Lebensform und die Entscheidungen der anderen. An der Universität schrieb ich nebenher einfach weiter, zuerst nur für die Schublade. Später rutschte ich über Preise und kleine Publikationen in diese Existenz hinein, nach der ich mich zwar gesehnt, die ich mir aber nicht zugetraut hatte.

Sehen Sie sich als feministische Autorin?

Nein, für mich als Schriftstellerin zählen die literarischen Werte, und ich schätze solche Etiketten nicht. Doch als Bürgerin ist mir die Gleichberechtigung ein wichtiges Anliegen. Allerdings kann eine Frau in einer traditionellen Rolle ebenfalls ein starkes und glückliches Leben führen. Meine Grossmutter war keine sehr gebildete Frau und lebte traditionell. Aber sie hat mir mit ihren Mythenerzählungen –die oft in meine Texte einfliessen – die Freiheit der Fantasie geschenkt.

Ihre frühen Texte waren dunkle, fast schwarzromantische Erzählungen, und Ihre Romane sind keine politischen Texte, sondern zwischen Realität und Traum.

Da staunte erst auch die Kritik, die von einer arabischen Frau eher biedere Autobiografismen erwartet. Ich denke, dass Literatur, die direkt ein politisches Ziel verfolgt, künstlerisch oft Schwächen aufweist. Sie schrumpft zu Propaganda. Selbst Journalismus muss nicht zwingend knallhart Fakten rapportieren: Ich bewundere etwa Joan Didion, diese Königin des «New Journalism», die mit narrativen Techniken arbeitet. Und ich liebe Borges und Kafka, Poe und Cortázar – Schriftsteller, deren Kosmen das Unheimliche und Unerklärliche integrieren. Das Spannende beim Schreiben ist nicht, die Welt ungebrochen abzuschildern, sondern parallele Welten zu erfinden. Mein zweiter Roman, «Hinter dem Paradies», ist zwar mehr in der Wirklichkeit verankert als meine anderen Texte; ich schrieb das autobiografisch getönte Buch nach dem Tod meiner Mutter. Aber auch da verschmelzen Imaginationen mit der Realität, alles flirrt. Derzeit schreibe ich an einem experimentellen Roman, der in Prag spielt, eine Hommage an Kafka. Gute Literatur lässt das Fremdeste vertraut und das Vertrauteste fremd erscheinen.

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