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Kanon der QuarantäneZitterpartie mit John Lee Hooker

Die Nervosität war gross, als die Aufnahmen für das Album «I’m John Lee Hooker» begannen. Entstanden ist trotzdem ein Blues-Meisterwerk.

Er war nicht als Teamplayer bekannt: Der Bluesmann John Lee Hooker.
Er war nicht als Teamplayer bekannt: Der Bluesmann John Lee Hooker.
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Als John Lee Hooker im August 1955 das Aufnahmestudio in Chicago betrat, begleiteten ihn ehrfürchtige Blicke. Der Bluessänger war bereits ein angesehener Mann in der Stadt. Einige seiner Singles hatten sich grossartig verkauft, zwei waren auf Platz 1 der amerikanischen R&B-Charts gelandet. Doch an diesem Tag sollte seine Karriere eine Wendung nehmen.

Er hatte kurz zuvor einen Vertrag beim späteren Beatles-Label Vee-Jay unterschrieben, welches ihm für die erste Aufnahme-Session eine Begleitband ins Studio bestellte. Doch es gab da ein kleines Problem, das die engagierten Musiker reichlich nervös machte: Die Blues-Legende John Lee Hooker war bis dahin nicht als Teamplayer aufgefallen – er hatte noch nie mit einer Band gespielt.

Dementsprechend ergaben sich während der ersten Aufnahmen gewisse Timing-Probleme. Hookers Rhythmusgefühl war ebenso einzigartig wie sein ganzer Stil. Er hackte auf seiner elektrischen Gitarre den Takt, Gitarrist Eddie Taylor, Bassist George Washington und Schlagzeuger Tom Whitehead versuchten, so gut es ging, zu folgen.

Im Verlauf des zweiten Aufnahmetermins 1956 waren sie bereits so weit, dass sie die rhythmischen Kaprizen des Meisters hervorsehen und antizipieren konnten. An diesem Tag wurde auch das Stück «Dimples» eingespielt, das Hookers erstes Vee-Jay-Album mit dem Namen «I’m John Lee Hooker» eröffnet. Es dauert zwei Minuten und neun Sekunden und ist die Essenz eines perfekten Popsongs, mitsamt Hookline, treibendem, simplem Beat, einer sich ins Ohr wurmenden Melodie, in welcher eine Dame mit Grübchen um die Mundpartie angehimmelt wird. «I’m John Lee Hooker» war eine Art elektronisch eingespieltes Best-of-Album des Musikers und es ist von anbetungswürdiger Klasse.

Wer herausfinden will, welch cooler Hund dieser John Lee Hooker war, der soll sich die Songs «Hobo Blues», «Boogie Children» oder «Crawlin’ King Snake» auf diesem Werk zu Gemüte führen, in welchen er sich dann doch ohne Band, einzig von seiner Gitarre, und einem an die Schuhsohle geklebten Kronkorken begleiten lässt. Und dann ist da diese Stimme, wundersam zwischen Beseeltheit und Stoizismus oszillierend, eine Stimme und ein Sound, welche nicht nur die Blues- und Soul-, sondern die ganze Popgeschichte mitprägen sollte.

John Lee Hooker: «I’m John Lee Hooker» (Vee-Jay / EMI)