«Es halbs Stündli no, okay?»

Der Street-Parade-Körper hat eine Million Köpfe, in Ekstase versetzt durch Beat, Sonne und Alkohol. Am Sonntagmorgen legt er sich im Hauptbahnhof hin.

Das sind die Highlights der Street Parade 2018. (Video: Tamedia/SDA)

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Während Stunden schlängelt sich die Street Parade am Samstag dem Seebecken entlang zum Mythenquai, dieses fleischfarbene Eine-Million-Köpfe-Wesen, aus dem die Arme unendlich-fach in den Himmel greifen, als gäbe es da oben etwas zu erhaschen, ein Stück Glück vielleicht.

Die Köpfe nicken unentwegt zum Beat, die Partypeople wiederholen ständig ihr Ja zu diesem Event; Ja zur Street Parade, Ausgabe siebenundzwanzig. Ja zur Musik, den Drogen, dem Alkohol, dem schlechten Geschmack. Nein zur Abgrenzung zwischen Geschlecht, Herkunft, Hautfarbe – eine «Culture of Tolerance», wie es das diesjährige Motto verordnet. Bei Tageslicht zeigt sich das riesige Wesen Street Parade friedliebend und von seiner glänzendsten Seite, gut ausgeleuchtet von den Drohnen, die es überfliegen.

Dann wird es Abend, wird es Nacht, wird allmählich der nächste Tag, Sonntag. In der Dämmerung zeigt das Street-Parade-Wesen sein anderes Gesicht. Man sieht es in seinen Auswürfen und Widersprüchen, die es hinterlässt, nachdem es sich davon gemacht hat.

Arbeit, hinterlassen als ein Haufen Dreck

Um 5.30 Uhr, es ist noch dunkel, ist die abgesperrte Strecke zwischen Bürkliplatz und Bellevue von Putzwagen und Gerüstbauern verstellt. Es riecht nach Urin und abgestandenem Alkohol, Scherben knirschen unter Rädern und Schuhen. Die Gerüstbauer nehmen die Musikbühnen auseinander, Sicherheitsleute marschieren über die Brücke, Putzequipen kehren mit Schneeschaufeln und Besen leere Flaschen, Zigarettenpäckchen und zerdrückte Wasserbecher zusammen. Wo die Musik dröhnte, ist es jetzt gedämpft, als habe jemand abrupt die Lautstärke runtergedreht.

Eindrücke: Unsere besten Bilder der Street Parade

Es sind fast nur dunkelhäutige Männer, die mit konzentriertem Blick den Boden fegen, gleichgemacht durch ihre orangen Uniformen. Nebenan ein paar übriggebliebene Partygängerinnen und Partygänger – alle weiss. Die Gruppe Jugendlicher sitzt auf den Bänken am See, versunken in die vergangenen Stunden und die Person gegenüber, die gefällt. «Wow, die isch mega hübsch!», flüstert einer seinem Kollegen zu. Die Putzmänner stehen abseits vom Spass, der sie vielleicht verwundert, denn sie sind ja wegen der Arbeit hier, hinterlassen als ein Haufen Dreck.

Kundenkönige mit silbernem Umhang

6.19 Uhr, es wird hell. Im Club Hive geht die Party weiter, noch immer stehen Leute an und wollen rein, wollen der Nacht noch einen draufsetzen. «Es halbs Stündli no, dänn gömer hei, okay?», befindet eine Gruppe Männer. Eine Durchhalteparole.

Im Innenhof sitzen die Gäste auf übergrossen Bänken und lassen die Beine baumeln, sie fläzen sich mit der Sonnenbrille auf den Liegestühlen, sagen «Geile Beat!» und «Eh nöd, hät sie zwei Mönet kei Sex meh gha!». Manche inszenieren auf dem Platz Mini-Performances, sobald sie vom Eingang herkommen oder zum Ausgang hinübergehen. Spontane Tanzbewegungen, beeindruckende Verrenkungen, maximale Aufmerksamkeit.

Die schönsten Outfits der Street Parade

Draussen vor dem Club warten die Taxichauffeure, sie alle sind schwarz. Wie Bedienstete suchen sie den Blickkontakt zu den Kundenkönigen, die mit Glitzer im Gesicht und silberfarbenem Umhang aus dem Hive kommen, und deuten deren Wünsche: «Taxi? Taxi?»

Der letzte Teil koppelt sich ab

7 Uhr. In der Halle des Hauptbahnhofs schlafen sie grüppchenweise auf dem Boden, mit Jacken über dem Gesicht und einer dünnen Decke als Unterlage. Als Kopfkissen dient der Rucksack oder der Bauch des Freundes. Die Ekstase ist verpufft, das Eine-Million-Köpfe-Wesen ist durch die Müdigkeit auseinandergebrochen und liegt jetzt zerstückelt da als einzelne Körper, zur Seite gerollt, mit angewinkelten Beinen und offenen Mündern.

Die Menschen liegen auch neben der Rolltreppe im Untergeschoss, vor den Schliessfächern, auf den Bänken des Restaurants Nordsee, vor den Ladentüren, im Warteraum. Als hätte der Zufall sie an diese Plätze geführt. Es sind Flüchtlinge der Nacht, Gestrandete, die in der Wirklichkeit angekommen sind. Leise umrundet die Polizei die Menschenhaufen, um sie nicht zu wecken, Putzmänner lesen mit der Greifzange Papierfetzen zwischen den Köpfen auf. Die Partygänger sind geduldet, weil sie nur die Zeit überbrücken, bis ihr Zug fährt, und weil sie nichts wollen, höchstens vorübergehendes Asyl, nur ein bisschen dösen.

Flüchtlinge der Nacht: Nach der Street Parade schlafen die Partygänger im Hauptbahnhof. (12. August 2018) Bild: Dominique Meienberg

7.30 Uhr. Einer ist noch aufrecht, ein Berner, er wankt beim Gehen. Er sucht nach jemandem, der ihm hilft. Auf dem Handy sollte die Adresse seines Hotels gespeichert sein, er hat den PIN vergessen. «Ich bin noch etwas drauf», entschuldigt er sich zum Abschied. Der letzte Teil des Eine-Million-Köpfe-Wesens Street Parade koppelt sich ab.

Erstellt: 12.08.2018, 15:03 Uhr

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