Woher kommen die Normen?

Eine Leserfrage zu den Konventionen des Zusammenlebens.

Gesammelte Normen in ihrer materiellen Ausprägung: Installation des dänischen Künstlers Henrik Olesen, aufgenommen im Museum für Gegenwartskunst in Basel. Foto: Georgios Kefalas (Keystone)

Gesammelte Normen in ihrer materiellen Ausprägung: Installation des dänischen Künstlers Henrik Olesen, aufgenommen im Museum für Gegenwartskunst in Basel. Foto: Georgios Kefalas (Keystone)

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Wie und warum haben sich in der Menschheit Normen gebildet? Mit welchem Recht sanktioniert die Gesellschaft Abweichungen, obwohl sich Normen selbstständig wandeln?
S. B.

Lieber Herr B.

Beginnen wir mit dem Rechtssystem. Es setzt nicht nur Normen, sondern sanktioniert auch den Verstoss. Normen können willkürlich sein wie beim Rechtsverkehr. Wer im Rechtsverkehr links verkehrt, verkehrt verkehrt. Diese Norm ist nur durch sich selbst begründet. Man könnte sie jederzeit umkehren; ihrer Zweckmässigkeit würde das keinen Abbruch tun.

Anders beim Verbot zu töten. Eine Gesellschaft, die vom Links- auf Rechtsverkehr umstellt, ist ohne weiteres denkbar. Eine Gesellschaft aber, die das Tötungsverbot aus dem Strafgesetzbuch streicht und durch ein allgemeines Tötungsgebot ersetzt, wäre als Gesellschaft undenkbar. (So ähnlich argumentiert übrigens auch Kant in der Begründung des «kategorischen Imperativs».)

Dann gibt es Normen, bei denen es nicht um Strafen und Moral geht, sondern um eine statistische Verteilung von Messwerten: die Normalverteilung. Wenn Sie zum Beispiel die Körpergrösse einer zufällig gewählten Anzahl von Frauen messen und die Messdaten grafisch darstellen, erhalten Sie die berühmte Glockenkurve: eine hohe Wölbung in der Mitte, die zu den Rändern abflacht. Es gibt ein paar extreme Werte an den Rändern (für die auffällig kleinen oder grossen Frauen). 80Prozent der Frauen aber sind zwischen, sagen wir mal, 1,62 und 1,73 Meter gross.

Was zunächst wie eine reine (nicht normative) Beschreibung der Vielfalt von weiblicher Körpergrösse aussieht, hat aber auch eine normierende Komponente. Zum Beispiel eine arbeitsrechtliche: Stewardessen, Models und Polizistinnen müssen eine bestimmte Mindestgrösse haben. Die medizinische Forschung könnte Korrelationen zwischen Körpermassen und Organerkrankungen feststellen oder Diagnose-Kategorien wie Kleinwüchsigkeit oder pathologische Grosswüchsigkeit aufstellen.

Politisch ginge es um die Inklusion von Kleinwüchsigen in den Sportunterricht oder darum, ob die chirurgische Körperverlängerung eine Krankenkassenleistung sein soll. Ethikkommissionen wiederum hätten sich damit zu beschäftigen, ob eine Hormontherapie zur Beförderung des Körperwachstums bei Kindern erlaubt und ob beispielsweise eine zu erwartende starke Kleinwüchsigkeit eines Embryos eine Indikation für eine Abtreibung sein kann. Gesetzt den Fall, der Gesetzgeber würde dies bejahen, hätte das im Verlauf der Zeit auch wieder einen Einfluss auf die Normalverteilung der Körpergrösse der nächsten Generationen.

Sie sehen: Statistische und normative Normalität stehen in munterer Interaktion. Und die sorgt dafür, dass die Diskussion darüber, was «normal» ist (und was nicht) zuweilen recht heftig wird.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 12.09.2017, 18:24 Uhr

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