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1500 Mauerseglern rettete er bereits das Leben

Kurt Neuschwander setzt sich seit 60 Jahren für die Vögel ein. Doch die Tiere aufzupäppeln, liegt ihm nicht. Diese Aufgabe überlässt er seinen Mauerseglerpaaren – mit Erfolg.

Von Sarah Sidler Wallisellen – Wie jedes Jahr zu dieser Zeit wartet Kurt Neuschwander gespannt. Täglich besucht der 85-jährige Walliseller eine seiner vier Kolonien im Zürcher Unterland, um nachzusehen, ob seine gefiederten Freunde zurück sind aus ihrem Winterquartier in Südwestafrika. Doch noch sind die 34 Nistkästen beim Schulhaus Bruggwiesen in Brüttisellen unbewohnt. Ab und zu fliegt ein Spatz hinein oder hinaus. Vor kurzem hat er wie jedes Frühjahr mit seinen zwei jüngeren Mitstreitern Robert Sand und Hans Gossweiler die 150 Nistkästen für die Mauersegler wieder hergerichtet. Neuschwander hat sich vor 60 Jahren den einheimischen Vögeln, allen voran dem Mauersegler verschrieben. Er ist Mitglied und Ehrenmitglied in diversen Vogelschutzvereinen. Hitzetod droht unter dem Dach Die Nistkästen sind wichtig für die kaum 50 Gramm schweren Vögel. Sie finden in den modernen, perfekt isolierten Wohnhäusern keine Schlupfwinkel mehr, um zu nisten. Viele Nistkästen für ganze Kolonien befinden sich meist unter den Dächern von Schulhäusern. Die Nistkästen dienen auch als eine Art Kinderheim: Jährlich bringen Volieren, Tierrettungsdienste und -spitäler, aber auch Private Jungtiere zu Neuschwander, die sie hilflos am Boden sitzen aufgefunden haben. Nicht immer sind sie aus dem Nest gefallen», sagt Neuschwander. Manchmal haben sie dieses bewusst verlassen, weil ihr Nest direkt unter dunklen Dachziegeln liegt, wo es an heissen Sommertagen bis zu 70 Grad heiss werden kann. Doch diese Flucht bedeutet für Jungvögel häufig den Tod: In den ersten drei Monaten ihres Lebens können sie noch nicht fliegen, und zum Gehen sind selbst die Beine der erwachsenen Mauersegler ungeeignet. Sie sind ihrer Umwelt schutzlos ausgeliefert. Katzen, Greifvögel, besonders Baumfalken – man sagt, sie kommen und gehen mit den Mauerseglern –, sind ihre ärgsten Feinde. Aufpäppeln unmöglich Sind die Tiere unverletzt, versucht Neuschwander diese einem brütenden Elternpaar unterzujubeln. Der Walliseller hat einmal einen jungen Mauersegler sogar in eine Kolonie nach Winterthur gefahren, weil alle seine Nester schon von vier Jungvögeln belegt waren. Durchschnittlich 80 Mauerseglern jährlich rettet er so das Leben. «Insgesamt habe ich wohl 1500 Vögel vor dem sicheren Tod bewahrt», sagt Neuschwander stolz. Damit die Vogeleltern das Adoptivkind annehmen und mitfüttern, sollte es etwa gleich alt sein wie ihre leiblichen Jungen. Maximal vier Junge kann ein Mauerseglerpaar gleichzeitig grossziehen. Die drei Vogelschützer führen seit Jahren minutiös Buch, damit sie wissen in welchem ihrer über 150 Nistkästen welche Familie lebt, wie viele Junge sie hat und wie alt diese sind. Haben die Vogelschützer einen zusätzlichen Jungvogel ins Nest gelegt, schauen sie am nächsten Tag nach, ob sich die Adoptiveltern um den unverhofften Nachwuchs kümmern. Meist nehmen sie diesen problemlos an: «Der Muttertrieb der Tiere ist enorm. Bettelt ein Vogel, wird er gefüttert.» Eine Ausnahme machen Tiere, die ein verändertes Verhalten an den Tag legen. Beispielsweise, weil sie zu lange von Menschen gefüttert wurden.Wenn Jungtiere gesundheitlich stark angeschlagen sind, schiebt sie die Mutter aus dem Nest. «Schwer verletzte Vögel haben kaum Überlebenschancen», sagt Neuschwander. Menschen könnten diese Vögel nicht grossziehen. Er habe nie einen verletzten Jungvogel aufgepäppelt, das sei Tierquälerei: «Ich kann es nicht sehen, wenn frei fliegende Vögel eingesperrt werden.» 18-mal nach Südwestafrika Die Vogelschützer beringen die Tiere, die in ihren Kästen nisten. So haben sie herausgefunden, dass ein Mauerseglerweibchen bereits zum 18. Mal unter den Dächern des Schulhauses Bruggwiesen nistet. Auch wenn der Mauersegler nicht reist, legt er auf der Futtersuche täglich 600 Kilometer zurück. Für die 10 000 Kilometer lange Reise nach Südwestafrika braucht er einen Monat. «Ich verspüre grosse Ehrfurcht, wenn ich denke, welche Leistung, wie viele Kilometer ein Mauersegler in seinem Leben zurücklegt», sagt Neuschwander. Auch Neuschwander legte in seinem Leben viele Kilometer zurück: An seinem Handgelenk blinkt eine Uhr, die er von seinem Arbeitgeber für den millionsten Kilometer erhalten hat.» Der Walliseller kurvte als Lastwagenchauffeur durch die Schweiz und das nahe Ausland. Kurt Neuschwander mit einem Musternistkasten. 34 Stück sind unter dem Dach des Schulhauses Bruggwiesen in Brüttisellen angebracht. Foto: Reto Oeschger

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