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Gastkommentar zur zweiten WelleZu den unmenschlichen Massnahmen in Heimen darf es nicht mehr kommen

Die totale Isolierung von Menschen in Altersheimen und anderen Langzeitinstitutionen ist unethisch und unverhältnismässig. Die Kantone müssen handeln.

Einsam im Heim: Die Besuchs- und Ausgehverbote während der ersten Welle waren unethisch und unangemessen,.
Einsam im Heim: Die Besuchs- und Ausgehverbote während der ersten Welle waren unethisch und unangemessen,.
Foto: Franziska Rothenbühler

Im letzten Frühling waren in der Schweiz rund 130‘000 Menschen in Langzeitinstitutionen eingesperrt, während zweieinhalb Monaten oder mehr. Um das Coronavirus fernzuhalten, erlaubten Heime auch keine Besuche. Grundlage für diese Massnahmen waren «Empfehlungen» der kantonalen Behörden, gestützt auf das Epidemiegesetz.

Organisationen, die sich eigentlich für die Rechte der Heimbewohnerinnen und -bewohner hätten einsetzen müssen, liessen sich damals vernehmen. Niemand wehrte sich gegen die mitunter unmenschlichen Szenen, die sich hinter verschlossenen Türen abspielten. Die Betroffenen waren sich selber überlassen.

Der Aufruf von über 100 Ethikern fand wenig Echo.

Besonders gelitten haben Heimbewohner, die bis zum Ausbruch der Pandemie ein relativ autonomes Leben geführt hatten, oder Menschen, die kognitiv nicht in der Lage sind, Massnahmen zu verstehen, meist wegen einer demenziellen Erkrankung.

Der Deutsche Ethikrat brachte am letzten Freitag eine ganze Reihe von Empfehlungen vor, die ein Mindestmass an sozialen Kontakten in Langzeitinstitutionen umfassen. In der Schweiz betonte die Nationale Ethikkommission bereits Anfang Mai den Schutz der Grund- und Persönlichkeitsrechte der Bewohner in Langzeitinstitutionen und forderte dazu auf, das Besuchsverbot aufzuheben. Sie empfahl unter anderem, Angehörige in die Betreuung und Pflege einzubeziehen.

Der Ruf fand wenig Echo, wie auch ein Appell von über 100 Ethikern, der in der «Schweizerischen Ärztezeitung» publiziert wurde. Er machte auf die körperlichen und psychischen Folgen der Isolation aufmerksam und auf den damit einhergehenden Verlust an Lebensqualität.

Ausser grossem Leid haben die Massnahmen nicht viel gebracht: Über die Hälfte der Todesfälle wurden in Heimen verzeichnet.

Heute lässt sich sagen: Die einschneidenden Massnahmen der Langzeitinstitutionen waren nicht nur unethisch, sondern auch unverhältnismässig. Sie wurden nicht rechtzeitig überprüft und weit über die Zeit des ersten Schocks hinaus angewendet. Ausser grossem Leid haben sie auch nicht viel gebracht: Die Hälfte der Todesfälle während der ersten Welle wurde in Alters- und Pflegeheimen verzeichnet: Die Hauptgefahr für Heimbewohner ist und bleibt das Personal.

Während der zweiten Welle praktizieren immer noch einige Kantone generelle Schliessungen, beispielsweise der Kanton Wallis. Auch im Kanton Tessin ist Isolation im Zimmer ohne Besuche noch immer an der Tagesordnung.

In den meisten Kantonen variiert die Situation, je nach Gusto der Heimleitung: Abteilungen, die unter Quarantäne stehen, dürfen unter bestimmten Bedingungen aufgesucht werden – oder auch nicht. Manche Heime rüsten Angehörige mit Schutzmaterial aus. Auf Voranmeldung dürfen sie ihre Liebsten während einer halben Stunde in deren Zimmer besuchen. Es erreichen mich in den letzten Wochen aber auch wieder verzweifelte Hilferufe von Angehörigen, die völlig abgeschnitten sind von jenen, die ihnen eigentlich am nächsten sein sollten.

Die einen Heimleitungen scheinen also etwas gelernt zu haben, andere nicht. Es liegt nun an den kantonalen Aufsichtsbehörden, Grundsätze verbindlich festzulegen und die Grundrechte der Bewohner aller Heime zu schützen. Etwa das Recht und die Organisation von einem persönlichen Kontakt pro Person, auch während eines Ausbruchs von Covid-19.

Die Heime sollten zudem kostenlos Schnelltests für das Personal erhalten, allenfalls auch für Besucher. Gemäss dem geltenden Recht sind sie zudem verpflichtet, sämtliche Massnahmen regelmässig auf ihre Verhältnismässigkeit zu überprüfen. Eigenmächtige und unverhältnismässige Verfügungen «bis auf weiteres», wie sie noch immer gang und gäbe sind, darf es nicht länger geben.

71 Kommentare
    Max Kuriger

    Das liest sich wie eine Anleitung zum Senizid.