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Super-RecognizerZürcher Polizei setzt auf Gesichtsprofis für Verbrecherjagd

Hochbegabte in Sachen Gesichtserkennung sollen in Stadt und Kanton bei der Verbrechensbekämpfung helfen. Ein Pilotprojekt zeigt aber: Ausnahmekönner sind selten.

Gesichtserkennung gilt als wichtiges Instrument der Fahndung. Polizisten gleichen Aufnahmen von
Überwachungskameras mit Bildern von Verdächtigen ab.
Gesichtserkennung gilt als wichtiges Instrument der Fahndung. Polizisten gleichen Aufnahmen von
Überwachungskameras mit Bildern von Verdächtigen ab.
Foto: Axel Heimken (Keystone)

In Zürich prüfen Stadt- und Kantonspolizei derzeit, wie sie künftig solche Gesichtserkennungspofis einsetzen können, um Verbrechen aufzuklären oder zu verhindern. Den Stein ins Rollen gebracht hat ein Winterthurer Stadtpolizist. Lorenz Wyss arbeitet seit sieben Jahren als Fahnder und hat vor kurzem eine Diplomarbeit über den Nutzen von Super-Recognizern verfasst. Auf das Thema ist er bei einer internationalen Taschendiebstahl-Konferenz gestossen. Wyss ist überzeugt, dass Gesichtsprofis die Aufklärungsquote bei ungeklärten Delikten erhöhen, Straftaten verhindern und fälschlich beschuldigte Personen entlasten könnten.

Die Londoner Polizei war laut Wyss 2015 die erste, die Super-Recognizer einsetzte. Nach einem Tötungsdelikt an einem 14-jährigen Mädchen sichtete eine Spezialeinheit etliche Stunden Videomaterial von Überwachungskameras. Auf einer Aufnahme entdeckten die Gesichtsprofis das spätere Mordopfer, das von einem Mann auf einem Velo verfolgt wurde. Beide Personen verschwanden darauf in einem Wald. Auf einer anderen Videoaufnahme erkannten sie denselben Mann, wie er in einem Laden Bier kaufte und anschliessend in den Wald zurückkehrte. So konnte der Täter ermittelt werden.

Super-Recognizer können Personen auch auf schlechten Aufnahmen und in Dunkelheit identifizieren, wie etwa auf einem solchen Bild einer Überwachungskamera in einer Berliner U-Bahn-Station.
Super-Recognizer können Personen auch auf schlechten Aufnahmen und in Dunkelheit identifizieren, wie etwa auf einem solchen Bild einer Überwachungskamera in einer Berliner U-Bahn-Station.
Foto: Getty Images

Auch in Deutschland gelang es der Polizei, mithilfe von Super-Recognizern Tatverdächtige aufzuspüren. Nach den sexuellen Übergriffen in der Silvesternacht 2015/16 in Köln identifizierten Spezialisten auf Videomaterial jene Frauen, die angegeben hatten, belästigt worden zu sein. Sie konnten deren Weg zurückverfolgen, bis die Opfer auf die Täter trafen.

Polizei sucht in den eigenen Reihen

Deshalb haben nun auch die Zürcher Kantonspolizei sowie die Stadtpolizeien von Zürich und Winterthur ein gemeinsames Pilotprojekt gestartet, begleitet von Forschern der Universität Freiburg. Marco Cortesi, Sprecher der Zürcher Stadtpolizei, sagt: «Unsere Fahnder mit ihrem Fotogedächtnis leisten zwar hervorragende Arbeit, aber ein Super-Recognizer wäre eine willkommene Ergänzung», sagt Cortesi.

Laut Kantonspolizei-Sprecher Marc Besson ist die Fähigkeit zur Gesichtserkennung in vielen Bereichen der Polizeiarbeit von Bedeutung. Mögliche Einsatzgebiete von Super-Recognizern listet die Fachzeitschrift «Police» in ihrer neuesten Ausgabe auf. Die Ausnahmetalente können Leute anhand von Ausweispapieren oder Fahndungsbildern identifizieren, ausgeschriebene Personen wiedererkennen oder bei Observationen eine Zielperson erfassen.

Die Stadtpolizei erhofft sich vom Pilotprojekt unter anderem, Super-Recognizer unter den eigenen Fahnderinnen und Fahndern ausfindig zu machen. Die Suche nach solchen Ausnahmetalenten ist allerdings anspruchsvoll und komplex. Noch sei man nicht fündig geworden, sagt Cortesi.

Würden Sie einen mutmasslichen Täter wiedererkennen? Ausschnitt aus einem Online-Gesichtserkennungs-Test der University of Greenwich, London.
Würden Sie einen mutmasslichen Täter wiedererkennen? Ausschnitt aus einem Online-Gesichtserkennungs-Test der University of Greenwich, London.
Foto: University of Greenwich

Angeboren, nur bedingt lernbar

Zu den führenden Forscherinnen im Bereich Gesichtserkennung gehört Meike Ramon, eine kognitive Neurowissenschaftlerin an der Universität Freiburg. Sie beschäftigt sich seit fünf Jahren mit dem Thema und arbeitet mit verschiedenen Polizeikorps zum Thema, nun auch mit der Zürcher Kantons- und Stadtpolizei. Als wissenschaftliche Beraterin des Landeskriminalamts Berlin entwickelt sie derzeit ein Testverfahren, um Super-Recognizer in den Reihen der Polizei ausfindig zu machen.

Meike Ramon forscht an der Universität Freiburg zum Thema Gesichtserkennung und arbeitet am Pilotprojekt der Zürcher Polizeikorps mit.
Meike Ramon forscht an der Universität Freiburg zum Thema Gesichtserkennung und arbeitet am Pilotprojekt der Zürcher Polizeikorps mit.
Foto: Christopher Kuhn

Worauf die Fähigkeit der Super-Recognizer beruht, ist laut Ramon noch weitgehend ungeklärt. Derzeit wisse man nicht, warum diese Personen Informationen in Gesichtern anders verarbeiten. Um dieser Frage auf den Grund zu gehen, hat sie vom Schweizerischen Nationalfonds Forschungsgelder erhalten.

«Wie die Wiedererkennungsfähigkeit von Super-Recognizern durch das Tragen von Masken beeinflusst wird, wissen wir noch nicht.»

Meike Ramon, Neurowissenschaftlerin

Nach den bisherigen Erkenntnissen ist die Fähigkeit, Gesichter zu verarbeiten, zu einem grossen Teil angeboren und nur bedingt trainierbar. Als gesichert gilt, dass sich Super-Recognizer im Vergleich zum Durchschnitt viel weniger von Äusserlichkeiten ablenken lassen, die für die Identität nicht von Belang sind. Eine neue Frisur etwa oder altersbedingte Veränderungen. Auch eine mangelhafte Fotoqualität bringt sie nicht aus dem Konzept.

Maskenpflicht als Erschwernis

Die Maskenpflicht wegen der Corona-Pandemie, die ab Donnerstag auch in Zürcher Läden gilt, stellt die Gesichtserkennung allerdings vor ganz neue Herausforderungen. Wie die Fähigkeiten von Super-Recognizern dadurch beeinflusst wird, ist laut Ramon nicht bekannt, da es keine Studien dazu gebe.

Der automatischen Gesichtserkennung sind Super-Recognizer derzeit noch überlegen, sagt die Forscherin. Die Entwicklungen im Bereich der künstlichen Intelligenz verliefen zwar rasant, aber bei der automatischen Gesichtserkennung gebe es viele potenzielle Fehlerquellen.

Worauf die Begabung von Leuten mit Super-Gesichtsgedächtnis beruht, ist nicht abschliessend geklärt – intensiv erforscht wird das Gebiet erst seit kurzem.
Worauf die Begabung von Leuten mit Super-Gesichtsgedächtnis beruht, ist nicht abschliessend geklärt – intensiv erforscht wird das Gebiet erst seit kurzem.
Foto: Getty Images

«Automatische Gesichtserkennung erfolgt via Algorithmen, die je nach Implementierung verschiedene Voraussetzungen haben.» So könnten viele Systeme ein Gesicht nur dann erkennen, wenn beide Augen, Nase und Mund sichtbar sind. Wird ein Gesicht als Profil dargestellt, versagen laut Ramon viele Algorithmen.

Kahlköpfige Männer mit Frauen verwechselt

Dass Gesichtserkennungssoftware fehleranfällig ist, zeigte sich jüngst bei einer Anlage in London, welche die Polizei während eines Grossanlasses installiert hatte. Dort wurden laut NZZ unter anderem kahlköpfige Männer mit Frauen verwechselt. Mühe bekunden automatische Erkennungssysteme teils auch, wenn ihnen Unerwartetes vor die Kamera kommt.

Ob Strafverfolgungsbehörden die Technologie überhaupt nutzen dürfen, ist zudem stark umstritten. Kritiker der Gesichtserkennungsprogramme weisen darauf hin, dass sie vor allem bei dunkelhäutigen Personen schlecht funktioniere und dadurch die Diskriminierung ethnischer Minderheiten fördere. Weiter warnen Kritiker vor unzulässigen Eingriffen in die Privatsphäre und – mit Blick auf China – vor dem Missbrauch für Massenüberwachung.

Stadt- und Kantonspolizei Zürich versichern, dass bei ihnen derzeit keine Gesichtserkennungssoftware zum Einsatz komme. Auch das System der automatisierten Passkontrolle am Flughafen beruht laut Kapo-Sprecher Marc Besson nicht auf derartiger Software.

Stattdessen ruhen die Hoffnungen auf dem Pilotprojekt mit Personen mit Super-Gesichtsgedächtnis. Wäre das nicht ein Job für Fahnder Lorenz Wyss? Er habe zwar durchaus Talent in Gesichtserkennung und deswegen schon etliche Fahndungserfolge erzielt, sagt er. «Aber nach einem Test an der Uni Freiburg weiss ich: Meine Fähigkeiten sind leider weit davon entfernt, aussergewöhnlich zu sein.»

Auf der Seite der University of Greenwich können Sie selber Ihr Talent in Sachen Gesichtserkennung testen.