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Zürich rechnet, zaudert, schweigt

Bei der Tonhalle Maag wie bei den Festspielen: Die Stadt stiehlt sich aus der Verantwortung.

MeinungSusanne Kübler
Die Tonhalle Maag im Zürcher Kreis 5 steht auf der Kippe. Foto: Doris Fanconi
Die Tonhalle Maag im Zürcher Kreis 5 steht auf der Kippe. Foto: Doris Fanconi

Zürich ist eine beneidenswerte Stadt. Reich, ruhig, sicher. Und in den besten Momenten trotzdem auch überraschend: Es ist eine Stadt, in der entgegen jeder Wahrscheinlichkeit eine Tonhalle Maag entstehen kann. Oder die ein Festspielprogramm ermöglicht wie jenes, das gestern vorgestellt wurde: voll von Zürcher Geschichten, von ungewöhnlichen Zusammenarbeiten zwischen den grossen Institutionen, von originellen Ideen der kulturellen Querdenker.

Aber ach, Zürich ist auch eine mutlose Stadt. Die Tonhalle Maag steht auf der Kippe, weil gerechnet und gezaudert wird, statt dass man eine Vision entwickelt. Und die Festspiele 2020 werden die letzten sein – obwohl sie nach einer zunächst eher verkopften Neuausrichtung nun wirklich in der Stadt angekommen sind.

Woran liegt das? Sicher nicht an den Protagonisten der Kulturszene, denen es weder an Ideen fehlt noch an der Energie, sie umzusetzen. Die Tonhalle-Gesellschaft hat die Tonhalle Maag fast im Alleingang finanziert, nicht nur fürs eigene Orchester, sondern für viele weitere Veranstalter – also für die Stadt. Und bei den Festspielen ist die Liste der Akteure seitenlang: So viele gibt es hier, die etwas bewirken wollen und können.

Was fehlt, ist ein Bekenntnis der Stadt zu alldem. Der Wille, Sorge zu tragen zu den Dingen, die hier entstanden sind. Und die Bereitschaft, Verantwortung dafür zu übernehmen. Die Argumente bezieht man aus Formfragen: Das Maag-Areal ist privat, heisst es dann, da können wir uns nicht ein­mischen. Oder: Die Kosten-Nutzen-Rechnung bei den Festspielen geht so nicht auf.

Das ist inhaltlich nicht falsch. Strategisch aber schon: weil man vor lauter Detailfragen die Hauptfrage vergisst, nämlich jene, wohin sich Zürich entwickeln soll. Und weil so irgendwann auch andere zu rechnen beginnen: 2,5 Millionen Franken ist die Tonhalle Maag nach den Abschreibungen noch wert, und es gibt mindestens zwei auswärtige Interessenten dafür. Wenn nicht bald etwas passiert, ist es also gut möglich, dass der Saal nach anderswo abgezügelt wird.

Es wäre eine Blamage für das reiche, ruhige, sichere Zürich. Oder mehr noch: ein wirklich trauriger Moment.

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