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Enger Zeitplan für VeloroutenStadt muss bis 2021 fünf Kilometer bauen

70 Prozent des Zürcher Stimmvolks haben der Velorouteninitiative zugestimmt. Die Zielvorgaben der Initianten sind hoch.

SP-Gemeinderat Florian Utz (Mitte), der Initiant der Velorouteninitative, freut sich, dass seine Idee so viel Zuspruch gefunden hat. Nun erwarten er und Pro Velo-Geschäftsführerin Yvonne Ehrensperger (links) von der Stadt Taten.
SP-Gemeinderat Florian Utz (Mitte), der Initiant der Velorouteninitative, freut sich, dass seine Idee so viel Zuspruch gefunden hat. Nun erwarten er und Pro Velo-Geschäftsführerin Yvonne Ehrensperger (links) von der Stadt Taten.
Foto: Samuel Schalch

Die Stadtzürcher Bevölkerung ist bereit für radikale Lösungen zugunsten des Velos. Das hat sie am Abstimmungssonntag mit ihrer Zustimmung von über 70 Prozent zur SP-Volksinitiative «Sichere Velorouten» deutlich zum Ausdruck gebracht. Selbst die bürgerlichen Stimmkreise 1+2 sowie 7+8 haben der Vorlage, bis 2030 mindestens 50 Kilometer Veloschnellrouten auf Quartierstrassen umzusetzen, mit 68 beziehungsweise knapp 60 Prozent zugestimmt. Das wuchtigste Ja kam mit knapp 84 Prozent aber aus dem Wahlkreis 4+5.

Für SP-Gemeinderat Florian Utz – er hat die Idee des Velorouten-Netzes entworfen – ist das Resultat mehr als eine Bestätigung. Es entlockt dem sonst so kontrollierten 40-Jährigen bei der Feier des Initiativkomitees im Café Boy sogar ein Lachen. «Ich habe mich mit meiner Prognose wirklich vertan», sagt er. Gerechnet habe er mit rund 60 Prozent Zustimmung. Er hat aber dennoch gehofft, dass sein «etwas neuerer Ansatz» auch in den bürgerlichen Kreisen Gefallen findet. Optimistischer war Parteikollegin und Verkehrsexpertin Simone Brander. Sie hat mit 70 Prozent gerechnet. «Eine super Punktlandung.» Für Oliver Heimgartner, Co-Präsident der SP Stadt Zürich, ist das Resultat schlicht «unglaublich historisch für eine Volksinitiative».

«Wenn die Stadt will, dann kann sie das. Die Strassen sind gebaut. Nun muss sie nur noch handeln.»

Florian Utz, SP-Gemeinderat

Florian Utz, der Macher, blickt nach vorn. «Es ist ein klares Signal, dass die Stadt nun handeln muss, und zwar bald – ab Montag.» Es genüge nicht mehr, dass die Stadt einen Masterplan Velo konzipiere und dann innerhalb von acht Jahren nicht einmal zwei Handvoll Kilometer realisiere, bei Strassenbauprojekten die Velorouten sozusagen als Nebenspur verwirkliche. Die Stadt müsse nun mit Vollgas aufs Velo priorisieren. «Wenn die Stadt will, dann kann sie das. Die Strassen sind gebaut. Nun muss sie nur noch handeln.»

Die FDP, neben der SVP einzige Gegnerin der Initiative, sieht das klare Ja als Forderung der Bevölkerung nach mehr Veloinfrastruktur, die sie auch unterstützt. Sie hätte aber statt der vorgeschriebenen Mindestzahl von 50 Kilometern einen Ausbau nach Bedarf bevorzugt. Severin Pflüger, Präsident der Stadtpartei, will bei der Umsetzung darauf achten, dass die Anliegen des ÖV und der Fussgänger nicht zu kurz kommen. Und seine Partei werde nicht zulassen, dass die Stadt dieselben Fehler wie bei der Autoplanung mache, etwa beim Bau der Sihlhochstrasse. «Es dürfen keine schneisenartigen Velohighways mitten in der Stadt entstehen.»Bis Ende Jahr das Konzept

Quartierstrassen machen den Unterschied

Nach der Annahme des Volksbegehrens geben die Initianten der Stadt gleich den Zeitplan vor: Bis Ende dieses Jahres müsse ein Konzept vorliegen, auf welchen Quartierstrassen sie die Velorouten verwirklichen will. Bis Ende 2021 müssen mindestens fünf Kilometer gebaut sein – ginge es nach Utz, dürften es noch mehr sein. «Die ersten Kilometer sind ja die einfachsten!» Am Mittwoch reicht die SP zudem zwei Vorstösse mit der Forderung nach zwei Detailkonzepten ein. Eines für Lösungen an Knotenpunkten – etwa indirektes Linksabbiegen – und für Querungen, wie es etwa die Stadt Bern in der Veloplanung umsetze. Und ein weiteres für eine bessere Signalisation der Routen.

Auch Stadtpräsidentin Corine Mauch fährt auf dem Velo zur Siegesfeier der Velorouteninitianten ins Café Boy. Vorneweg GLP-Gemeinderat Sven Sobernheim und SP-Gemeinderat Marco Denoth.
Auch Stadtpräsidentin Corine Mauch fährt auf dem Velo zur Siegesfeier der Velorouteninitianten ins Café Boy. Vorneweg GLP-Gemeinderat Sven Sobernheim und SP-Gemeinderat Marco Denoth.
Foto: Samuel Schalch

Der Stadtrat ist sich der Pflicht bewusst. Tiefbauvorsteher Richard Wolff (AL) sagt anlässlich der Medienkonferenz: «Die Erwartungen sind gross.» Er beteuerte, die Stadt werde alles daransetzen, den Auftrag zu verwirklichen. Das Resultat verleihe der Stadt einen Schub und gebe dem Stadtrat Rückendeckung für seine Politik. Wolff sagt aber auch, dass es bezüglich des herausfordernden Zeitplans der Initianten auch Differenzen gegeben habe. Wolff gibt sich aber noch aus einem anderen Grund optimistisch. «Der grosse Unterschied zu früher ist, dass wir nun auf kommunalen Quartierstrassen planen können statt auf kantonalen Hauptstrassen.»

Eine Willkommenskultur schaffen

Erste Schritte zur Umsetzung hat die Verwaltung des Tiefbaudepartements bereits geplant. Konkret wird rund ein Kilometer der Baslerstrasse beim Letzigrund zur Veloschnellstrasse. Gegen diesen Projekt sind trotz der Aufhebung von 40 Parkplätzen keine Einsprachen eingegangen. Ab nächstem Jahr seien solche Veloschnellstrassen gemäss Bundesgesetz auch rechtlich wieder erlaubt. Einen ersten Versuch an der Scheuchzerstrasse, die in nächster Zukunft auch wieder zur Veloschnellstrasse werden dürfte, hat die Stadt 2017 gestoppt, weil die rechtlichen Grundlagen fehlten. Zwei weitere Veloschnellrouten dürften im Seefeld und in Affoltern entstehen. Diese Abschnitte haben der SP-Gemeinderat Marco Denoth und Sven Sobernheim (GLP) bereits 2017 in einem Vorstoss propagiert. Sobernheim sagt: «Bei allem Tatendrang darf die Stadt einfach den Netzgedanken nicht aus den Augen verlieren. Denn die Idee funktioniert nur, wenn sie durchgängig realisiert wird.» Darüber hinaus will die Verwaltung den Rechtsvortritt für Autos auf Quartierstrassen aufheben, vermehrt Tempo 30 einführen, die Signalisation verbessern und zur Sicherheit der Velofahrenden Parkplätze aufheben.

Die Initianten haben in erster Linie mit Velowimpeln für ihr Anliegen Werbung gemacht.
Die Initianten haben in erster Linie mit Velowimpeln für ihr Anliegen Werbung gemacht.
Foto: Samuel Schalch

Yvonne Ehrensperger, Geschäftsführerin von Pro Velo Kanton Zürich, sieht neben der konkreten Umsetzung aber auch noch ein weiteres Problem. «Man muss die Velofahrenden dazu bringen, dass sie lieber auf den Quartier- als auf den Hauptstrassen fahren und dafür einen Umweg in Kauf nehmen.» Dafür brauche es ein echtes Bekenntnis der Stadt zum Velo. «Eine Art Willkommenskultur fürs Velo.»

59 Kommentare
    Stefan Schneider

    Das heisst Wolff verzichtet jetzt auf seinen Versuch an der Bellerivestrasse? Der Auftrag ist ja klar.