50-Franken-«Busse» im Spital-Notfall: Bringts das?

Der Kantonsrat will 50 Franken erheben von Patienten, die sich selbst in eine Notfallstation einweisen. Was Fachleute dazu sagen.

Jahr für Jahr suchen mehr Leute die Notfallstationen in den Spitälern auf. Bild: Adrian Moser

Jahr für Jahr suchen mehr Leute die Notfallstationen in den Spitälern auf. Bild: Adrian Moser

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Die Zahlen scheinen eine klare Sprache zu sprechen: Jahr für Jahr müssen die Notfallstationen in den Spitälern mehr Patienten und Patientinnen behandeln. Ein beträchtlicher Anteil dieser Personen hat kein lebensbedrohliches Problem, sondern weist sich selbst ein. Im Unispital beispielsweise wurde ein Drittel der 45'000 Patienten, die im Jahr 2018 im Notfall waren, als nicht dringlich eingestuft. Am Spital Uster sind gut ein Viertel der Patienten medizinisch gesehen Bagatellfälle, im See-Spital in Horgen etwa jeder Zehnte.

Für den Kantonsrat ist das Grund genug, Gegensteuer zu geben, denn eine Konsultation in der Notaufnahme ist wesentlich teurer als eine beim Hausarzt. Künftig soll deshalb, wer sich selbst im Notfall einweist, eine Gebühr von 50 Franken zahlen müssen. Am Montag hat der Rat einen entsprechenden Vorstoss überwiesen, nun muss die Gesundheitsdirektion einen Gesetzesvorschlag ausarbeiten. Die neue Gebühr soll die Leute animieren, zuerst ihren Hausarzt aufzusuchen oder, wenn dessen Praxis geschlossen ist, die Notfallnummer 0800 33 66 55 anzurufen.

In Deutschland funktionierte die Praxisgebühr nicht

Fachleute bezweifeln, dass die Gebühr etwas bringen würde (sofern sie denn überhaupt rechtskonform eingeführt werden könnte). Professor Klaus Eichler, Leiter Versorgungsforschung am Institut für Gesundheitsökonomie an der ZHAW, sagt: «Wir glauben nicht, dass man Patienten mit einer solchen Gebühr herumschieben kann.» Stefan Reinhardt, Spezialist für Aggressionsmanagement in Spitälern und erfahrener Notfallpfleger, teilt diese Meinung: «Wer es sich leisten kann, der nimmt die fünfzig Franken Gebühr einfach in Kauf. Wer knapp bei Kasse ist oder eine hohe Franchise hat, der überlegt sich auch ohne diese Gebühr jeden Arztbesuch zweimal.»

«Wer es sich leisten kann, der nimmt die fünfzig Franken Gebühr einfach in Kauf.»Erfahrener Notfallpfleger

Reinhardt verweist auf die Erfahrungen, die man in Deutschland machte. Dort wurde 2004 eine Praxisgebühr von 10 Euro eingeführt, um den starken Anstieg der Zahl der Arztbesuche zu bremsen. 2012 wurde die Gebühr wieder abgeschafft. Der Grund: Eine riesige Bürokratie, jede Menge Ärger mit den Patienten und kaum positive Effekte.

Die meisten haben einen Hausarzt

In der Ratsdebatte war eines der Hauptargumente der Befürworter, dass viele Menschen die Notfallstationen aufsuchen würden, weil sie gar keinen Hausarzt mehr hätten. Das treffe vor allem auf Ausländer zu. Eine Einschätzung, die auch aus den Spitälern selbst zu hören ist. Mit Zahlen erhärten lässt sich diese These allerdings nicht. Eine Patientenbefragung der ZHAW am Waidspital zeigte, dass vier von fünf Personen im Notfall durchaus einen Hausarzt haben – und zwar nicht nur Schweizer, sondern in 75 Prozent der Fälle auch Ausländer.

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Das Schweizerische Gesundheitsobservatorium (Obsan) schreibt in einer Studie von 2018 zwar, dass die ausländische Wohnbevölkerung die Notfalldienste öfter in Anspruch nehme als die Schweizer. Obsan erklärt das aber vor allem mit der Altersstruktur: Mit 418 Konsultationen pro 1000 Personen sind Kinder unter sechs Jahren die Bevölkerungsgruppe, die am häufigsten den Notfalldienst in Anspruch nimmt.

Obsan hält die verfügbaren Zahlen ohnehin nur bedingt für aussagekräftig. Denn es gibt in dem ganzen Gefüge eine grosse Unbekannte: Die Zahl der Notfallkonsultationen bei Hausärzten und Walk-in-Praxen kennt niemand. Es ist also unklar, ob ein wachsender Anteil an Patienten den Spitalnotfall aufsucht oder ob insgesamt mehr Menschen notfallmässig zum Arzt gehen.

Der typische Notfall: Jung, männlich, verletzt

Warum aber gehen Patienten nicht zum Hausarzt, wenn sie krank sind? Für die Befürworter der Gebühr ist klar, dass dahinter eine gewisse Bequemlichkeit steckt, aber auch eine Anspruchshaltung. «Die Leute wollen nicht während der Arbeitszeit zum Arzt», sagte etwa Apotheker und CVP-Kantonsrat Lorenz Schmid in der Debatte vom Montag.

«Die Menschen gehen dorthin, wo sie ein niederschwelliges Angebot finden.»Klaus Eichler, Versorgungsforscher

Versorgungsforscher Klaus Eichler sieht das etwas anders. Die Erklärung ist aus seiner Sicht viel simpler: «Die Menschen gehen dorthin, wo sie ein niederschwelliges Angebot finden.» In den Notfallstationen müssen sie keinen Termin vereinbaren, sondern können einfach auftauchen, wenn sie Zeit haben. Und sie haben überdies die Garantie, dass sie alle Leistungen vor Ort haben, falls die Erkrankung schlimmer sein sollte als gedacht. Eine Rolle spiele aber auch die Art der Beschwerden, so Eichler: «Der typischste Notfallpatient im Spital ist ein junger Mann mit einer Verletzung, die genäht oder geröntgt werden muss.»

Notfall ist nicht gleich Notfall

Auch Notfallpfleger Reinhardt teilt die Einschätzung von Kantonsrat Schmid nicht: Die wenigsten Leute begeben sich aus blosser Bequemlichkeit in den Notfall, sagt er. Da seien etwa die Eltern, deren fiebriges Kind mehrere Nächte nicht durchgeschlafen hat – bis sie irgendwann halb krank vor Sorge im Notfall auftauchen. Andere hätten Angst um ihren Job, wenn sie tagsüber zum Arzt gingen. Dazu komme der Effekt, den die meisten Menschen kennten: Solange sie tagsüber abgelenkt seien, seuchten sie sich durch, abends dann merkten sie, wie schlecht sie sich fühlten. Und dann wollen sie möglichst schnell Hilfe. «Diese Patienten sind überzeugt, dass ihr Problem nicht warten kann. Und sie wissen einfach nicht, wohin damit.» Die Notfalltelefonnummern seien viel zu wenig bekannt.

Studien zeigen: Bis zu siebzig Prozent aller Patientinnen und Patienten haben Mühe, einzuschätzen, wie dringlich ein gesundheitliches Problem ist. Vital Schreiber, Chefarzt Chirurgie am Spital Uster, hält den Begriff Bagatelle deshalb grundsätzlich für ungünstig: «Jeder Patient fühlt sich durch seine Beschwerden so stark gestört oder verängstigt, dass er glaubt, nicht bis zum nächsten Tag warten zu können.»

Das sieht man in den anderen angefragten Spitälern ähnlich; die Stadtspitäler Triemli und Waid wollen aus diesem Grund auch nicht angeben, wie viele Notfallpatienten Bagatellfälle sind. «Das Verständnis, was eine Bagatelle ist, kann aus Sicht von Patientinnen und Patienten, Ärztinnen und Ärzten oder auch je nach Spital sehr unterschiedlich sein», schreibt Mediensprecherin Myriam Flühmann.

Im schlechtesten Fall gehen Leute zu spät zum Arzt

Die Spitäler, aber auch Versorgungsforscher Eichler warnen, die Gebühr könne im schlechtesten Fall nicht nur nichts bewirken, sondern sogar unerwünschte negative Auswirkungen haben. Bereits heute ist bekannt, dass wenig Verdienende tendenziell später zum Arzt gehen und damit gesundheitliche Risiken eingehen. Die Notfallgebühr könnte das noch verstärken. Für Eichler kommt noch etwas hinzu: «Da versuchen wir die Menschen jahrelang davon zu überzeugen, bei gewissen Symptomen rasch zum Arzt zu gehen, weil etwa bei einem Schlaganfall oder einem Herzinfarkt jede Minute zählt – und wenn sie dann kommen, versuchen wir sie mit einer Gebühr davon abzuhalten.»

Sinnvoller aus Eichlers Sicht sind Notfallpraxen, die den Spitälern angegliedert sind und in denen Hausärzte tätig sind. Das Waidspital etwa arbeitet mit diesem Modell, ebenso das Spital Uster. Das See-Spital in Horgen plant ebenfalls eine Hausarzt-Notfallpraxis. Im Unispital und im Triemli gibt es einen sogenannten Fast Track für Menschen mit wenig gravierenden Beschwerden. Dort arbeiten Assistenzärzte.

Die Daten aus dem Waid zeigen klar: Solche Notfallpraxen sind mit rund 300 Franken pro Konsultation nicht viel teurer als der herkömmliche hausärztliche Notfalldienst. Zum Vergleich: In der klassischen Notfallstation liegen die Kosten bei deutlich über 500 Franken.

Erstellt: 03.10.2019, 14:40 Uhr

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